Am 4. September erscheint die neue, dritte Auflage von "Kindlers Literatur Lexikon". Erarbeitet hat sie ein Redaktionsteam um Generalherausgeber Heinz Ludwig Arnold in nur fünf Jahren. Schneller geht es bei 18 Bänden mit insgesamt 14.760 Seiten wohl kaum. Möglich wurde die Rekordzeit durch die elektronische Kommunikation mit den 1500 Autoren aus aller Welt und durch eine gewaltige Datenbank, die die 21.200 Einzeltexte in verschiedenen Bearbeitungsstadien aufnahm. Bald kann jedermann in dieser Datenbank zu Werken der Weltliteratur stöbern in der gedruckten, 32,5 kg schweren Fassung, in der Online-Variante oder in beiden.
Interessenten können sich die Online-Variante schon jetzt bei einigen Buchhändlern zur Probe freischalten lassen. Mit ihr ist der Kindler von Verleger Helmut Kindler bereits in den 50er Jahren nach dem Vorbild italienischer und französischer Werklexika konzipiert und 1965 herausgebracht, die zweite Auflage folgte 1988 in einer für Nachschlagewerke schwierigen Gegenwart angekommen: Die kostenlose Konkurrenz im Netz ließ die Lexikonlegende Brockhaus im letzten Jahr aufgeben.
Um so erstaunlicher, dass der Online-Kindler genauso viel kosten wird wie der gedruckte: 1950 Euro (ab 1.1.2010: 2400 Euro). Die Kombination beider Ausgaben ist für 2730 Euro (ab 1.1.2010: 3360 Euro), die Online-Aktualisierung für jährlich 99,95 Euro zu haben. Ob der Metzler Verlag sein erhebliches wirtschaftliches Risiko bei diesem Mammutunternehmen ausgerechnet durch eine prohibitive Preisgestaltung für die Online-Variante vermindern kann?
Zumindest ein moderater Kombipreis wäre wünschenswert. Die Käufer erhielten damit das, was Thomas Rohde eine "statusdienliche Komponente" nennt (FR v. 30.6.2009). Das Buch sei "als ein überaus materielles Gut in der kollektiven Wahrnehmung verankert", daher müsse man, so Rohde, für eine gewisse Zeit die Preise für immaterielle E-Books mit einer materiellen Dreingabe rechtfertigen.
Wer sich dennoch für den Online-Kindler entscheidet, den erwartet eine äußerst aufgeräumte Startseite. Hinter jedem Buchstaben verbirgt sich eine überwältigende Liste von Autorennamen. Darunter eine einfache Maske für die Suche im Volltext, in den biographischen Angaben, Biogramme genannt, in den Werken (einzeln oder zusammengefasst zu Werkgruppenartikeln) sowie den Literaturangaben. Bei den Autoren lässt sich nach Lebensdaten, Geschlecht, Geburtsort/-Land und Sterbeort/-Land fahnden, bei den Werken nach Titel, Erscheinungsjahr, Sprache, Haupt- und Untergattung. Die Textfelder sind schreibartentolerant, so dass sowohl "Dostojewski" wie "Dostoevskij" Erfolg hat. Etwas Geduld kann hingegen bei ausländischen Titeln nicht schaden.
Denn die achtköpfige Redaktion und die 75 Fachberater für die 231 im Kindler vertretenen Sprachen haben sich zwar für die Anordnung der Werke unter dem Autorennamen entschieden während die letzte Auflage nach dem fremdsprachigen Originaltitel ordnete. Nun bewahrt ausgerechnet der Online-Kindler den originalsprachlichen Titel wie ein Relikt: Bei Dostojewski darf man sich zwischen "Zapiski iz mërtvogo doma" und "Chozjajka" entscheiden und erfährt erst in dem Artikel selbst, dass es sich um "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" und "Die Wirtin" handelt.
Faszinierend wäre eine Suchmöglichkeit nach Motiven, Stoffen, Bildern. Was gänzlich fehlt, ist eine Speichermöglichkeit bisheriger Suchen; so aber muss man jedes Mal von Neuem beginnen. Und schmerzlich vermisst man die Möglichkeit, die Lexikontexte mit Bemerkungen, Bewertungen und Erinnerungen an die eigene Lektüre zu versehen. Der gedruckte Kindler hat also unübersehbare Vorteile.
Nur die Online-Variante aber gibt Gewichtungen und Kanonentscheidungen schnell preis. 2349 Biogramme und Werke deutscher Autoren enthält der Kindler. Für Frankreich finden sich 1504, für Italien 778, für den Kongo 29 und für Sri Lanka 32. Wer die deutschen Autoren nach ihrem Geburtsjahr ordnet, findet nur 14, die nach 1960 geboren wurden: neben Ingo Schulze, Durs Grünbein, Felicitas Hoppe und Daniel Kehlmann auch die weithin unbekannte Katrin Seebacher. Die Auswahl wird für einige Diskussionen sorgen.
Allerdings kann die Kindler-Redaktion geschmeidig reagieren: Schon jetzt wird an den Online-Aktualisierungen gearbeitet. 50 Texte sollen zum 1.1.2010 folgen, weitere 50 im Laufe des Jahres 2010. Unverständlicherweise ist die Aktualisierung nur mit der Online-Ausgabe zu abonnieren. Als Supplement zur Print-Ausgabe wäre sie ebenso sinnvoll.