Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal vom Berghain hörte, handelte es sich noch um eine Art Geheimtipp. Zumindest außerhalb der typischen Clubgeneration. Meine (gerade im clubfähigen Alter befindliche) Tochter hatte mehrfach nachgebohrt: "Ihr am Theater wollt doch immer so cool sein. Du willst doch immer neue Orte kennenlernen. Ich sag dir einen coolen Ort, den du noch nicht kennst." Wie ich bald erfuhr, hätte sie eigentlich von einem Ort sprechen müssen, der richtig "hot" ist.
Inzwischen hat sich viel verändert, und aus dem Geheimtipp ist der (international gewählte) "beste Club der Welt" geworden. Alle haben jetzt schon mal davon gehört, aber wer war wirklich schon einmal drin? Immer wieder steht das Berghain jetzt, wo Technoclubs nur selten hingelangen: im Feuilleton, zuletzt etwas penetrant durch einen Roman der dort spielt, wo die 17-jährige Autorin mit ziemlicher Sicherheit keinen regelmäßigen Einlass gefunden hätte. Eines ist bei dem ganzen Rummel sicher: Den öffentlichkeitsscheuen Betreibern, die nichts so sehr hassen wie spekulative Werbung und selbst das Clubprogramm nirgends als im Club selber auslegen lassen, kann diese Öffentlichkeit getrost gestohlen bleiben.
Das Berghain, Berlins angesagtester Technoclub, hat durch Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" weit über die einschlägigen Kreise hinaus Berühmtheit erlangt. Was aber geschieht an diesem mittlerweile mythischen Ort wirklich?
Oliver Reese, Jahrgang 1964, bisher Intendant in Berlin und neuerdings in Frankfurt, kennt das Berghain gut. Es ist, ganz altersuntypisch, einer seiner Lieblingsorte. Hier sagt er, warum.
"be Berlin be Berghain", die Überschrift des Textes, bezieht sich auf die Kampagne "be berlin" (Sei Berlin) des Berliner Senats, die wir so als Stichwort zur geistigen Situation der Stadt verstanden wissen wollen. alz
Zur Debatte um den Debütroman von Helene Hegemann erschienen auf fr-online.de:
48 Stunden, 4 Uhr früh
Meiner Erfahrung nach wird gern über die falschen Sachen geredet, wenn über das Berghain philosophiert oder spekuliert wird. Nicht Drogen und Sex sind das Zentrum des Clubs, sondern - Musik und Raum. Oder von mir aus: Kommunikation und Stil.
Viele der Gerüchte sind wahr: ja, es gibt eine Schlange, in der nachts hunderte Menschen stundenlang anstehen, und viele von ihnen kommen nur bis zur Tür. Ja, vor morgens um 4 ist nichts los und die Parties gehen oft 48 Stunden lang. Ja, es gibt drei Floors, von denen nur der kleinste, intimste und unbekannteste explizitem schwulen Sex gewidmet ist.
Der erste Eindruck ist atemberaubend, überwältigend, unvergleichlich. Man wähnt sich eher in der Bronx als in der eigenen Hauptstadt, wie Herzog Blaubarts Burg, beleuchtet von David Lynch, liegt das ehemalige Heizkraftwerk auf einer Anhöhe im Nowhereland hinterm Ostbahnhof. Hat man es hinein geschafft, beginnt Phase 2 der Überwältigung. Der gigantische, absolut einmalige Ort ist durchgearbeitet bis ins letzte Detail. Kein Licht ist zufällig gesetzt, kein Zementsofa ohne Bedacht aus Fundstücken entworfen. Wanddetails aus verschiedenen historischen Epochen des Gebäudes sind liebevoll restauriert, und selbst die Fußstange am Tresen ist auf ehemaligen Porzellanfassungen montiert. Die Beats wummern einem über Stockwerke entgegen, während man sich über ein rohes Treppenhaus dem Heiligen Gral des Techno nähert, dem Dancefloor in der sakral anmutenden Haupthalle.
Entschuldigung, dass ich ins Schwärmen gerate. Die mehr als mannshohen Boxen bestimmen hier Sound und Wucht, die gestählten, tätowierten und halbnackten Körper einer bestimmten gay community sorgen für genug Freiraum - in jeder Hinsicht. Und tatsächlich vermisst man das Styling einer so eingeschworenen Gemeinde, auch wenn man ihr gegenüber gewaltig fremdelt, in den leichtgewichtigen Clubs an anderen Orten der Republik.
Stil, Kunst, Architektur. Die berühmten Tillmans-Originale kann man sich an keinem anderen Ort wirkungsvoller vorstellen als in der Panorama Bar. (Ein weiblicher Akt, passend zum sexuell weniger monochromen Klima in der viel kleineren Bar, war lange Zeit der absolute Hingucker.) Dazu, ebenso wie im Berghain: Weltklasse DJs, teilweise vom hauseigenen Label, die den Siegeszug einer Clubmusik um die Welt mitprägten. Es ist laut, voll, eng, sehr körperlich. Aber Kommunikation ist gewünscht und findet statt, auf vielen Ebenen. Und, hej, das alles ist einfach schön, geschmackvoll, stilsicher. Die irgendwann schleichend einsetzende Ekstase der tanzenden Leiber, aufgefangen in der kristallinen Härte der Beats.
Das Vergehen der Zeit erlischt
Das Berghain ist nicht nur der ganz eigene Ort - es hat auch seine ganz eigene Zeitrechnung. Es gibt hier keine Tageszeiten mehr, das Gefühl für das Vergehen von Zeit erlischt oder dehnt sich, je nachdem. Nein, keine Tageszeiten, es gibt nur noch die jeweils schier endlos währende Nacht. Ihre Farben changieren mit der Musik. Gegen ihr Ende wird angekämpft, angefeiert, auch wenn es im Wortsinn ja gar nichts zu "feiern" gibt - außer der Party selber. "Das Berghain ist ein Ort, an dem man lernt, seinem eigenen Begehren ins Auge zu schauen", schreibt Tobias Rapp in seinem Suhrkampbuch über Berlin und Techno. Dieser Ruf allein verwandelt die Stunden und Tage, die man ewig wandelnd in diesem Club verbringt, in eine self-fulfilling-prophecy. Liebe Partygemeinde, dann gehen Sie doch bitte in sich.
Das Berghain ist glänzend inszeniert. Die Inszenierung beginnt bei der unfassbaren Schlange und hat einen ersten Höhepunkt beim tätowierten Gesicht des Türstehers. Sein Gesicht ist das Gesicht des Clubs, hinter dem sich die Macher gelassen verstecken können. So meiden sie die Öffentlichkeit, es gibt keine Fotos aus dem gesamten Club und sie geben keine Interviews. Die Dramaturgie der Nacht, der Wechsel von Dämonie, Sex (Eros?) und Wärme (z.B. der lauschige Biergarten, in dem die Partycrowd durchatmet!), ist scheinbar immer spontan und wirkt zugleich, als führte jemand mit glänzendem Gespür für Timing wie für Anarchie Regie.
Umso überraschter war ich, als ich bei meinem Versuch, Theater im Berghain zu machen, nicht auf verschlossene Hinterzimmer traf, sondern auf eine Offenheit, die durch subtile Kenntnis der Berliner Theaterszene abgerundet war. Dass ausgerechnet das bürgerliche DT Eingang in die Clubwelt fand (und bei seiner Produktion die berüchtigten Darkrooms allabendlich zu Garderoben für die Schauspieler umfunktionierte), war kein Versehen, sondern das Ergebnis einer besonderen Lust an Reibung auf beiden Seiten. Ja, das Theater, das das Jürgen-Gosch-Theater war, das Theater der stillsten und einfachsten Mittel, sollte im härtesten Club auftreten dürfen. Nur montags war zwangsweise probenfrei, denn die Reinigung der Hallen nach dem finalen Ende der Party dauert gern einen dreiviertel Tag. Kann sein, dass der Schmutz auch einfach dazu gehört.
Dass das düstere, sagenumwobene Berghain nun im grellen Rampenlicht der öffentlichen Meinungsdebatte steht, ist irgendwie sehr unpassend. Aber wem, wenn nicht den Machern dieses Clubs, sollte zuzutrauen sein, sich selber wieder neu zu erfinden. Und tatsächlich: Die große neue Halle, die nach ihrer aufwändigen Renovierung neue, ganz andere Möglichkeiten zulassen wird, ist die nächste Herausforderung, der sich die Ruhelosen stellen wollen.
Wir sind dann wieder dabei.