Dass sich "Axolotl Roadkill", der gerade erschienene Roman der 17-jährigen Helene Hegemann, in der Kulturszene zur Zeit außerordentlicher Beliebtheit erfreut, dürfte bekannt sein. Fast alle Feuilletons des Landes, auch das vorliegende, haben äußerst positiv, zum Teil sogar ungehemmt enthusiastisch reagiert. Das Publikum ließ sich davon anstecken, das Buch belegt einen der vorderen Plätze auf der Spiegel-Beststellerliste.
Nun hat der Münchner Autor Deef Pirmasens in seinem Blog www.gefuehlskonserve.de mehrere Stellen aus Hegemanns Roman mit Sätzen aus einem anderen Buch parallelisiert. Man liest da etwa den Satz von Helene Hegemann: "Ophelia steht auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zur Nachbartoilette zurechtzumachen." In dem anderen Buch heißt es: "als sich das als zu kompliziert erweist, klettert Marc auf die Klobrille und macht die Lines an der Grenze zu Nachbartoilette zurecht." Hegemann schreibt: "Ich habe Fieber, Koordinationsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut" Dazu das Pendant: "Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut." Abgesehen davon, dass Hegemanns Sätze besser sind, gibt es solche Übereinstimmungen vielfach.
Das Buch, das die Ehre hat, derart eindringlich zitiert zu werden, heißt dagegen "Strobo" und ist im vergangenen Jahr im Berliner Subkulturverlag SuKuLTur erschienen. Kein Feuilleton hat dieses Buch bemerkt. Und auch der Verkauf von "Strobo" lief mau. Sein Autor Airen soll Jahrgang 1981 sein, gebürtig aus Bayern, und auf einschlägige Erfahrungen mit der Berliner Drogen- und Clubszene zurückgreifen können.
Wie entdeckte Pirmasens die Parallelen? Er kannte den Roman von Airen, er hatte ein Kapitel vertont und er kennt den Berliner Club Berghain, wo Hegemann große Teile ihres Buches spielen lässt. Da man dort nicht hineinkommt, wenn man nur aussieht, als sei man jünger als 21, wie Pirmasens in seinem Blog berichtet, fragte er sich, wie Hegemann die Erfahrungen machen konnte, von denen sie so eindringlich berichtet. So hat er nachgeforscht und entdeckt, dass Helene Hegemann "Strobo" zitiert, ohne die Vorlage zu nennen. Der Fall ist also zunächst klar. Hegemann hat sich nicht nur inspirieren lassen. Sie musste nicht mal abschreiben, Copy&paste heißt das Verfahren treffender.
Was aber bedeutet das für "Axolotl Roadkill", Helene Hegemann und die Feuilletonkultur? Ändert es etwas daran, dass das Buch von Hegemann gut ist? Nein, denn Wort bleibt ja Wort, Ausdruck bleibt Ausdruck, Satz bleibt Satz. Und Buch bleibt Buch.
Helene Hegemann hat sich mittlerweile entschuldigt, "nicht von vorneherein alle Menschen entsprechend erwähnt zu haben, deren Gedanken und Texte mir geholfen haben." Dazu aber hat sie gesagt: "Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf,... Originalität gibt´s sowieso nicht, nur Echtheit. ... Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) - ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit." Weiter sagt sie: "Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. ... Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf."
Damit liegt sie voll im Trend, der die Vorstellung vom Urheber als lästiges Relikt eines überkommenen Schriftzeitalter begreift. Man kann über diese Fragen lange streiten und das "Sharing"-Kultur nennen, wie Hegemanns Verlegerin Siv Bublitz. Möglicherweise ist über die Frage, was ein Urheber, ist, auch keine Klarheit mehr zu erlangen, wo der Subjektbegriff fragwürdig geworden ist.
Die Frage, was heute ein Autor ist, entscheidet sich denn auch vollkommen anders. Die Frage entscheidet die Kasse. Hegemanns Buch hat von seiner Autorin, die das ganze wilde Rauschen der großen Stadt Berlin zu verkörpern scheint, die die Ekstase und die Ernüchterung des Rauschs schon in zartem Alter durch sich hat hindurchgehen lassen, profitiert. Die Frage ist, ob sich die breite Leserschaft weiter für ein Buch existiert, dessen Erfahrungen, wenigstens zum Teil, aus zweiter Hand stammen.
Darf man, in den Augen des Publikums, vom Rausch schreiben, wenn man keinen Kater gehabt hat? Was dabei verloren geht, ist - schönes, altes Wort - der Nimbus. Hype braucht immer noch Authentizität. Das Buch bleibt das gleiche, die Autorin ist auch weiterhin enorm talentiert. Aber ein Untermieter, als den sie sich in der Rechtfertigung bezeichnet, muss doch Mietzins entrichten. Der wird nun darin liegen, dass sich weniger Exemplare ihres Buchs verkaufen. Auch für die Kritik, wir geben es gerne zu, liegt etwas Peinliches in dem Vorgang. Wer ehrlich ist, wird das Gefühl, jemandem auf den Leim gegangen zu sein, nicht verleugnen wollen. Der Fall erinnert daran, dass Helene Hegemanns wesentliche Leistung vielleicht darin besteht, eine Erfahrung von der Sub- in die Hochkultur (schau an, die beiden gibt´s ja doch noch!) transponiert zu haben. Deswegen haben wir Kulturzirkel davon überhaupt Notiz genommen. Auch das bedeutet: Das Buch bleibt das gleiche, aber wir schauen es jetzt mit anderen Augen an.