Pariser Nachtschwärmer kennen das. Wo sie einen Hort der Ausgelassenheit vermuten, stoßen sie auf verschlossene Türen. Wer die Nacht zum Tage machen wolle, solle besser den Billigflieger nach Berlin, Barcelona oder London nehmen, raten Studenten einer Pariser Handelsschule, die eine Vergleichsstudie zum Nachtleben europäischer Metropolen angefertigt haben. Paris sei eben eine Museumsstadt.
Nur: In diesen Adventswochen ist das Risiko hoch, dass just die Museen ihre Tore schließen - und zwar auch tagsüber. An den Glastüren des Centre Pompidou erwarten den Besucher seit Montag vergangener Woche keine Ausstellungsplakate mehr, sondern Blätter, auf denen in unterschiedlichen Schriftzügen ein Wort prangt: Grève, Streik.
Am Mittwoch haben sich Orsay- und Rodin-Museum dem Ausstand für 24 Stunden angeschlossen. Denkmalpfleger legten ebenfalls die Arbeit nieder. Touristen, die den Triumphbogen oder die Türme von Notre Dame hinaufsteigen wollten, zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Am Donnerstag meldete die Agentur afp Streikaktionen aus dem Louvre und Versailles. Außerhalb von Paris blieben zudem das Picasso-Museum von Vallauris oder auch das Schloss von Pau geschlossen.
Der Arbeitskampf richtet sich gegen Stellenabbau und das finanzielle Ausbluten des Kulturbetriebs in Zeiten der Krise. Während Deutschlands Kulturschaffende an Sparmaßnahmen schwer zu kauen haben, aber schweigen, üben sich die Kollegen in Frankreich in Protestkultur. Staatschef Nicolas Sarkozy hat angekündigt, dass im öffentlichen Dienst von zwei altersbedingt ausscheidenden Beschäftigten nur noch einer ersetzt werden solle. Lehrer, Bahn- und Postbedienstete haben dagegen bereits mehrfach gestreikt, ohne dass es Sarkozy sonderlich beeindruckt hätte.
Wenn die dem Kulturministerium unterstellten Angestellten nun ebenfalls rebellieren, dann deshalb, weil die geplanten Einschnitte sie teilweise besonders hart treffen. Das Centre Pompidou sieht sich gar in seinem Bestand gefährdet. Nicht nur, dass der Etat des Hauses auf dem Niveau von 2003 bei 77 Millionen Euro eingefroren wurde. Sollte tatsächlich nur jeder zweite in Rente gehende Mitarbeiter ersetzt werden, würde die Belegschaft 2010 um 26 und 2011 um 23 Mitarbeiter schrumpfen. Fast die Hälfte der Beschäftigten ist dort über 50 Jahre alt.
Im Kulturministerium beklagt man derweil, dass das Centre Pompidou "nicht eben ein Musterbeispiel für Effizienz und rationales Wirtschaften" sei. Sämtliche Museen stünden in der Pflicht, sich private Einnahmequellen zu erschließen. Zugleich signalisierte das Ministerium aber auch Entgegenkommen. Anstatt 26 sollten im Centre Pompidou 2010 nur 18 Stellen gestrichen werden, bot Kulturminister Frédéric Mitterrand an. Noch immer zu viel, hießt es aus dem Museum.
Vergeblich haben Gewerkschaftsführer und Minister in der Nacht zum Donnerstag versucht, den Konflikt zu entschärfen. Die Betroffenen griffen anschließend zu eher derbem Vokabular. "Der Minister ist ein Hampelmann, sein Ministerium organisiert den Ausverkauf des öffentlichen Dienstes und der Kultur", schimpfte Dominique Noël von der Gewerkschaft SUD.
Mitterrand mag darauf setzen, dass die Bereitschaft zum Protest zwar groß ist, die Neigung, der Schlagkraft zuliebe individuelle Belange zurückzustellen und landes- oder auch nur hauptstadtweit die Reihen zu schließen, aber gering. Am Donnerstag wurde Museum für Museum auf Betriebsversammlungen darüber abgestimmt, wie man dem Ministerium jeweils Paroli zu bieten gedenkt - mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Für Museumsbesucher heißt das: Welche Ausstellungsstätte wann ihre Tore schließt, ist kaum vorherzusagen. Spontaneität gehört eben auch zu Frankreichs Protestkultur.