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Nachtrag zur Hegemann-Debatte: Was wirklich geschah

Nach der Hegemann-Debatte steht fest: Erstens - Literaturkritiker treffen sich lieber mit jungen Mädchen, als Bücher zu lesen. Zweitens - eine Autorin wurde zu Unrecht beschädigt. Von Peter Michalzik

Helene Hegemann, inzwischen 18 Jahre alt geworden.
Helene Hegemann, inzwischen 18 Jahre alt geworden.
Foto: dpa

Nein, bitte nicht noch mal den Axolotl. Wenn wir von irgendetwas in den Zeitungen der vergangenen Monate genug hatten, dann waren es Beiträge zur Hegemann-Debatte.

Im Prinzip kann man diese Debatte auf eine einfache Frage zurückführen, sie wurde so auch in einem Blog gestellt: Wem gehört das Wort "Vaselinetitten"? Es wurde verwendet von Helene Hegemann und eben zuvor von Airen in seinem Roman "Strobo". Die Antwort auf diese Frage ist ebenso einfach und braucht keine Debatte: Einmal in der Welt, gehören die Vaselinetitten jedem. Wir wüssten aber schon gerne, wer sie auf die Welt gebracht hat.

Dass sie uns da nicht informiert hatte, daraus ergab sich der Vorwurf an die mittlerweile 18-jährige Helene Hegemann. Entsprechend der Schwere ihres Vergehens wurde dieser Vorwurf mit großer moralischer Wucht vorgebracht und eifrig diskutiert - und eben das war dann die Hegemann-Debatte, die wir damit gut sein lassen.

Wir wollen hier nur ein paar Daten nachtragen. Daten sind langweilig, und diese Daten hier haben auch noch den Nachteil, im Prinzip bekannt zu sein. Die erste Auflage von Helene Hegemanns Buch "Axolotl Roadkill" erschien am 20. Januar dieses Jahres. Die zweite Auflage wurde im Lager in Stuttgart am 1. Februar angeliefert und am 2. Februar fakturiert - hier wollen wir möglichst genau sein. Gedruckt worden war diese zweite Auflage, wie die anderen Auflagen auch, etwa vier bis fünf Tage zuvor, also sagen wir am 28. Januar. Die dritte Auflage ist dann am 8. Februar eingegangen und die vierte am 22. Februar.

Wie weithin in der Hegemann-Debatte bekannt wurde, hat sich Helene Hegemann in der ersten Auflage ihres Buches bei allen möglichen Freunden, Vorbildern und Inspiratoren bedankt, nicht aber bei Airen, dem Erfinder der Vaselinetitten und anderer Wörter, die Hegemann verwendet hat. Das hat sie erst in der zweiten Auflage nachgeholt.

Und genau das war es, was ihr angekreidet wurde, nicht die Verwendung des fremden Wortes an sich, das tun ja alle, sondern der Versuch, damit unbemerkt durchzukommen und uns vorzumachen, dass sie sexuelle Erfahrungen und Drogenerfahrungen und Cluberfahrungen habe, die sie gar nicht hatte. Damit aber war sie des schweren Wortmissbrauchs und Vaselinetittendiebstahls und Vertrauensbruchs überführt. Diesem Umstand war die moralische Wucht geschuldet, mit der man auf Hegemann losging oder sie verteidigte.

Bekannt gemacht hatte die Angelegenheit, auch das ist bekannt, der Blogger Deef Pirmasens. Das geschah am 5. Februar. Wenn wir nun dagegen halten, dass die zweite Auflage, in der Hegemann sich bei Airen bedankte, bereits am 28. Januar gedruckt worden war, dass Hegemann mithin in der Zeit zwischen dem 20. Januar und dem 28. Januar Airen ihrer Dankliste hinzugefügt hat, und zwar von sich aus, fällt der gesamte moralische Aplomb, mit dem ihre Unterlassung bemerkt und kommentiert wurde, in sich zusammen.

Die Hegemann-Debatte war eine Luftnummer. Man diskutierte unter Voraussetzungen, die es gar nicht gab. Als sicher kann dagegen gelten: Hegemann wollte niemanden beklauen, sie wollte niemanden hinters Licht führen und sie wollte auch keine Worte missbrauchen.

Wenn man dann noch daneben legt, was sie in dem Interview gesagt hatte, das der Verlag den Presseexemplaren beigelegt hatte, fällt der Vorwurf gegen Hegemann, die mittlerweile vor allem als Plagiatorin berühmt ist, vollends in sich zusammen. "Das Buch hat wirklich nichts mit meinen eigenen Erfahrungen oder meinem eigenen Leben zu tun, und sobald mir unterstellt wird, das seien meine persönlichen Tagebuch-Einträge, kommt mir das direkt total übergriffig und wie ein Neutralisierungsversuch vor." Da dachten alle, das sei geflunkert, um sich zu schützen und dem Vorwurf des billigen Biographismus zu entgehen, aber man wisse ja, wie das gehe.

Hegemann aber fuhr in ihrem Interview unbeirrt fort: "Es ist Fiction ... Mir hat es einfach Spaß gemacht, bestimmte Sachen auszudenken und die mit bestehenden Fragmenten aus Filmen oder Zeitschriften oder Büchern oder Geschichten aus meinem Umfeld zusammenzufügen." Das beschreibt ziemlich genau, was sie mit Airens "Strobo", aber nicht nur mit "Strobo", gemacht hat. Man wusste alles, sie hat nichts verheimlicht. Wo aber lag dann das Problem?

Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht und wollen auch nicht mehr darüber nachdenken. Offensichtlich hat sich das Feuilleton vor allem mit sich beschäftigt. Alles weitere überlassen wir einer späteren Germanistik, falls die sich noch dafür interessieren sollte.

Was bleibt? Erstens: Eine zu Unrecht beschädigte junge Autorin. Zweitens: Eine Bestätigung alter literarischer Frontlinien. Auf der einen Seite stehen die Verfechter einer gemessenen und immer angemessenen Sprache, die sozusagen die Wirklichkeit beherrscht. Auf der anderen Seite stehen die Fans einer Sprache, die von der Wirklichkeit durchgeschüttelt wird und die sie deswegen für authentisch halten. Drittens: Die Erkenntnis, dass die Literaturkritiker auch lieber junge Mädchen treffen als Bücher lesen. Viertens: Eine Verunklarung dessen, was Copy & Paste bedeutet und was ein Plagiat ist. Vielen Dank.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  1 | 4 | 2010
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