kalaydo.de Anzeigen

Neue Koranübersetzung: Beim Stern, der flirrt

Ein Buch, das man einfach so lesen kann, wird der Koran trotz aller Übersetzungskunst niemals werden. "Am Ende Verehrung" - dürfen wir aber von der neuen, vorbildlichen Übertragung Hartmut Bobzins sagen. Von Stefan Wild

David Friedrich Megerlein: Die türkische Bibel, Frankfurt 1772. Titelkupfer und Frontispiz.
David Friedrich Megerlein: "Die türkische Bibel", Frankfurt 1772. Titelkupfer und Frontispiz.

So viel Koran in Deutschland war nie. In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wird unter Leitung von Angelika Neuwirth seit einigen Jahren das Corpus Coranicum auf dem Hintergrund spätantiker Religionsgeschichte historisch-kritisch untersucht und neu interpretiert. Die umfangreiche Mohammed-Biographie Tilman Nagels (2009) kann auch als Beitrag zur historischen Analyse des Korantextes verstanden werden. Und die Revisionisten um Christoph Luxenberg und dessen "syro-aramäische Lesart" des Korans haben zwar - wenig überzeugend - die koranischen Paradiesesjungfrauen zu "weißen Trauben" herunter entmythologisiert, haben aber immerhin das Verdienst, neue Perspektiven zu versuchen.

Es gibt mindestens ein halbes Dutzend vernünftiger Einführungen in den Koran. Teile des Korans existieren als deutsches Hörbuch. Demnächst erscheint ein deutscher Koran "in jugendgerechter Sprache", auf Englisch gibt es bereits den Koran als Comic. Unabhängig davon ist das heilige Buch der Muslime zum zweiten Heiligen Buch in deutschen und deutschsprachigen Landen geworden. Neben den Kirchen stehen Moscheen, neben Kirchtürmen wachsen Minarette, wenn diese nicht gerade verboten werden, und neben die jüdisch-christliche Bibel tritt als Heilige Zweitschrift der Koran.

Das Buch

Der Koran. A. d. Arab. neu übertragen von Hartmut Bobzin. 831 S. mit 120 Kalligraphien von Shahid Alam, München 2010, Verlag C.H. Beck, Euro 34 Euro.

Der Autor~ Stefan Wild lehrte bis 2002 Semitische Philologie und Islamwissenschaft an der Universität Bonn.

Bei so viel Koran kann es nicht verwundern, dass dem eine Vielfalt von Übersetzungen entspricht. Weltweit werden augenblicklich wohl mehr Übersetzungen des Korans als Übersetzungen der Bibel gedruckt. Ich zähle etwa zwanzig im Umlauf befindliche Übersetzungen ins Deutsche, teilweise sind es verschiedene Bearbeitungen eines übersetzten Textes, weitere Übersetzungen, etwa im Suhrkamp-Verlag, sind angekündigt.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sollten solche Koranübersetzungen meist die christlichen theologischen Fakultäten und ein aufgeklärtes Bürgertum ansprechen. Heute treten daneben immer mehr deutsche Übersetzungen aus muslimischer Feder. Sie wollen den Muslimen, die des Arabischen nicht mächtig sind, ihr heiliges Buch nahebringen. Araber sind heute eine sprachliche Minderheit in der islamischen Welt. Nur eine Minderheit dieser Minderheit und eine Elite nicht-arabischer Gelehrter sind imstande, den koranischen Text im Original mehr als oberflächlich zu verstehen.

Eine dreifache Portion Tollkühnheit

Jeder Übersetzer braucht eine dreifache Portion Tollkühnheit, um den Koran zu übersetzen. Zum ersten ist der Koran nach dem Glauben der meisten Muslime ungeschaffen und existiert von Ewigkeit her neben Gott - eine Parallele zum Logos des Johannes-Evangeliums. Er gilt als sprachlich unüberbietbar vollkommenes Wort Gottes in arabischer Sprache. Er lebt liturgisch aus dem mündlichen Vortrag und sperrt sich nach seinem Selbstverständnis als "arabischer Koran" (Sure 12:2) jeder Übersetzung.

Viele fromme Muslime sagen daher, der Koran könne nicht übersetzt werden. Allenfalls könnten "die ungefähren Bedeutungen des Korans" in eine andere Sprache übertragen werden. Das ist der Grund, warum viele konservative Muslime neben den übersetzten Text das arabische Original drucken. Umgekehrt zeigen mit muslimischer Beteiligung verfasste Übertragungen, die unbefangen "den Koran" übersetzen und auf den Abdruck des arabischen Texts verzichten, ein entspanntes Verhältnis zur Tradition. Ein Beispiel ist die vom wohl prominentesten deutschen Konvertiten zum Islam, Murad Wilfried Hofmann, bearbeitete Übersetzung.

Zum zweiten ist der Koran nicht ein Bericht über Offenbarungen, sondern eine Zusammenstellung von Rezitationen; schriftlich fixiert werden diese zu so etwas wie Offenbarungsprotokollen. Die Gesichtspunkte, nach denen die Redaktion des Korantexts erfolgte, die Prinzipien der Sammlung und Zusammenstellung seiner 114 Kapitel ("Suren") und ihrer Verse sind nicht auszumachen.

Die Anordnung der Suren unterliegt in etwa dem Prinzip der Surenlänge, die langen Suren stehen am Anfang, die kurzen am Schluss. Das heißt, die Struktur des kanonisierten Textes lässt kaum mehr Schlüsse auf einen Kontext zu. Zu vielem, was im Koran angesprochen wird, fehlt uns der Zusammenhang, wir haben nur unzureichende Hinweise auf das kulturelle Milieu, aus dem die Texte erwachsen sind, und wir wissen zu wenig über das angesprochene Auditorium. All dies erschwert das Verständnis des arabischen Texts - übrigens auch dem Araber.

Allerweltsregeln reichen nicht aus

Zum dritten ist der Koran voller Mehrdeutigkeiten und Eigenheiten, wie sie in einem fast anderthalb Jahrtausende alten Text zu erwarten sind. Wie andere heilige Texte rückt der Koran mit jedem Tag tiefer in die Vergangenheit.

Mit übersetzerischen Allerweltsregeln ("so wörtlich wie möglich, so frei wie nötig") ist also dem Phänomen Koran nicht beizukommen. Wenn Nicht-Muslime den Koran übersetzen, ist die eigentliche Frage die der Ästhetik. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass der arabische Koran vom ersten bis zum letzten Vers Reime oder reimähnliche Assonanzen zeigt. Der Gott des Korans spricht poetisch, auch wenn der Stil nicht genau dem der altarabischen vor-islamischen Dichter entspricht. Joseph und seine Brüder, Jesus in der Wiege und das Jüngste Gericht - über all dies wird in Reimen und Assonanzen berichtet. Das gleiche gilt für Gebete, Scheidungsregeln, Testamentsbestimmungen, Verfluchungen.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Stefan Wild
Datum:  22 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.