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Murnau-Preis: Auf der Suche nach dem kompletten Bild

Das Gefühl der Sehnsucht: Die Filmkünstler Werner Schroeter und Elfi Mikesch erhielten in Bielefeld den Murnau-Preis. Eine Laudatio. Von Daniel Kothenschulte

Fasziniert vom     Bild der Rose, das  Schönheit und Schmerz in sich vereint: Werner Schroeter und Elfi Mikesch.
Fasziniert vom Bild der Rose, das Schönheit und Schmerz in sich vereint: Werner Schroeter und Elfi Mikesch.
Foto: ddp

Liebe Elfi Mikesch, lieber Werner Schroeter, meine Damen und Herren, es gibt viele Versuche, Kunst zu definieren. Zu erklären, was denn diese Werke ausmacht, in all den verschiedenen Gattungen, Techniken und Medien, die es inzwischen gibt. Eine der brauchbarsten, wenn auch strengsten Definitionen dessen, was Kunst sein könnte, ist für mich der Titel eines Films, den Sie gemeinsam machten, "Abfallprodukte der Liebe".

Ich gebe zu, das ist wirklich ein strenges Kriterium. Nicht immer dürfen wir literweise Herzblut hinter den Dingen erwarten, die sich uns als Kunst präsentieren. Auch aus einem kleinen Geistesblitz kann ein großes Werk entstehen. Aber ein liebloses Kunstwerk, das ist ein Widerspruch in sich selbst. Wenn ich Ihr reiches filmisches Werk Revue passieren lasse, liebe Frau Mikesch, lieber Herr Schroeter, dann entdecke ich darin nichts, das nicht aus Liebe entstanden wäre. Aus Liebe zu den Menschen, aus Liebe zur Kunst. Oder im Falle des Films, den wir gleich erleben werden, dieser Reise zu den großen Opernsängerinnen des letzten Jahrhunderts, zu beidem auf einmal. Zu der Kunst und den Menschen, die diesen Ausdruck mit ihrer Stimme erschaffen. "Abfallprodukte der Liebe": Herr Schroeter, Sie sagten damals: "Der Titel des Films basiert auf der sehr persönlichen Überzeugung, dass alles, was wir mit der Stimme ausdrücken, das Produkt unserer Suche nach einer größeren Annäherung mit dem Anderen, nach der Liebe und sämtlichen denkbaren Liebesfähigkeiten ist."

Zur Person

Werner Schroeter (64), Regisseur, und die Kamerafrau und Dokumentaristin Elfi Mikesch (69) wurden jetzt in Bielefeld mit dem renommierten Murnau-Filmpreis geehrt - sowohl für ihre gemeinsamen Arbeiten wie "Der Rosenkönig" und "Malina" als auch für das jeweils eigene Schaffen.

Elfi Mikesch wurde auch durch die langjährige Zusammenarbeit mit Rosa von Praunheim und Monika Treut bekannt.Schroeter gewann 1980 den Goldenen Bären der Berlinale für das Drama "Palermo oder Wolfsburg". (fr)

Kamerafrau für Schroeter, Treut, von Praunheim: Elfi Mikesch
Kamerafrau für Schroeter, Treut, von Praunheim: Elfi Mikesch
Foto: ddp

Und Sie Frau Mikesch, Sie haben mir vor einigen Jahren in einem Interview etwas ähnliches gesagt über die Annäherung an den Anderen, die Sie in Ihren Dokumentarfilmen mit der Kamera erreichen: "Film ist nichts anderes als Kommunikation." Und Sie sagten weiter: "Ich glaube, besonders heute in einer Zeit der Ausgrenzung, gibt es noch viel zu vermitteln: Ob es Kinder sind, alte Leute oder Fremde, andere Kulturen. Je unsicherer die Zeiten werden, desto leichter zieht man Grenzen. Wir müssen uns fragen: Was gibt es uns, sich mit diesen Grenzen auseinander zu setzen? Was können wir lernen, das Probleme löst? Das hat mich bei meiner Arbeit immer geleitet, und es hat zu tun mit Anteilnahme. Wenn ich ausgrenze, gibt es keine Anteilnahme mehr, dann kann ich nicht einmal mehr zuschauen. Ich sage: Schaut einfach zu. Film ist die Möglichkeit, etwas anzuschauen. Besonders im Dokumentarischen."

Das ist der Moment, da wir Zuschauer ins Spiel kommen. Da wir durch das Zuschauen beteiligt werden. Herr Schroeter, Ihr Film "Palermo oder Wolfsburg", für den Sie 1980 den Goldenen Bären der Berlinale gewannen, ist eines der besten Beispiele. Es ist die Geschichte des italienischen Gastarbeiters Nicola, der in die Volkswagenstadt zieht, um seiner sizilianischen Familie daheim zu einem neuen Acker zu verhelfen, und der trotz aller Mühen ein Fremder bleibt. Was aber auch heißt, dass er seine Identität nicht preisgibt gegenüber einer irgendeiner Politikeridee von Integration. Auch in seinem Leiden bleibt er bei sich, in der Würde seiner Existenz.

Bis heute ist Ihr dreistündiger Film, gerade in einer restaurierten Fassung für das Kino und auf DVD neu erschienen, für mich einer der besten Filme zum Thema Migration geblieben, weil er den Zustand des Fremdseins als etwas menschliches und würdevolles beschreibt. Nicola bleibt sich treu auch in der Isolation.

Nicht jeder ist so stark. Jüngst starb in Hamburg ein 17-jähriger Flüchtling aus Georgien. Ein Kind vor dem Gesetz, und doch war er wie ein Krimineller in einem wuchtigen Gefängnisbau aus dem 19. Jahrhundert eingesperrt, wo er sich das Leben nahm. Wie eigentlich kommt eine zivilisierte Gesellschaft dazu, Menschen derart auszugrenzen, dass sie sich in den Tod getrieben fühlen?

Herr Schroeter, ihre Filme haben diese Frage oft gestellt, aber nicht mit den Mitteln eines abbildenden Realismus, sondern mit den bildnerischen Mitteln filmischer Poesie. Wie Ihr jüngstes Meisterwerk, "Diese Nacht", für das Sie 2008 beim Filmfestival von Venedig den Spezialpreis der Jury erhielten. Dieser Film entwirft eine ins Delirierende gesteigerte Vision eines Überwachungsstaates, einer Welt des Misstrauens. Zugleich ist da aber auch eine Schönheit, die sich nicht ersticken lässt. Und wer Ihnen begegnet, der trifft auf einen Künstler, der erschüttert ist an der Welt, die ihn umgibt. Und diese Trauer geben Sie der Welt in ihrer Arbeit zurück. Kein Wunder, wenn sie sich manchmal schwer tut daran.

Wir sprachen in einem Interview darüber, warum ein künstlerischer Film wie "Diese Nacht" nur noch schwer bei uns in Deutschland ein Publikum findet. Und Sie klangen er wie ein letzter, ungebrochener Avantgardist. "Die Menschen wehren sich nicht. Weil sie in den Familien nicht lernen, sich zu wehren. Sich sinnvoll zu wehren. Nicht zu pöbeln und zu revoltieren. Das einzufordern, was zu einem kompletten Bild gehört."

Das "komplette Bild", was für ein wunderbares Wort für das, was wir vom Kino erwarten dürfen. Aber viel zu selten einfordern. Und was Sie beide, liebe Frau Mikesch, lieber Herr Schroeter, nicht müde werden, weiterhin zum Maßstab zu nehmen. Wir leben in einer Zeit, in der es einen großen Reichtum gibt an zeitgenössischer Kunst. Und ebenso im Filmschaffen rund um den Globus. Im Spielbetrieb der deutschen Kinos aber ist von Filmkunst immer seltener die Rede.

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Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  20 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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