Die Globalisierungsgegner werden erwachsen: Sie wollen mit zivilem Ungehorsam bei der Klima-Konferenz in Kopenhagen gerechte Lösungen durchsetzen. Von Naomi Klein
Aktivisten protestieren in Jakarta für den Klimaschutz (02.12.2009).
Foto: afp
Aktivisten protestieren in Jakarta für den Klimaschutz (02.12.2009).
Foto: afp
Vor einigen Tagen erhielt ich ein Exemplar von "The Battle of the Story of the Battle of Seattle" von David und Rebecca Solnit. Das Buch erschien zum zehnten Jahrestag der legendären Demonstration gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) am 30.11.1999 in Seattle. Von dort ging damals eine weltweite Verbreitung der globalisierungskritischen Bewegung aus.
In dem Buch wird auf faszinierende Weise beschrieben, was 1999 in Seattle wirklich geschah. Als ich aber mit David Solnit sprach, der ein glühender Verfechter der direkten Aktion ist und damals entscheidend zum Abbruch der WTO-Konferenz beigetragen hatte, hatte er wenig Interesse daran, in Erinnerungen zu schwelgen. Vielmehr wollte er über den anstehenden Klimagipfel in Kopenhagen (7.-18. Dezember) sprechen und über die Aktionen für "Klimagerechtigkeit", die er und andere in den gesamten USA aktuell organisieren. "Das wird ganz ähnlich wie in Seattle", sagt Solnit. "Die Leute sind am Ende ihrer Geduld."
Aktivisten protestieren in Jakarta für den Klimaschutz (02.12.2009).
Foto: afp
Aktivisten protestieren in Jakarta für den Klimaschutz (02.12.2009).
Foto: afp
Die Mobilisierung für Kopenhagen erinnert tatsächlich an die Ereignisse in Seattle: eine große Anzahl ganz verschiedener Gruppierungen, eine breit gefächerte Strategie und Entwicklungsländer, deren Vertreter am Verhandlungstisch die gleichen Forderungen stellen wie die Aktivisten auf der Straße.
Aber in Kopenhagen sollen nicht einfach die Aktionen von Seattle wiederholt werden. Eher scheint eine Art von tektonischer Plattenverschiebung stattgefunden zu haben und eine Bewegung entstanden zu sein, die nun ihre Kraft sowohl aus den Errungenschaften als auch aus den Fehlern der Vergangenheit schöpft.
Dürre und Flut
Bildergalerie ( 22 Bilder )
Ein Tourist fotografiert die Ruine eines Hauses, das vor 50 Jahren auf den Grund des Eucumbene-Stausees in Australien verschwand. Seit das Wasserreservoir trocken gefallen ist, erlebt das Städtchen eine eigenartige Renaissance als Plünderstätte für Souvenirjäger.
Foto: rtr
Australien wird seit Jahren von einer anhaltenden Dürre heimgesucht. Hier besucht Bauer Bill Finlayson ein leeres Wasserreservoir auf seinem Grund, 800 Kilometer nordwestlich von Sydney (2002).
Foto: rtr
In Brewarrina, 800 Kilometer nordwestlich von Sydney, hat es seit sieben Jahren nicht mehr richtig geregnet. Einst waren hier grüne Weiden, doch mittlerweile verdurstet das Vieh trotz Unterstützung der australischen Regierung.
Foto: rtr
Nicht nur in Australien, auch in der südwestlichen Provinz Sichuan in China gibt es eine Dürrekatastrophe, von der über 4,8 Millionen Menschen leiden. Im Bild der Bauer Liu Zushou (79), der sich auf seinem verdorrten Feld am Rande von Suining im Südwesten von Sichuan ausruht.
Foto: rtr
Die Bewohner von Suining, Provin Sichuan, erwarten die Wasserlieferung der Regierung. In der Region gibt es keine ausreichende Wasserversorgung mehr.
Foto: rtr
Eine einsame Blüte blüht auf dem Grund eines ausgetrockneten Tümpels am Rande von Kunming, im Südwesten von China (Provinz Yunnan).
Foto: rtr
Eine Motorradfahrerin schützt ihr Gesicht mithilfe eines Schals gegen den Staub an einem windigen Tag im Mai in Shenyang, der Hauptstadt der Provinz Liaoning. In Nordchina gibt es aufgrund der Dürre im Frühjahr immer öfter Sandstürme. Von der Trockenheit im Norden seien etwa 16,3 Millionen Hektar Ackerland betroffen, mehr als zwölf Prozent der landesweiten Gesamtfläche. Die Trinkwasserversorgung für 14 Millionen Menschen ist gefährdet.
Foto: rtr
Paradoxerweise gibt es in China derzeit nicht nur eine Dürre, sondern auch eine Flutkatastrophe: Am Drei-Schluchten-Staudamm muss das Wasser des Yangtze-Fluss in die niedrigere Staustufe abgelassen werden. Der Stausee hatte am 22. Juli 2007 seinen bisher höchsten Wasserstand. Grund dafür waren sintflutartige Niederschläge in der Provinz Hubei in Zentralchina.
Foto: rtr
Das Tiefland entlang des Yangtze wird im Sommer durch starke Regenfälle regelmäßig überschwemmt. Die Aufnahme des Rettungstrupps der Bewohner von Jintang, Sichuan Provinz, aus den Fluten rettet, datiert auf Juni 2004.
Foto: rtr
Die Gassen von Chongqing im Südwesten Chinas verschwinden unter Wassermassen. 15 Menschen wurden am 17. Juli 2007 von einem 16-stündigen Sturm getötet, der eine Flutkatastrophe zur Folge hatte.
Foto: rtr
Auch in Indien sind die Auswirkungen der globalen Erderwärmung deutlich zu spüren. Die Regionen im Norden und Westen des westindischen Bundesstaats Gujarat leiden seit mehr als zehn Jahren unter einer Dürre. Stauseen, Brunnen und Tümpel sind längst ausgetrocknet, die Temperaturen steigen auf über 44 Grad im Schatten. Das Bild zeigt Menschen, die von weit her kommen, um am riesigen Brunnen im Dorf Natwargadh im Gujarat Wasser zu holen.
Foto: rtr
Im Westen des Gujarat treibt ein Hirte seine unterernährten Kühe. Über die Hälfte der Dörfer beklagen in der Region akuten Wassermangel, von dem knapp 10 000 Menschen betroffen sind. 2006 ist der Monsoon, die jährliche Regenzeit gänzlich ausgefallen.
Foto: rtr
Während manche Provinzen im Gujarat völlig ausgetrocknet sind, benutzen Einwohner der Stadt Surat ein Schlauboot als Verkehrsmittel. Im August 2006 ertranken 291 Menschen in Folge von Überschwemmungen während der Regenzeit. 50 000 Menschen mussten evakuiert werden.
Foto: dpa
Einwohner der Stadt Surat erwarten auf den Dächern ihrer Wellblechhäuser auf Hilfe. (August 2006) 650 000 Menschen verloren durch schwere Regenfälle in den indischen Bundesstaaten Gujarat, Andhra Pradesh und Maharashtra ihr Zuhause.
Foto: ap
Eine zerstörte Brücke nahe dem Dorf Gudhikhal im Bezirk Balasore, 250 Kilometer nördlich von Bhubhaneshwar, Gujarat. 107 Opfer hat der Monsoon 2007 in der Region gefordert.
Foto: rtr
Ein Obst- und Gemüseverkäufer verkauft seine Waren auf der überschwemmten Straße in der Stadt Dhadhuka, Gujarat. Ende Juni 2007mussten in der Region 2500 Menschen evakuiert werden.
Foto: rtr
Der Klimawandel macht vor Staatsgrenzen nicht halt und unterscheidet auch nicht zwischen armen und reichen Ländern: Im August 2002 erlebte Dresden die schlimmste Flut seit mindestens 150 Jahren, als die Elbe über ihre Ufer trat. Im Osten Deutschlands mussten Zehntausende Menschen ihr Zuhause verlassen.
Foto: rtr
Eine Frau sitzt auf einem notdürftig aus Sandsäcken errichteten Damm im Dresdener Stadtteil Laubegast. Im August 2002 wurde hier der Ausnahmezustand ausgerufen, mindestens sechs Menschen fielen der Flut zum Opfer.
Foto: rtr
Der Bundesgrenzschutz evakuiert Einwohner von Pirna an der Elbe, 40 Kilometer südlich von Dresden, während der Jahrhundertflut 2002.
Foto: rtr
Da der Zwinger von der Flut verschont blieb, wurden hier alte Gemälde in Sicherheit gebracht.
Foto: rtr
Die - nicht zuletzt durch den Klimawandel bedingte - Wasserknappheit wird mehr und mehr zu einem Hauptproblem der Menschheit. Im Bild eine Sudanesin, die aus dem Krisengebiet Darfur geflohen ist, sammelt Regenwasser, um es zum Trinken und Kochen zu verwenden. Sie lebt in einem provisorischen Flüchtlingslager in der Nähe von Jaach, einem Dorf im Bundesstaat Awil im südlichen Sudan. Das Auffangen von Regenwasser wird in Zukunft eine große Rolle spielen für die Versorgung der Menschheit, sagt der Wissenschaftsautor Fred Pearce.
Foto: rtr
Ein Gummistiefel steckt auf einem Zaunpfosten auf dem Gelände der Stadt Adaminaby, etwa 150 Kilometer südlich von Canberra. Vor 50 Jahren wurde die Stadt geflutet und ein riesiges Wasserreservoir, der Eucumbene-See, entstand. Durch die Dürre, die Australien heimsucht, ist der See mittlerweile vollständig ausgetrocknet.
Foto:
rtr
Fotostrecken Frankfurt
Berlinale 2012
Berlinale 2012
Berlinale 2012
Musik
Berlinale 2012
Eine Arbeiterin in einer Ziegelfabrick in Bangladesch. Die Emissionen dieser Anlage verursachen eine schwerwiegende Luftverschmutzung.
Foto: bilderberg
Eine Arbeiterin in einer Ziegelfabrick in Bangladesch. Die Emissionen dieser Anlage verursachen eine schwerwiegende Luftverschmutzung.
Foto: bilderberg
An der Bewegung, die von den Medien unbeirrt als "Antiglobalisierung" tituliert wird, wurde immer wieder kritisiert, dass es zwar jede Menge Beschwerden gab, aber keine konkreten Verbesserungsvorschläge.
Im Gegensatz dazu steht in Kopenhagen nur eine einzige Sache auf der Tagesordnung - der Klimawandel. Und die sich formierende Bewegung denkt sehr dezidiert über dessen Ursachen und mögliche Gegenstrategien nach und spricht dabei im Grunde auch alle anderen Probleme an, die es auf unserem Planeten gibt.
Denn das Klima wandelt sich nicht nur wegen konkreter Umweltsünden, sondern auch wegen der zugrunde liegenden kapitalistischen Denkweise, die kurzfristigen Profit und ständiges Wachstum als die höchsten Werte erachtet.
Unsere Regierungen versuchen uns nun weiszumachen, dass dieselbe Denkweise angewendet werden könne, um die Klimakrise zu überwinden: CO2-Handel soll die Zauberformel sein, in Verbindung mit Wäldern und Ackerland, die als "Kohlendioxidsenken" herhalten müssen.
Verfechter der Klimagerechtigkeit werden in Kopenhagen darlegen, dass der CO2-Handel in keiner Weise geeignet ist, den Klimawandel zu stoppen und eine beispiellose Privatisierungsaktion - nämlich der Atmosphäre - darstellt, und dass außerdem die CO2-Zertifikate und Kohlendioxidsenken zu einem Raubbau an Rohstoffen von kolonialistischen Ausmaßen führen werden.
Diese "marktorientierten Lösungen" werden nicht nur scheitern, sie werden auch die Armut vergrößern und Ungerechtigkeit fördern. Die Armen sind am schwersten vom Klimawandel betroffen, und jetzt müssen sie auch noch als Versuchskaninchen für das Experiment Emissionshandel herhalten.
Die Aktivisten in Kopenhagen werden aber nicht nur einfach gegenhalten. Sie werden Lösungen propagieren, die geeignet sind, Emissionen zu reduzieren und der Ungerechtigkeit entgegenzuwirken.
Anders als bei vorangegangenen Konferenzen, wo konkrete Verbesserungsvorschläge außen vor blieben, werden diese in Kopenhagen im Mittelpunkt stehen.
Beispielsweise hat die Vereinigung Climate Justice Action dazu aufgerufen, am 16. Dezember das Kongresszentrum zu stürmen. Daran teilnehmen wird auch der "Bike Bloc", wobei es sich um eine bis jetzt vor den Augen der Öffentlichkeit noch geheim gehaltene "unwiderstehliche neue Maschine des Widerstands" handelt, die aus Hunderten von alten Fahrrädern zusammengebaut ist.