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Nachtrag zu Bayern vs. Inter: Titel-Dreifaltigkeit

Fußball ist das Opium des Volkes. Glaubensersatz, hält die Menschen von sozialen Revolutionen und umstürzlerischen Plänen ab. Spiele werden zelebriert und Stadien sind die Kathedralen der Gegenwart. Woran glaubt man eigentlich? Von Franzobel

Nichts ist für diese Fans wichtiger auf der Welt als ihre Top-Mannschaft.
Nichts ist für diese Fans wichtiger auf der Welt als ihre Top-Mannschaft.
Foto: ddp

Fußball ist das Opium des Volkes. Glaubensersatz, hält die Menschen von sozialen Revolutionen und umstürzlerischen Plänen ab. Spiele werden zelebriert. Man spricht vom heiligen Rasen, pilgert zu Spielen, singt Choräle, die Pokale gleichen der Monstranz, die Schals der Stola, der Strafraum einer Kirchenapsis und das Tor dem heiligen Altar. Stadien sind die Kathedralen der Gegenwart.

Nur woran glaubt man eigentlich? An Siege, Meisterschaften und ein ewiges Leben im Fußballhimmel. Aber was passiert, wenn eine Mannschaft - so wie jetzt Inter Mailand - alles gewinnt? Die heilige Titel-Dreifaltigkeit, das Triple! Werden Spieler und Anhänger dann unsterblich? Hat man einem historischen Ereignis beigewohnt? Ist man eingegangen in die zeitlose Unendlichkeit? Hat sich jeder Traum vom Paradies erfüllt - und müsste man nicht jetzt konsequenterweise die Anhängerschaft beenden, den Verein auflösen?

Glauben Sie an die Unendlichkeit? Manche meinen ja, dass das unmöglich ist, weil wenn unser Universum unendlich wäre, es auch unendlich viele Sonnen geben müsste und unser Himmel somit immer hell erleuchtet wäre. Aber vielleicht sind diese unendlich vielen Sonnen einfach unendlich weit von uns entfernt, so dass ihr Licht uns noch unendlich lange nicht erreicht? Oder sollten sich kosmische Wolken vorgeschoben haben? Wenn es aber endlich wäre, das Universum, wie sähen dann die Grenzen aus? Mit einem rot-weiß-roten Schranken, Zollhüttchen und Grenzpatrouillen? Mit Schildern: Ende Gelände! Achtung! Hier endet das Universum! Verlassen auf eigene Gefahr! Und was wäre dahinter? Das Nichts? Die Randsportart?

Vielleicht ist das Universum eine Möbiusschleife? Oder wie Fußball? Mit unendlich vielen Meisterschaften, die wie Sonnen leuchten? Abstiegszonen, schwarzen Löchern? Vielleicht schließt auch im Universum das Finale ohne großen Übergang (Sommerpause) an eine erste Runde an? Zumindest praktisch ist kein Ende abzusehen.

Soeben erst haben Robben und Sneijder, Schweinsteiger und Eto´o brilliert, stand am einen Ende ein Cesar, am anderen ein Butt. Im Fußball kann man zwar in den Himmel eingehen, aber ausruhen kann man sich dort nicht. Kaum steht der Ausgang fest, man im Konfettiregen (geweihte Oblaten?), bricht schon die nächste Galaxie herein. Fußball lebt von Hoffnung - und die stirbt bekanntlich nie. Auch eine Form Unendlichkeit.

Franzobel lebt als Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien: Österreich ist schön: Ein Märchen (Zsolnay Verlag).

Autor:  Franzobel
Datum:  24 | 5 | 2010
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