Die Geschichte von Rüsselsheim und Opel spiegelt exemplarisch alle Höhen und Tiefen industrieller Entwicklung über einen Zeitraum von 150 Jahren wider. Hier geht es um atemberaubende Produktionszahlen, Dampfmaschinen, Industriearchitektur von Weltrang ebenso wie um monotone Fließbandarbeit, Verlust von Stolz und Identität, Rüstungs-Produktion und Angst um den Arbeitsplatz.
Vor dem Aufstieg der Firma Opel war Rüsselsheim ein Marktflecken am Main, 30 km westlich von Frankfurt gelegen. Eine Ortsbeschreibung aus dem Jahre 1829 nennt 184 Häuser und 1422 Einwohner. Hier wurde Adam Opel, der spätere Firmengründer, 1837 geboren, erlernte beim Vater das Schlosserhandwerk und ging dann erst einmal nach Paris. Von 1859 bis 1862 arbeitete er dort in zwei Nähmaschinen-Fabriken, und als er in seinen Heimatort zurückkehrte, hatte er die Idee einer Nähmaschine im Kopf - eine veritable schickte der Bruder aus Paris nach. Eins zu eins kopiert wurde sie das erste Opel-Produkt. Als zweites folgten ab 1886 Fahrräder - nach englischem Vorbild.
Peter Schirmbeck war von 1974 bis 2008 Direktor des Stadt- und Industriemuseums der Stadt Rüsselsheim.
Man sieht, den Typus eines Erfinder-Industriellen verkörperte Adam Opel nicht, seine Stärken waren Produktion und Vermarktung. Eine Million Opel-Nähmaschinen wurden bis 1911 gebaut, und die Fahrradherstellung entwickelte sich bis 1937 zur größten der Welt. Als Adam Opel 1895 mit 58 Jahren starb, waren in seinem Werk etwa 1000 Personen beschäftigt. Aus kleinsten Anfängen hatte sich zu Zeiten der Hochindustrialisierung eine imposante Fabrik entwickelt, in der Dampfkraft Hunderte von Maschinen für die arbeitsteilig organisierte Produktion in Bewegung setzte.
Mit Einsetzen der Massenproduktion erlischt der Stolz
Dieser Wandel zeigt sich auch in den Gesichtern der Opel-Arbeiter: Belegschaftsfotos aus der Anfangszeit demonstrieren selbstbewusste, noch von handwerklicher Identität geprägte Opelaner, um Welten getrennt von den Belegschaftsfotos der Jahrhundertwende, deren Gesichter arbeitsteilige Massenproduktion widerspiegeln; der Stolz war erloschen.
Das Auto, das wir heute mit dem Namen Opel verbinden, lernte der Firmengründer gar nicht mehr kennen. 1898 erwarb Opel - nun geführt von Sophie Opel und ihren Söhnen - die Dessauer Automobilfirma Lutzmann und verlegte die Produktion nach Rüsselsheim. 1899 verließ der erste "Opel-Patent-Motorwagen, System Lutzmann" das Werk, ab 1900 wuchsen Arbeitersiedlungen in großem Maßstab empor.
Ihren großen Durchbruch erlebte die Firma in den zwanziger Jahren durch zwei Maßnahmen: 1924 führte Opel als erste deutsche Automobil-Firma das Fließband nach amerikanischem Vorbild ein. "Morgen kommst Du nach Amerika", hieß es entsprechend in der Opel-Belegschaft bei der Versetzung ans Band. Gleichzeitig wurden die bisher eher schweren und teuren Modelle durch den leichten und preisgünstigen "Opel-Laubfrosch" ersetzt. Vielleicht stand auch hier Amerika mit dem "Model T" Pate? Wie auch immer - der große Bruder' auf der anderen Seite des großen Teiches holte sich die Innovationen zurück: Für 33 Millionen Dollar erwarb der US-Autohersteller General Motors 1929 - 31 die Firma Opel zu 100 Prozent.
Rüstungsproduzent für die Wehrmacht
Während der NS-Zeit wandelte sich die in amerikanischem Besitz befindliche Firma zum Rüstungsproduzenten für die deutsche Wehrmacht. Wie war dies möglich? Der Historiker Henry A. Turner ist dieser Entwicklung in seinem Buch "General Motors und die Nazis - Das Ringen um Opel" nachgegangen. Der damalige Präsident von General Motors formulierte 1939 seine Einstellung zu dieser wichtigen Frage: "Ich denke nun, ein internationaler Konzern wie General Motors, der im Ausland geschäftlich tätig werden und Profite machen will (...), geht dem betreffenden Land gegenüber sowohl in wirtschaftlicher als vielleicht auch in sozialer Hinsicht Verpflichtungen ein. Er sollte versuchen, sich in das wirtschaftliche Geschehen dieses Landes einzufügen und ein Teil von ihm zu werden, (...). Weiterhin denke ich, dass er sich auch dann so verhalten sollte, wenn, wie es immer geschehen kann und wie es besonders in den letzten Jahren der Fall war, die Unternehmensleitung mit vielen Dingen, die sich in bestimmten Ländern abspielen, nicht ganz einverstanden ist."
Diese Einstellung auf amerikanischer Seite einerseits und Druck des NS-Regimes auf deutscher Seite andererseits führten dazu, dass ab Kriegsbeginn das Werk in Rüsselsheim Teile der JU 88, Zünder, U-Boot-Torpedoköpfe und Teile für Düsentriebwerke produzierte.
1941 verließen beispielsweise 3994 Eisenbahnwaggons und 238 LKW beladen mit Flugzeugteilen das Werk. Im neuen LKW-Werk Brandenburg wurde der Opel-Blitz gefertigt. Hauptabnehmer war die deutsche Wehrmacht, die über 100.000 Opel-Blitz-Wagen einsetzte. Zu Kriegsende lagen 44 Prozent des Rüsselsheimer Opelwerks ebenso in Trümmern, wie Teile des Stadtgebiets.
General Motors zögerte nach 1945, die Produktion in Rüsselsheim wieder aufzunehmen, ging dann aber ab den fünfziger Jahren in die Vollen'. Ab 1951 entstand hier das modernste Autowerk Europas für 1000 Automobile pro Tag und 10 000 Beschäftigte. 1959 folgte das modernste Motorenwerk der Welt für 1800 Motoren täglich.