kalaydo.de Anzeigen

Prinz Eugen-Ausstellung in Wien: Der Unbezwingbarste

Das Wiener Belvedere ehrt seinen Schöpfer, den Kriegsherrn und Kunstfreund Prinz Eugen, mit einer prachtvollen Ausstellung. Von Christian Thomas

Verherrlichung:  Das Reiterbildnis Jacob van Schuppens entstand  1721.
Verherrlichung: Das Reiterbildnis Jacob van Schuppens entstand 1721.
Foto: Belvedere

Auf sein ganzes Leben gesehen, war es praktisch nur eine Episode, aber sie hatte nun mal damit zu tun, dass der Prinz sein Gesamtwerk gebührend gewürdigt wissen, die einzelnen Szenen zum Gesamtkunstwerk arrangiert haben wollte. Also vergab der Prinz Aufträge an zwei Maler, worüber die Künstler der Profession der Auftragsmalerei nachkamen.

Bei den Anweisungen handelte es sich nicht etwa um nur vage Vorstellungen, denn bei den Plänen ging es um wohlweislich penible Rekonstruktionen, nach denen der Provencale Parrocel und der Flame van Huchtenburgh zu arbeiten angehalten waren, wie bei Schlachtengemälden üblich. Was sie an Verherrlichungen hervorbrachten, füllte Großformate, sieben kamen allein im Stadtpalais von Wien zusammen, wo sie, wie jetzt im Zusammenhang mit einer Ausstellung über den Prinzen Eugen zu lesen ist, "wandfest montiert" wurden.

Viele der Besitztümer, die dagegen seit heute in der Ausstellung im Wiener Belvedere zu sehen sind, gehörten im Laufe der Jahrhunderte zur beweglichen Habe. Unter der Trias "Feldherr, Philosoph und Kunstfreund" wird das Untere Belvedere in Wien bespielt, an historischem Ort, in einer der barocken Herrlichkeiten, die Johann Lucas von Hildebrandt als Sommerresidenz für Prinz Eugen von Savoyen errichtete. Der Rückblick auf ein Menschenleben (1663 - 1736) geschieht in sechs Abteilungen, und wenn Marie-Louise von Plessen sagt, "der ganze Mensch war ja nur einsfünfzig groß", und wenn sie ein wenig später sagt, der "Mann war ein Handwerker seiner Zunft", dann umreißt die Kuratorin auf knappste Weise ein alles andere als begrenztes Spektrum.

"Nur einsfünzig groß

Zum Handwerker darf man so viel sagen, dass Habsburg mit der europäischen Konkurrenz im Krieg lag und Europa ihm als Dauerzustand erlag. Der Krieg war unausgesetzte Realität, unaufhörliche Gegenwart, angefangen von der Verteidigung Wiens gegen die Türken, 1683, über den Pfälzischen Erbfolgekrieg, den Feldzug gegen die Franzosen in Oberitalien (ab 1700) über den Spanischen Erbfolgekrieg (1701 - 1714).

Habsburgs Kinder waren ständig unter Waffen und Kanonenfutter, Friedensverhandlungen, von denen viele Jahreszahlen in die Geschichtsbücher eingingen, waren Intermezzi gemessen an der Raison d´être des Krieges. Mit den stehenden Heeren des späten 17. Jahrhunderts wälzten sich, so kann es der Belvedere-Besucher an Schlachtengemälden studieren, wandernde Städte durch Europa.

200000 Osmanen zogen im Spätsommer 1683 vor Wien auf, und wenn ein jedes Kind der Stadt tags darauf wusste, dass das Entsetzen auslösende Eroberungsheer der siegesgewissen Türken geschlagen wurde, dann muss man sich dieses Blutbad auch heute noch als die Vernichtung einer Stadt vor der Stadt vorstellen.

Der Prinz, ein Zuwanderer aus Frankreich mit italienischen Wurzeln, dachte für Habsburg in europäischen Dimensionen, als Feldherr war er gleichzeitig ein Manager der Durchökonomisierung des Krieges, sicherlich nicht der erste, da konnte er an das Erbe des Habsburger Kriegsunternehmers Wallenstein anknüpfen.

Biografen haben in dem Militär, dem Volontär ebenso wie schließlich in dem Feldmarschall, einen Draufgänger gesehen, nicht nur ein Genie, sondern einen Hasardeur, willenloses Menschenleben zu Tausenden maßlos opfernd. Was der Prinz, einmal vermögend, und eines Tages war er ungeheuer vermögend, gab, gab er mit vollen Händen, und seine Großzügigkeit spekulierte nun mal mit Kunstwerken genauso wie mit Kollateralschäden.

Das Haus Habsburg stand in einem Zweifrontenkrieg, auf dem Balkan gegen die Türken, deren Aggression wiederum Ludwig XIV. nutzte, um Frankreichs Hegemonieansprüche über den Rhein auszuweiten, was dann seit 1688, mit Beginn des Pfälzischen Erbfolgekriegs, zur in der Geschichte erstmals so deklarierten Taktik der "verbrannten Erde" führte.

In der Ausstellung ist es insbesondere Jan van Huchtenburgh, der mit seinen Schlachtfeldbildern von Höchstädt und Peterwardein dem heutigen Besucher neben dem Schrecken die Ästhetisierung des Kriegstreibens vor Augen führt. Europäisches Kriegstheater: Ein dabei nicht zu unterschätzender Faktor war das offenkundig ästhetische Kalkül der Kriegskunst.

Allein die mathematische Operation der Schlachtenlenkung dürfte aus der Feldherrnhügelperspektive mit Lustgewinn und Lustverlusten verbunden gewesen sein. An diesem Punkt einer erschreckenden Erkenntnis ist der Belvedere-Besucher bereits tief eingedrungen in die Epoche, daher sollte man nicht unerwähnt lassen, dass Exponat 1, als Leitmotiv ebenso wie als Irritation, den Kunstbesuch zeigt. Der Prinz beim Kunsthändler Zomer in Amsterdam, Feder in Braun, laviert auf Papier.

Wenn es immer schon hieß, dass der Prinz ein gefinkelter Schlachtenlenker war, dann muss man ihn nun, nach dieser kulturhistorischen Ausstellung, einen weiteren Strategen nennen. Einen Bibliotheksstrategen, einen Architekturstrategen, einen, ja, Gesamtkunstwerkstrategen. Die Hinwendung zu den Künsten bebildert die Schau, angefangen von antiken Plastiken, dazu Puttengruppen, Marmorreliefs.

Der Prinz schätzte augenscheinlich unter den Malern des Barock die Italiener und Niederländer, mit 15 Leihgaben rekonstruiert die Ausstellung die originale Hängung, und auch im nachempfundenen Bildersaal ist es ein Kupferstich Salomon Kleiners, der eine Vorstellung von der ursprünglichen Einrichtung der Bildergalerie gibt. Überhaupt sind es die Tafeln Kleiners, die wie ein Wegweiser durch die Schau führen, vorbei an blutbespritzten Handschuhen oder kolorierten Abbildungen von exotischen Bestien, für die der Prinz ein ebenfalls ausgeprägtes Faible hatte.

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  11 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.