Ich bin begeistert darüber, dass Herta Müller dieses Jahr den Literaturnobelpreis bekommt. Wir haben uns ein paar Mal zufällig getroffen, aber jetzt bin ich stolz auf jede Gelegenheit, bei der ich ihr nahe war, auf die Veranstaltungen, auf denen wir gemeinsam waren - auf das gemeinsame Interview vergangenes Jahr in Stockholm , ja selbst auf die Photos, auf denen wir zusammen zu sehen sind. Sie erschien mir immer als eine ganz außergewöhnliche Person, und ich war stets erstaunt darüber, wie viel Stärke und Noblesse in einer so kleinen, zerbrechlichen Frau Platz finden. Sie hat mich eingeschüchtert mit dieser Kraft und ihrer tragischen und doch ganz klaren Maske.
Tiefe Narben im Gehirn
Herta gewann diesen Preis für, wie die Jury sagt, "Aufrichtigkeit". Es ist mehr als das. Ihr Stil ist nicht einfach aufrichtig. Ihr Streben nach Reinheit - die moralische eingeschlossen - ist wie ein Schwert, das sie in sich trägt, als habe sie statt einer Wirbelsäule ein Schwert, wie in einem von Kafkas Träumen. Die Antworten auf den Schrecken und die Schönheit der Welt sind nur ja, ja oder nein, nein, wie es im Evangelium heißt. Dazwischen gibt es nichts, keinen Kompromiss zwischen der Obsession des Ekels gegenüber den Unterdrückern und einem ebenso obsessiven Mitleid für die von ihnen Unterdrückten.
Herta spricht Rumänisch wie ich. Sie ist geprägt von der rumänischen Sprache, Literatur und Kultur. Sie war besessen von den poetischen Ausdrücken in der rumänischen Alltagssprache. Sie benutzt und entwickelt sie in so vielen ihrer Erzählungen. Alles, das sie geschrieben hat, spielt in Rumänien, ein Land, das sie liebt und hasst, ein Land, das, auch wo es sie verletzte (und es hinterließ tiefe Narben in ihrem Gehirn), teil ihres lebendigen Gedächtnisses ist. Es gehört zu ihr mindestens so sehr, wie Deutschland zu ihr gehört. Die so barocke wie kriminelle Diktatur Rumäniens machte aus ihr, was sie heute ist. Sie steckte ihr mitten ins Gehirn das Sandkorn, das die Perle produzierte.
Das Werk Herta Müllers ist tatsächlich das Produkt einer intensiven Obsession, eines einmaligen, paranoiden Terrors davor, gejagt, verdächtigt, verfolgt zu werden und gegen einen in alles eindringenden, unfassbaren Feind kämpfen zu müssen, der sie verwunden und verfälschen will. Es ist eine kafkaeske Welt. Aber das erklärt nicht ihren Stil, der die andere Seite ihres Schreibens ist. Ihr Stil ist der eines Dichters oder eines Malers mit surrealistischen Wurzeln, vielleicht eine Frida Kahlo. Das scheint Herta Müllers erste Berufung gewesen zu sein. Wir können nur darüber spekulieren, wie Herta Müllers Werk ausgesehen hätte, wenn Rumänien Teil der freien Welt gewesen wäre.
Der Nobelpreis ehrt Herta Müller ganz und gar verdient, aber er ehrt auch Deutschland. Weil der deutsche Staat und die deutsche Kultur weise genug waren, sie zu entdecken, als sie nichts als eine einfache Immigrantin war, weil sie Großzügigkeit besaßen, sie zu bewundern, als sie ihre Bücher veröffentlichte und den Glauben, der sie dorthin trieb, wo sie nun ist. Das heißt: Wo sie immer schon war.
Mircea Cartarescu, Jahrgang 1956, zählt heute zu den wichtigsten rumänischen Autoren ( "Die Wissenden").