Willfähriges Mitmachen von Anfang an, und die Beteiligung am neuen Regime war kein Mitläufertum, ganz im Gegenteil. Vielmehr drängte ein „begeistertes Engagement dem Führer tätig entgegen“. Nicht zum ersten Mal in den letzten sechs Monaten entzauberte Norbert Frei mit dem Auswärtigen Amt eine deutsche Institution. Auf Einladung der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums, des Fördervereins des Fritz Bauer Instituts und der Frankfurter Rundschau referierte der Historiker über eine Institution, in der vom ersten Tag des Hitlerregimes an nicht etwa „Zurückhaltung“ herrschte, sondern „umstandsloses Funktionieren“.
Das Buch „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“, im vergangenen Oktober veröffentlicht, nahm einer Institution den Nimbus. Dazu zählten die Legenden, das Auswärtige Amt sei im Dritten Reich ein „Hort des Widerstands“ gewesen. Jahrzehntelang wurde dem AA in der Bundesrepublik eine „Sonderrolle“ (Frei) im Unrechtsstaat zugeschrieben. Nicht zuletzt vervielfacht wurden die Legenden durch die Lebensbilanz, verfälschende Nachrufe in einer hausinternen Postille. Auf die Provokation und „institutionelle Indolenz“ des AA gegenüber dem NS-Erbe reagierte 2005 der seinerzeitige Bundesaußenminister Joschka Fischer mit der Einberufung einer Historikerkommission.
Instrument eines Unrechtsstaates
Was Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann im Oktober 2010 an die Öffentlichkeit brachten, gab Einblicke, wie dieses Amt bereits im März 1933 anstellig wurde, um das Bild des NS-Regimes im Ausland zu beschönigen. Ohne dass Frei es während seines 50-minütigen Referats ausgesprochen hätte – deutlich wurde: Während das Goebbelsministerium den Terror propagierte, war das Außenministerium eine PR-Agentur der Bagatellisierung.
Von vorneherein ging es den vier Historikern um die Analyse einer Institution als einem Instrument eines Unrechtsstaates. Die Hitlerdiplomatie lebte die Rassendoktrin, den Revanchismus und den Antisemitismus des Regimes. Die Banalität des Bösen ging auf im Getriebe der Bürokratie. An den Schreibtischen des Amts wurde die „Judenpolitik“ exekutiert.
In zwei Wellen wurde auf den Bericht reagiert, zunächst ausgesprochen positiv, dann jedoch wurden monströse Vorwürfe erhoben wie etwa der der „Geschichtspornografie“. Im Gespräch mit dem Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Joachim Frank, konterte Frei Unterstellungen, durchschaubare Manöver, nicht zuletzt die Kämpfe um Deutungshoheiten souverän. Dabei verzichtete Frei auffällig-ausdrücklich auf die Formulierung seines Kollegen Conze von der „verbrecherischen Organisation“. Frei, der ansonsten immer wieder lange Sätze zu eindrucksvollen Gebilden verfugte, meinte lapidar: „Die Formulierung kommt im Buch nicht vor.“
Entmythisierung
Zum Auftakt der schließlich zweieinhalbstündigen Entmythisierung hatte Andreas von Schoeler für den Freundeskreis des Jüdischen Museums von der „Verfestigung eines Konsenses der Erinnerungskultur“ gesprochen. Die Historikerkommission musste diese nach sechs Jahrzehnten Bundesrepublik in einer Zitadelle des Vertuschens erstreiten.
Nein, keine Machtergreifung, die im Amt stattgefunden hätte. Beteiligung bedeutete von Anfang an Selbstbeteiligung, auch hier. Deutsche Diplomaten waren keine Büttel, keine Handlanger, sie waren NS-Aktivisten. Umso vehementer die „Selbstentschuldungsstrategien“, die in der Nachfolgeinstitution bundesdeutscher Alltag waren, umso grimmiger die Strategien, mit denen die „Bewährung in der Bundesrepublik mit der Schuld im Dritten Reich“ (Frei) verrechnet wurde. Kompakt agierte ein Korpsgeist, mit dem Lebensläufe manipuliert wurden, um die Brisanz der Kontinuitäten, die Fortsetzung von Karrieren zu beschweigen.