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Preis für Westergaard: Mehr Selbstbewusstsein

Pressefreiheit, Mohammed mit der Bombe und der Koran in Flammen. Die Verleihung des „M100 Medien Preises“ an den dänischen Karikaturisten Westergaard zeigt sich, wie kompliziert die Welt ist.

Kurt Westergaard wird von der Kanzlerin geehrt.
Kurt Westergaard wird von der Kanzlerin geehrt.
Foto: AFP

Lebten wir in einer idealen Welt, wäre alles etwas übersichtlicher. Dann nämlich hätte Angela Merkel gestern Abend anlässlich der Verleihung des „M100 Medien Preises“ in Potsdam einfach nur die Hauptrede gehalten, bei einem Preis, dessen Jury aus Journalisten besteht, vielen Chefredakteuren zumal. Und der dänische Karikaturist Kurt Westergaard hätte sich über den Preis einfach nur gefreut. Und über die Laudatio von Joachim Gauck.

Leider ist es komplizierter. Denn bekannt geworden ist Westergaard im Zusammenhang mit dem dänischen Karikaturenstreit vor vier Jahren, zu dem er einen Mohammed mit Turban-Bombe beisteuerte. Weil sich dieser Streit schnell zu einem globalen Kulturkampf auswuchs, kam es zu Todesdrohungen gegen die Karikaturisten, Westergaard wurde sogar überfallen. Islamisten bedrohten damit unser aller, nicht etwa nur die dänische Freiheit. In einer idealen, nennen wir es: solidarischen Welt hätten nun andere, zumal deutsche Zeitungen den Karikaturisten mutig beispringen und eigentlich auch ihre Leser umfassend informieren müssen: vor allem durch den Abdruck aller Karikaturen. In Deutschland taten dies die meisten Zeitungen nur sehr eingeschränkt oder gar nicht, häufig mit dem Hinweis, das provoziere die Muslime. Tja, und jetzt wird Westergaard von den Vertretern eben dieser Zeitungen ein Preis im Namen von „Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit“ verliehen – irgendwie dumm gelaufen und in jedem Fall nicht ganz glaubwürdig.

In einer idealen Welt hätte man nicht nur die Karikaturen vollständig publiziert, sondern sie auch mit differenzierten, theologischen und politischen, vor allem aber auch ästhetischen Expertisen begleitet. Und damit auch allen Muslimen, insbesondere allen Fundamentalisten gezeigt, wie wunderbar aufgeklärt wir Europäer doch sind. Nun, ganz offenbar verfügt man hier nicht über das nötige Selbstbewusstsein, um auf diese Weise für unsere Werte zu werben. Stattdessen überlassen wir das Feld immer wieder den Hasspredigern, sei es den Islamisten oder selbst ernannten Islamkritikern.

Doch schon bietet sich die nächste Chance: Am 11. September will die evangelische Gemeinde in Gainesville (Florida) Exemplare des Koran verbrennen. Pastor Terry Jones möchte damit an die Terroranschläge der Al-Kaida erinnern und gegen den „Islam als eine Ausgeburt des Bösen“ protestieren. Sollte man das als Blasphemie einfach verbieten – das würde man schon hinbekommen – oder nicht vielmehr öffentlich eine Kirche dabei begleiten, die sich politisch wie theologisch vollkommen deskreditiert? Wäre dies unserer „westlichen“ Öffentlichkeit überhaupt noch zutrauen, die so ungeübt im Umgang mit dem Religiösen geworden ist?

Am Ende fehlt es ihr, fehlt es uns am Selbstbewusstsein, um für die Aufklärung zu werben, unserem einzigen, in seiner Unvollendetheit so prekären Projekt.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  8 | 9 | 2010
Kommentare:  8
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