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Propagandalektüre in China: Nischen der Meinungsfreiheit

"Ich versuche, immer an die Grenze zu gehen und sie jedes Mal ein bisschen weiter hinauszuschieben", sagte Han. "Ich habe das Glück, schon seit einigen Jahren berühmt zu sein, weshalb ich mir mehr erlauben kann als viele andere." Zwar will auch er sich nicht auf Frontalkämpfe mit dem Regime einzulassen, aber mit "Batman-Journalismus" könne man auch in China für das Gute kämpfen. "Meiner Meinung nach ist Pressefreiheit im Moment das wichtigste Thema in China, denn ich glaube an die Macht von Informationen", meint Han. "Heute sind viele Chinesen stolz darauf, dass es bei uns schon viel besser ist als in Nordkorea, aber wenn es Nordkorea nicht gäbe, sähen wir ganz schön alt aus."

Solche Slogans kommen bei Chinas jungen Intellektuellen gut an, allerdings nur bei denen, die sich von der Partei ins Dickicht nationalistischer Parolen locken lassen. Letztere sind in China zweifellos in der Mehrheit - und das Buchladenkonzept hat auch die Regimetreuen überzeugt, so dass sie inzwischen ihre eigenen Treffpunkte betreiben. Etwa das Buch-Café Utopia im Pekinger Universitätsviertel Haidian. Hier versammelt sich die so genannte "Neue Linke", die der alten Linken näher steht, als der Name einzugestehen bereit ist. Buchauswahl und Veranstaltungsprogramm sind vor allem auf Revolutionsromantiker und Mao-Zeit-Nostalgiker zugeschnitten.

"Maos militärische Gedanken sind für immer die unbesiegbare Flagge unserer Armee",lautete etwa das Thema des Vortrags, mit dem kürzlich Mei Qiyi, ein pensionierter General der Volksbefreiungsarmee, 250 Zuhörer in seinen Bann zog. "Der Vorsitzende Mao hat die systematischste, umfassendste und wissenschaftlichste Militärtheorie der Welt formuliert", erklärte Mei. "Das wird in aller Welt anerkannt." Dann erging er sich zwei Stunden lang in der Beschreibung von Schlachten, die seit Jahrzehnten zu den Evergreens der Armeepropaganda gehören und immer dem gleichen Schema laufen: Die kommunistischen Truppen werden von bösen Kräften in eine aussichtslose Lage manövriert, doch dann erscheint Mao mit Bonmots wie "Siege werden nicht mit Waffen, sondern mit dem Herz entschieden" und der Sieg ist sicher. Die Zuhörer - im Schnitt deutlich älter und weniger gut situiert als die Sanwei-Besucher - gaben Szenenapplaus.

"China kann Nein sagen"

In den Buchregalen stehen neben marxistischen Klassikern und Mao-Bildbändenauch die Manifeste des neuen, trotzigen chinesischen Selbstbewusstseins. Etwa "China kann Nein sagen", dessen Autoren 1996 mit antiwestlichen Tiraden auf der nationalistischen Klaviatur spielten. Oder "Währungskrieg", in dem eine angebliche antichinesische Verschwörung des internationalen Großkapitals entdeckt wird. Oder der Anfang 2009 erschienene Bestseller "China ist nicht glücklich", der die Chinesen lehrte, die Ursachen vieler Probleme geradewegs im Ausland zu suchen. Gleichzeitig verkauft sich hier auch die so genannte "Großlandliteratur" bestens, die China an seine alte Stärke erinnern soll.

"In der Menschheitsgeschichte hat es nur ein einziges Reich gegeben, das weltweit eine noch größere Bedeutung gehabt hat als das heutige Amerika, und das war das China der Tang-Dynastie", sagt Zhu Daping, Vorsitzender des "Pekinger Informationszentrum für gesellschaftliche Erziehung und Kultur", einer der größten Vertreiber von Propagandaliteratur. Doch in den über tausend Jahren nach dem Ende der Tang-Zeit habe China sein Selbstbewusstsein verloren. "Damals hat China die klügsten Köpfe des Planeten angezogen und die fortschrittlichsten Ideen in die Welt zurückgetragen", erklärt Zhu, "und aus aller Welt kamen Frauen, um mit chinesischen Männern zu schlafen, weil das ihr größter Traum war."

Zwar verrät Zhu damit womöglich mehr über seine eigenen Wünsche als über die chinesische Geschichte. Doch bei den Massen kommt das allemal gut an.

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Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  10 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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