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Prinz Eugen-Ausstellung in Wien: Der Unbezwingbarste

Dass dieser Mensch gar noch Zeit für die Philosophie fand, zeigten sein intensiver Gedankenaustausch mit einem Geistesheros wie Leibniz, seine Begegnungen mit Rousseau, seine Bekanntschaft mit Montesquieu, seine Korrespondenzen mit Voltaire. Zweifellos war der Prinz ein ungemein umtriebiger Networker - dass der kühne Stratege deswegen auch ein Philosoph war, ist eine der kühnen Schlussfolgerungen dieser Schau.

Wenn der prachtvolle Parcours den Belvedere-Besucher auf eine Zeitreise mitnimmt, dann versäumt es die Schau jedoch, ausdrücklich auch in der Gegenwart anzukommen. Keine Rezeption aus heutiger Perspektive - sie ist mit der Ausstellung "tanzimat" ausgelagert an einen anderen Ort Wiens (Augarten Contemporary Scherzergasse 1a). Angesichts des Historismus im Belvedere vermisst der Besucher Auskünfte über die Wirkungen eines Erbes, das auseinandergerissen wurde. Auch kein Satz, wie das Langzeitgedächtnis heute über ihn denkt.

Alle Konzentration gilt einem in seiner Zeit verharrenden kulturhistorischen Reichtum. Dazu zählt in besonderer Weise die Bibliothek des Prinzen. Seine Art des Sammelns wies bereits hin auf das Erkenntnisinteresse der Aufklärung, seine Zusammenstellung an geistes- und naturwissenschaftlichen Büchern entsprach nicht mehr einem barocken Raritätenkabinett, und um die Bände zu katalogisieren, ließ es sich von vorneherein mehrfarbig binden. Unterstützt wurde er von Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich, im Gegenzug, die Unterstützung zur Gründung einer Wiener Akademie nach Berliner Vorbild versprach - vergeblich.

In Wien wird unter Glas ein Kosmos denkbar zart angedeutet, wahrlich ein Bücherhimmel, zu dem Atlanten und Psalmenkommentare gehörten, eine Kostümgeschichte des Orients und kriegswissenschaftliche Traktate, die illustrierten Werke Dantes oder Boccaccios, Petrarcas "Triumphzüge" auf Pergament, die Heilige Schrift genauso wie Tycho Brahes systematische Entzauberung des Sternenhimmels.

Und dann ist da auch ein achteckiges Döschen, ein Behältnis aus Silber, das Gefäß für einen mobilen Miniaturkoran. Damit zeigt die Schau, was im famosen Katalog vertieft wird: einen Kulturtransfer, der unter den Bedingungen permanenter Kriege durchaus nicht unüblich war, wenn die "Türkenmode" in Wien Fuß fasste, wenn Nahrungsmittel oder Pflanzen ausgetauscht wurden oder der Barock in Konstantinopel die eine oder andere Holzarchitektur entstehen ließ.

Eine Transferleistung für sich war bereits die Flucht des Zwanzigjährigen aus Paris, eine in Mädchenkleidern, von Spitzeln und Häschern des Sonnenkönigs verfolgt. Wien erreichte der Prinz lediglich mit einem Schwert im Gepäck. Wenn Österreich heute noch am Wiener Heldenplatz zu seinem größten Feldherrn aufschaut, dann zu einem Draufgänger mit ausgeprägt strammen Waden. Das ist womöglich übertrieben, so dass das Bild vom Prinzen jetzt korrigiert werden kann, unter den denkbar kostbarsten Umständen.

Prinz mit Perücke auf dem Rücken eines Türken

Weniger zur Korrektur als zur Kostbarkeit muss man eine Arbeit Balthasar Permosers rechnen. Die Marmorskulptur hat einen Sockel, der den Feldherrn als "Invictissimus" feiert, was ein Superlativ ist. Er lässt sich nur mit dem Wort "Der Unbesiegbarste" übersetzen. Die Apotheose ließ den Prinzen mit Allongeperücke und Harnisch, versehen mit den Attributen des Herkules aufsteigen, wobei als Fundament der Karriere ein Türkenrücken herhielt.

Es gibt Gründe, warum diese Bildhauerei in einem Seitenkabinett zu sehen ist. War doch dem Prinzen selbst die Form der Darstellung nicht nur recht - ganz abgesehen davon, dass einer seiner ärgsten Feinde (und ehemals engsten Freunde) gegen die Statue polemisierte. Wie mit (erigiertem) Finger wies der Gegenspieler auf "Genien, die seinen Hintern streicheln, seinen Arsch kratzen, während andere auf seine Schultern klettern, um seinen Mund zu küssen."

Wahrhaftig barocke Worte, von geradezu ausschweifender Beobachtungsgabe. Frivole Projektion? Maßgeblich Liselotte von der Pfalz trug dazu bei, wenn sie in ihren Briefen kolportierte, der Prinz sei schwul. An dem Gerücht, es mit Pagen zu treiben, arbeitete Liselotte verbissen in ihren Briefen - und das Dokument dieses Fanatismus steht im Belvedere geschrieben auf einer weißen Wand, schon im Foyer.

Bauherr, Mäzen, Kunstsammler, Botaniker - man würde dieser Ausstellung zweifelsohne Unrecht tun, wenn man eine Reaktion glatt verschwiege, den unmittelbaren Reflex auf einen seiner Triumphe über die Türken, 1717, in der Schlacht von Belgrad. Als Gassenhauer zog das Lied "Prinz Eugen, der edle Ritter" Kreise, enorme Kreise, als wohl unbesiegbarster Schlager schlechthin. Wenn Europa seitdem geneigt war, das Edle und Ritterliche als makellos-moralische Bilanz zu sehen, war das aber äußerst naiv.

Unteres Belvedere, Wien: bis 6. Juni. Zur Ausstellung ist ein ausgezeichneter Katalog im Hirmer Verlag erschienen: 336 S., 38 Euro

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Datum:  11 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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