Zu den Weltwundern, wie es denn nun wirklich mit ihr gewesen sein mag, zählt der Erdenbewohner schon lange auch die Arche Noah. Er hat sich von ihr ein Bildnis gemacht, beharrlich, seinen Fantasien freien Lauf lassend. Alle festen Vorstellungen aber fingen an mit der Bibel, denn in der Genesis 6,15 wurden gar die Maße der Arche überliefert: Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch sollte sie sein - so ließ sich Gott zitieren.
Aber ob all dem wirklich so war? Ein Schiff in den Dimensionen eines heutigen Ozeanriesen?
Da der Mensch seit Adam und Eva ein extrem neugieriges Wesen ist, handelte er sich mit Beginn seiner Existenz erhebliche Schwierigkeiten ein. Weil sein Wissensdrang seitdem nicht versiegte, ist es so, dass Forscher aus der Türkei und China auf dem Berg Ararat, dem gewaltigsten Massiv in der heutigen Türkei, die Überreste der Arche Noah gefunden haben wollen, in 4000 Meter Höhe. Von einem Sichersein zu 99,9 Prozent sprechen die Forscher, die von der christlichen Organisation "Noah´s Ark Ministries International" (Nami) ausgesendet wurden. Die Nami-Leute sagen, dass das Alter des Zypressenholzes auf etwa 4800 Jahre datiert werden müsse.
Nun tauchen schon seit dem 19. Jahrhundert immer wieder die tollsten Hinweise auf die Existenz der Arche auf dem 5100 Meter hohen Ararat auf. Zu den sagenhaften Geschichten gehört die eines kurdischen Hirtenjungen, der, da ihm ein Zicklein abhanden gekommen war, durch Zufall die große Entdeckung gemacht haben soll. Die Geschichte wurde nicht weniger fantastisch dadurch, dass sich 1856 Engländer und ausgewiesene Atheisten auf die Fährte gesetzt haben sollen. Seitdem schwoll die Wiederentdeckungsfreude an, Bibelaktivisten beteiligten sich ebenso wie historische Materialisten, Naturalisten und Idealisten, steinreiche Autodidakten und unscheinbare Archäologen - doch bis auf den heutigen Tag sind wissenschaftlich unumstrittene Beweise ausgeblieben.
Was darf die Menschheit glauben? Was soll sie also von dem jüngsten Coup halten?
Nicht erst seit dem Tag, als die Bibel in die Buchhandlungen kam, gehen unter den Menschen deren Große Erzählungen um. Und irgendwann beteiligte sich auch ein so modernes Medium wie der Film an der Bilderproduktion der Arche. Gerade Hollywood ließ die eine oder andere Nussschale zu Wasser, damit wurden jedoch nicht nur Klischees verbreitet - es sei denn, man betrachtet die mittelalterlichen Vorbilder, nach denen das geschah, als Klischees.
Der Rumpf der Arche, etwa in John Hustons "Die Bibel", war 1965 derart bauchig, dass sie einem Mutterbauch glich. Darin geborgen all das, was bis zum Eintreffen des Großen Regens auf Erden kreuchte und fleuchte und schließlich als Flut so sehr anschwoll, dass das paarweise bevölkerte Schiffchen wie eine Blase durch ein aufgewühltes Fruchtwasser irrte.
Natürlich ist dieser Mythos auch ganz anders erzählt worden - Mythen dürfen das. So setzte das späte Mittelalter in seiner Endzeitstimmung die Besatzung der Arche in eine (Brueghel zugeschriebene) Kapsel, die uns heute den Gedanken an ein dunkelgelbes Unterseefahrzeug aufdrängt.
Es konnte aber auch ganz anders kommen, denn die spanische Beatus-Apokalypse des ausgehenden 12. Jahrhunderts stapelte die Arche zu einem sieben(!)geschossigen Wohnhaus, andere wiederum zu Pagoden, deren Vorbilder nicht aus dem Abendland stammen konnten. Das Schiff des Urvaters - ein Vehikel des Kulturtransfers zwischen Orient und Okzident, und bereits mit dieser Geschichte verbanden sich ungezählte, nicht erzählte andere.
Ein rechteckiges Boot?
Bilder schrieben den Mythos fort, veränderten, überschrieben, übermalten, bis hin zur Dekonstruktion. Die Form der Arche blieb ein Gegenstand der widersprüchlichsten Ansichten, ihre Architektur - ein Spekulationsobjekt.
Was aber war noch wahr? Gott hatte, um Noah eine Überlebenschance zu geben, angeregt: Richte ein unteres, ein zweites und ein drittes Stockwerk ein. Auch hatte die Bibel gesagt, die Arche sei ein rechteckiges Boot gewesen.
War das wahr?
Es ist ein Köhlerglaube, von richtigen oder falschen Mythen zu sprechen. Die Wahrheit des Mythos liegt in seiner Wirkmächtigkeit - oder sie geht ihm ab. Ein Mythos ohne Wirkung ist einer ohne Wahrheit.
Etwa 3000 Jahre alt sind die biblischen Sintflutgeschichten und damit gut 1000 Jahre jünger als der Sintflutmythos des babylonischen Gilgamesch-Epos. Die Wissenschaft heute legt viel Wert darauf, dass eine gigantische Ökokatastrophe Auslöser für die Mythen von der Großen Flut war, höchstwahrscheinlich der Zusammenbruch eines Landriegels am Marmara-Meer, in Verlängerung des Mittelmeers. Der Durchbruch um etwa 6700 vor Chr. und seine Auswirkungen, wochenlangen Tsunamis in der Schwarzmeerregion, wo der Wasserspiegel 70 Meter tiefer lag, scheint heute die plausibelste Lesart - damit ist aber noch nicht erklärt, warum die Menschheit weltweit immerhin 250 Flutsagen in die Welt setzte.
Eines Tages, das ist nicht auszuschließen, wird die Archäologie dem Menschen ein präzises Bild auch von der Arche vor Augen stellen können. Damit wird diese allein der Wind- und Wellenkraft überantwortete Keimzelle der Gutmenschen auf immer und ewig entzaubert worden sein, wie ja bereits auch die irdische Herkunft einer Flut.
Der Mensch wird sich daran gewöhnt haben, dass sie nicht vom Himmel fiel, er wird ihr Datum kennen. Und wenn der Mensch dabei Arche murmelt, wird er sich einmal mehr "Schachtel" sagen. Oder "Kiste". Was Arche ja streng genommen heißt, obwohl es die Menschheit verstanden hat, sich von dieser Vorstellung immer wieder zu lösen, etwa mit der nie versiegenden Kraft und Unterstützung des Mythos.
Keine Frage, der Mythos ist dafür verantwortlich, dass wir schon seit ein paar Jahrhunderten eine Vorstellung von der Arche haben, ihrem Rumpf, ihren Aufbauten. Das erklärt ihr Satteldach, steil wie im Nürnberg des Mittelalters. Das heißt nicht, dass in diesem oder jenem Bild andere Dachformen verbannt gewesen wären, unter urgemütlichen Schindeln. Nein, es fehlte nicht einmal der gotische Erker.
Zweifellos schwer hatte es jedoch das Flachdach, und auch daraus ließen sich Legenden spinnen - nicht weil die Menschheit heute umgehend an das Bauhaus dächte. Nein, es gab Zeiten, da gingen Vorfahren bereits in Jericho unter flachen Dächern ein und aus, was vor heute mindestens 8000 Jahren geschah - jedenfalls lange, bevor die Arche auch nur angedacht war.
Aber auch das, so schön die Spekulation sein mag, ist wohl nicht wirklich eine heiße Fährte.