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Philosoph Kenichi Mishima: „Verführen Sie mich bitte nicht zum Nationalismus!“

Der japanische Philosoph Kenichi Mishima spricht im FR-Interview über die Situation in Japan, die verzerrte Wahrnehmung des Westens und die Fehlentwicklungen der Demokratie.

Tokyo nach dem Erdbeben am 11. März 2011 – ein Ausbund an Ruhe und Gelassenheit? Auch wenn es so aussehen mag, sind die Japaner wohl auch nicht disziplinierter als andere Menschen.
Tokyo nach dem Erdbeben am 11. März 2011 – ein Ausbund an Ruhe und Gelassenheit? Auch wenn es so aussehen mag, sind die Japaner wohl auch nicht disziplinierter als andere Menschen.
Foto: rtr

Herr Professor Mishima, in Deutschland ist viel von der bewundernswerten Ruhe der Japaner angesichts der Ereignisse die Rede. Ist dieser Eindruck richtig?

Ihre, mit Verlaub, naive Frage macht mich ratlos. Sie zeugt eher vom bewunderungswürdigen Projektionsvermögen, das in einer modernen Gesellschaft wie der mitteleuropäischen wurzelt. Mit welchen Indikatoren glauben Sie, eine solche These aufstellen zu können, auch wenn sie mit gewisser Vorsicht geäußert wird? Waren die meisten Bürger, die in Sachsen vor ein paar Jahren vom Hochwasser getroffen wurden, nicht ebenso diszipliniert und gegenseitig hilfsbereit?

Damals sprachen in Japan einige Besserwisser mit Bewunderung von teutonischer Begabung für Organisation und germanischem Durchhaltevermögen. Ich hielt so etwas für töricht. Das hat auch meine deutschen Freunde zum Nachdenken über die Langlebigkeit der aus dem schrecklichen 19. Jahrhundert stammenden Selbst- und Fremdzuschreibungen genötigt.

In so einer Notsituation wissen die Leute intuitiv, wie sie sich organisieren und gegenseitig helfen sollen, so wie die sprichwörtlichen Trümmerfrauen im Deutschland der Stunde Null. Natürlich gibt es auch immer wieder Leute, die nur auf ihr Eigeninteresse bedacht sind. Das gilt für die unsinnigen Hamsterkäufe in Tokyo, es gilt auch für viele LKW-Fahrer von Speditionsdiensten, die sich inzwischen aus Angst vor der Strahlung weigern, Hilfsgüter für die Notleidenden ins Krisengebiet zu fahren, auch wenn sich das Ziel außerhalb des 30-km-Radius um die Atommeiler befindet.

Zur Person

Kenichi Mishima ist Professor für Sozialphilosophie und deren Geschichte an der Tokyo Keizai Universität. Vor einigen Jahren hat er in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo ein Projekt über die kulturellen Selbstbehauptungsdiskurse in Ostasien geleitet. Ergebnisse kann man nachlesen z.B. in: „Selbstbehauptungsdiskurse in Asien, China-Japan–Korea“(hrsg. v. Iwo Amelung u.a.), Iudicium Verlag (2003). (fr)

Diesen hasenfüßigen Kleinmut gibt es überall. Selbstverständlich gibt es auch sozialisationsbedingte Unterschiede in der Mentalität. Es herrscht je nach Land und Region ein anderes System von Deutungsmustern. Aber die Differenz zwischen Japan und Deutschland scheint ungefähr so groß oder klein zu sein wie die zwischen Deutschland und Frankreich oder zwischen Deutschland und Polen. Dazu gibt es viele verschiedene Menschentypen unter Franzosen und Polen, Hamburgern und Münchnern, unter den Menschen in Sendai und Tokyo.

Zu Plünderungen ist es hier bisher noch nicht gekommen. Denn es gibt im Prinzip genug Sachmaterialien, obwohl zur Zeit durch Verteilungsprobleme Versorgungsengpässe entstehen. Aber wer weiß? Ich hoffe, dass die Barbarei, wenn sie eintreten wird, doch etwas später eintritt als z.B. seinerzeit in New Orleans.

Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Ursachen dafür? In der japanischen Kultur oder Zivilisation? In den vielen Katastrophenschutzübungen aufgrund der prekären geografischen Lage Japans? Im blinden Vertrauen in die technische Sicherheit?

Ein gewisser Unterschied als Folge der Sozialisation könnte wie gesagt mit im Spiel sein. Einüben gegenseitiger Rücksichtnahme in der Schule zum Beispiel, auch wenn dies nicht die völlige Abwesenheit von Mobbing bedeutet. Der Konfuzianismus ist längst tot, aber in der Alltagspraxis in Japan könnte die Interaktion mehr Bedeutung haben als anderswo. Oder Traditionsreste aus dorfgemeinschaftlichen Praktiken. Daran glaube ich allerdings kaum. In einer Großstadt wie Tokyo lernt man rein pragmatisch, wie man z.B. an den großen Bahnhöfen miteinander auskommt. Mit Ellbogen und Raufereien wird keiner glücklich, das weiß auch in Deutschland jeder, der ein bisschen Common Sense hat.

Gibt es bereits Unmutsäußerungen nicht nur über die Informationspolitik der Regierung, sondern auch Kritik an der Atomtechnologie? Wie hoch schätzen Sie die Akzeptanz der Atomtechnologie ein? Gibt es überhaupt eine nennenswerte Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan?

Wenn Sie Japanisch könnten, könnten Sie vor allem auf verschiedenen Web-Seiten kritische Stimmen zur Atompolitik der Regierung, wohlgemerkt der früheren LDP-Regierung, nachlesen, auch Kritik an der Vertuschungstaktik der Regierung und der AKW-Betreiber, und zwar auf Web-Seiten, die schon mehr als zehn Jahre betrieben werden. Oder gehen Sie in eine Stadtbücherei in Japan. Dort finden Sie regalweise Literatur über die Antiatomkraftbewegung. Lernen Sie also Japanisch, auch wenn ich diesen Imperativ-Satz metaphorisch meine! Oder rufen Sie irgendein japanologisches Institut in Deutschland an, dann werden Sie schon einige Arbeiten, z.B. gute Magisterarbeiten über die Anti-AKW-Bewegung oder über den Kontext der Atombombenerfahrung kennenlernen, zum Beispiel bei meinem Freund Professor Wolfgang Seifert in Heidelberg.

Die japanische Diskussionskonstellation ist beinahe dieselbe wie in Deutschland. Vermutlich ist die Zustimmungsquote, genauer gesagt, die Quote derjenigen, die den Anteil der Atomenergie an der gesamten Energieversorgung – nicht ohne inneren Widerstand – akzeptieren, ein bisschen höher als in Deutschland, aber doch wesentlich geringer als in Frankreich. Die Salamitaktik, die die jetzt zuständige Behörde und die Regierung betreiben, ist teilweise nachvollziehbar, weil sie Panik vermeiden wollen. Aber diese Hinhaltepolitik wird z.Zt. massiv kritisiert. Der Kraftwerkbetreiber Tepco ist seit langem bekannt für seine Vertuschungen. Bei jedem Störfall wurden die Daten manipuliert oder herunterinterpretiert. Diesmal zeigte die oberste Spitze der Regierung, die bisher oft diese Praxis des Vertuschens mitmachte, ziemlich deutlich ihren Unmut über Tepco.

Aus deutscher Sicht ist es erstaunlich, dass nach den Erfahrungen mit der Atombombe, die Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs machen musste, die Vorbehalte gegen die Atomtechnologie nicht höher sind. Liegt da eine Spaltung im Bewusstsein vor, die eventuell auch auf die Verdrängung von Fragen der Kriegsschuld zurückzuführen ist?

Sie können gerne so theoretisieren. Aber ich muss als teilnehmender Beobachter der öffentlichen Diskussionen differenzieren: In den 50er und 60er Jahren, ja vielleicht bis in die frühen 80er Jahre waren die Vorbehalte gegenüber der atomaren Energiegewinnung sehr groß, entsprechend auch die Empfindlichkeit. Der Atomlobby und der Regierung ist es aber durch intensive Öffentlichkeitsarbeit gelungen, diese Empfindlichkeit nach und nach abzubauen. Allmählich ist das Misstrauen dem irrationalen Vertrauen in den Apparat gewichen. Alle diese Diskurse wurden von der kulturdiagnostischen, ja, ich möchte beinahe sagen, Politpropaganda begleitet, die japanische Kultur sei auf Harmonie ausgerichtet, weich, sensibel für die Mitbürger. Die lange Tradition halte die Gesellschaft trotz diverser Interessen zusammen. Viele Intellektuelle haben in diesem Chor mitgesungen, auch einige ausländische Japanforscher.

In Deutschland wurde in Reaktion auf die Ereignisse in Japan die zumindest vorübergehende Abschaltung einiger, vor allem älterer Atomkraftwerke veranlasst. Halten Sie das für eine angemessene Reaktion?

Als Spontanreaktion finde ich das nicht schlecht. Man muss aber gründlich diskutieren, statt sich von Emotionen leiten zu lassen. Ohne ein kontrolliertes Aussteigen aus dieser gefährlichen Technologie gibt es keine Lösung. Die Frage ist ganz einfach: Bist du bereit, diese hochkomplexe und völlig unabwägbare Energieerzeugungsmethode, die zumindest latent Risiken birgt, die die vorsichtigste Vorauskalkulation übersteigen, selbst auf die Gefahr schwerwiegender Konsequenzen hin aufrechtzuerhalten? Mit einer ähnlichen Frage ist jeder konfrontiert, wenn er ins eigene Auto steigt. Bist du bereit, dieses Auto zu fahren, das potentiell dich und andere Mitbürger töten kann?

Diese letztere Frage ist eine Frage der Gesinnungsethik, aber die erste Frage, die mit Verantwortungsethik zu tun hat, kann man demokratisch diskutieren. Stattdessen hat unser Establishment es geschafft, die Frage auf die Ebene der technischen Kalkulation der Reaktorsicherheit zu heben (oder wenn Sie wollen, herunterzubringen), auf eine Ebene, auf der Laien kaum die Chance haben, ihre Stimme zu erheben, weil zu viel Fachjargon und technisches Wissen erforderlich ist. Diese Expertokratie zu kontrollieren, ist die eigentliche Herausforderung für den demokratischen Diskurs.

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Datum:  20 | 3 | 2011
Seiten:  1 2
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