In Athen fing sie an, und jetzt breitet sie sich nach Lissabon und Madrid aus. Allerdings darf man auf keinen Fall glauben, dass die derzeitige Schuldenkrise sich auf die wirtschaftlich schwächeren Länder der Eurozone beschränken wird. Dies ist nicht nur das Problem von ein paar Mittelmeerländern mit Bauernhof-Akronym. Wir befinden uns in einer finanzwirtschaftlichen Krise, die die ganze westliche Welt betrifft, und sie hat viel größere Auswirkungen, als die meisten Investoren sich momentan vorstellen können.
Ein spezifisches Merkmal hat die Eurolandkrise. Die Struktur der Europäischen Währungsunion sieht nämlich keinerlei Rettungsplan vor, der jetzt von der EU, anderen Mitgliedstaaten oder der Europäischen Zentralbank angewendet werden könnte, um der griechischen Regierung aus der Patsche zu helfen (Artikel 123 und 125 des Lissabon-Vertrages). Natürlich könnte der Europäische Rat sich auf Artikel 122 berufen, der vorsieht, dass einem Mitgliedstaat finanzieller Beistand gewährt wird, wenn dieser "aufgrund von Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Ereignissen, die sich seiner Kontrolle entziehen, ernstlich von gravierenden Schwierigkeiten bedroht" ist. Allerdings wird es jetzt niemandem einfallen, das klaffende Defizit Griechenlands als Akt höherer Gewalt darzustellen. Und eine Abwertung der griechischen Währung kommt auch nicht in Frage, was in Zeiten vor dem Euro ein Lösungsansatz gewesen wäre. Es besteht nicht einmal die Möglichkeit, aus der Währungsunion wieder auszusteigen.
Somit bleiben drei Vorgehensweisen, um aus dieser schweren finanzpolitischen Krise der modernen europäischen Geschichte herauszukommen: Griechenland versucht, innerhalb der nächsten drei Jahre das Defizit von 13 Prozent auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu reduzieren; es stellt einfach die Tilgung der Staatsschulden ganz oder teilweise ein; oder (und das scheint nach dem, was man in den letzten Tagen von Regierungsvertretern in Berlin gehört hat, am wahrscheinlichsten) es lässt sich von Deutschland ein Rettungspaket schnüren. Da keine dieser Varianten besonders attraktiv ist, und weil jede Entscheidung, die Griechenland betrifft, auch Auswirkungen auf Portugal, Spanien und möglicherweise noch andere Länder hat, wird es noch ein längeres Feilschen geben, bevor etwas passiert.
Die spezifischen Probleme der Eurozone sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise fast alle westlichen Länder betrifft. Man könnte von der fraktalen Dimension der Verschuldung sprechen: Im Grunde hat man in Island, Irland, England und Amerika überall dasselbe Problem - es fällt nur unterschiedlich groß aus. Wir werden in der westlichen und keynesianischen Welt bald zu der Erkenntnis kommen, dass es nie etwas umsonst gibt. Die Defizite haben viel weniger zu unserer "Rettung" beigetragen als die Finanzpolitik - Zinsraten bei null und quantitative Lockerung. Erstens haben die Staatsausgaben (das geheiligte Multiplikator-Modell) nicht den Effekt gezeitigt, den die Befürworter der Konjunkturprogramme erhofft hatten.
Zweitens greifen in einer globalisierten Welt die Probleme einer offenen Volkswirtschaft auf andere Länder über. Und schließlich zieht eine ausufernde Staatsverschuldung Kosten nach sich, die sehr viel früher bezahlt werden müssen als uns lieb ist.Für die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, scheint der Tag der Abrechnung noch weit entfernt. Je schlimmer die Dinge in der Eurozone stehen, desto mehr erholt sich der Dollar, weil nervöse Investoren ihr Kapital im "sicheren Hafen" der amerikanischen Staatsverschuldung anlegen. Das mag einige Monate gut gehen, so wie Ende 2008, als der Dollar und US-Bundesanleihen inmitten der Bankenpanik einen Aufschwung erlebten.
Angst vor Zahlungsunfähigkeit
Aber man braucht nur einen flüchtigen Blick auf die finanzwirtschaftliche Situation der Bundesregierung zu werfen (ganz zu schweigen von den einzelnen Bundesstaaten), um zu wissen, was es wirklich mit dem "sicheren Hafen" auf sich hat: Die amerikanische Staatsverschuldung ist in etwa ein so sicherer Hafen wie Pearl Harbour im Jahr 1941.
Selbst die neuesten Etatentwürfe aus Washington sagen voraus, dass die Bruttoinlandsverschuldung innerhalb von nur zwei Jahren 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) übersteigen wird. In diesem Jahr, genau wie im letzten, wird das Haushaltsdefizit bei 10 Prozent des BIP liegen. Die Langzeitprognosen des Congressional Budget Office sagen voraus, dass die USA nie wieder einen ausgeglichenen Haushaltsetat haben werden. Ganz recht - nie wieder.
Der Internationale Währungsfonds veröffentlichte kürzlich eine Einschätzung der finanzwirtschaftlichen Anpassungen, die entwickelte Volkswirtschaften vornehmen müssten, um für die nächsten zehn Jahre Stabilität garantieren zu können. Am schlimmsten ist es um Japan und Großbritannien bestellt (Einsparungen um 13 Prozent des BIP), gefolgt von Irland, Spanien und Griechenland (9 Prozent). Und auf Platz sechs? Amerika - hier wären laut dem IWF Einsparungen von 8,8 Prozent des BIP notwendig.
Es gibt zahllose Studien, die belegen, welche verheerenden Auswirkungen eine Explosion der Staatsverschuldung auf die Volkswirtschaft hat. Die Angst vor Zahlungsunfähigkeit und/oder Wertverzehr der Währung vor der eigentlichen Inflation erhöhen den Realzins. Das wiederum mindert das Wachstum, besonders wenn der private Sektor ebenfalls hoch verschuldet ist, was in den meisten Westländern, nicht zuletzt in den USA, der Fall ist.