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Prix Goncourt für Michel Houellebecq: Prophet der Mittelmäßigkeit

Endlich hat er es geschafft: Michel Houellebecq hat sich selbst getötet in seinem jüngsten Roman „La carte et le territoire“ (Karte und Gebiet). So hat er seine hasserfüllten Kritiker mundtot gemacht und sich auf gewisse Weise den Weg freigeschossen zum Prix Goncourt.

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq.
Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq.
Foto: Fred Dufour/afp

Endlich hat er es geschafft: Michel Houellebecq hat sich selbst getötet. Aus und vorbei. Der Dichter ist tot. Nicht durch seinen übermäßigen Zigarettenkonsum ist ihm das gelungen, auch nicht durch Komasaufen. Keine Drogen waren im Spiel, nur Worte.

In seinem jüngsten Roman „La carte et le territoire“ (Karte und Gebiet), in dem er eine Nebenrolle einnimmt, hat sich Houellebecq auf bestialische Weise ermorden lassen: Der Körper des Schriftstellers ist mit einem Lasergerät in unendlich viele Fleischfetzen zerlegt worden, die so kunstvoll auf dem Teppich arrangiert worden sind, dass der Tatort an ein Gemälde von Jackson Pollock erinnert. Nur Houellebecqs Kopf ist intakt geblieben. Er thront auf einem Sessel, auf einem zweiten daneben steht der seines großen, schwarzen Hundes.

Michel Houellebecq hat es wirklich geschafft. Er hat mit dieser rituell wirkenden Selbsttötung des Schriftstellers durch den Erzähler seine hasserfüllten Kritiker ein für alle Mal mundtot gemacht und sich auf gewisse Weise den Weg freigeschossen zum Prix Goncourt. Zu diesem Preis, für den er seit zehn Jahren im Gespräch ist, der mindestens zwei Mal an ihm vorbeigegangen ist und der ihm fehlte, allen Erfolges zum Trotz. Es war wie ein Phantomschmerz, auch wenn er das nur widerwillig zugegeben hat.

Nicht, dass er ihn finanziell gebraucht hätte. „Der französische Harry Potter für Erwachsene“, wie es der Kritiker Marc Fumaroli von der Académie Française ein Mal bitterböse formulierte, hat keinen Verkaufskick dieser Art nötig gehabt. Ein Prix Goncourt verkauft sich in Frankreich durchschnittlich 400.000 Mal. Houellebecq schafft das mitunter auch so. Als er den Verlag wechselte, wurden Summen über den Tisch geschoben wie für Fußballstars.

Die Maske des Träumers

Houellebecq wollte die Anerkennung des Literaturbetriebes, den er verachtet; er wollte den Ritterschlag der Kritik, die ihn hasst. Er wollte, als ob er in seinem tiefsten Inneren doch ein Romantiker ist, so etwas wie Versöhnung. Die Provokation ist in Wahrheit nur die Maske des Träumers.

Mit „Karte und Gebiet“, seinem jüngsten und zweifellos besten Roman, in dem er den Ballast der Provokation endlich abgeworfen hat, hat sich Houellebecq an seinen Kritikern auf gewisse Weise gerächt. Er hat mit diesem Ritualmord ihre Hassgefühle bedient und ihnen doch dabei ganz elegant vorgeführt, dass die Literatur eben nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln ist: Houellebecq ist tot! Es lebe Houellebecq!

Mit anderen Worten: Dieser Künstlerroman, dessen Hauptfigur ein Maler, kein Schriftsteller ist, beweist, dass es sie eben doch gibt, die sauberen Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Weshalb man einen typisch Houellebecqschen Protagonisten, der frauenfeindlich, rassistisch, moslemfeindlich oder ein Befürworter des Klonens ist oder am besten gleich alles zusammen, eben nicht mit dem Autor verwechseln darf.

Houellebecq hat diesen Prix Goncourt wie kein anderer verdient, weil sein gesamtes Werk von kleinen Ausnahmen abgesehen das stärkste und radikalste der französischen Gegenwartsliteratur ist. Niemand hält dieser Gesellschaft den Spiegel so schonungslos vor. Houellebecq schildert i eine sich weiter und weiter entleerende Welt, in der sich Obszönes mit Visionärem vermengt, die Banalität mit der Melancholie. Sie ist bevölkert von Egomanen ohne Ego, von Erotomanen ohne Eros. Dabei beschreibt er unsere Lebenswelt am ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert mit einer klinischen Kühle und Sterilität als operiere er den Patienten am offenen Herzen.

Scheinbare Teilnahmslosigkeit

Vielen Lesern wirken seine Bücher zu flach, um sie ertragen zu können. Das Missverständnis besteht darin, dass sie das Hohle und Entleerte, das Houellebecq beschreibt, selbst für hohl und entleert halten. Aufgereizt und provoziert durch die scheinbare Teilnahmslosigkeit, mit der er dokumentiert, wird der Bote verantwortlich gemacht für die Botschaft, die er überbringt.

In Wahrheit ist Houellebecq ein Prophet. Er hat wie kein anderer Schriftsteller der Gegenwart einen literarischen siebten Sinn. Er schrieb in „Elementarteilchen“ (1998) über Eugenik, Stammzellen und Präimplantationsdiagnostik, als diese Begriffe noch nicht jeden Tag in der Zeitung standen. In „Plattform“ lassen islamische Fundamentalisten in einem Nachtclub in Thailand eine Bombe hochgehen, um mit den getöteten Sextouristen stellvertretend die gesamte westliche Welt für ihren Lebenswandel zu bestrafen. Als der Roman am 3. September 2001 in die französischen Buchhandlungen kam, hatte Houellebecq gerade noch Zeit, ein paar Provokationen loszulassen und zu behaupten, der Islam sei wirklich die „allerdümmste“ aller Religionen. Wenige Tage später stürzten in New York die Twin Towers zusammen und mit ihnen die Sicherheiten des vergangenen Jahrhunderts.

Und auch wenn „Die Möglichkeit einer Insel“ (2005) literarisch eine große Enttäuschung war, so beschreibt Houellebecq darin doch deutlich Jahre bevor die ersten Schwangerschaften und Todesfälle auf der Klagemauer von facebook verkündigt wurden, wie unsere geklonten Nachfahren nur noch elektronisch miteinander verkehren.

Houellebecq ist ein Prophet, der selbst an der Welt leidet. Dass er dies Leid nie zu verstecken versucht hat, hat ihn für viele zur Hassfigur gemacht. Aber seine Erscheinung ist keine Pose. Er zeigt sich im zerknautschtem Parka, weil er ihm wirklich wie ein Panzer ist. Er sitzt wie ein geschlagener Hund in den Fernsehstudios, die Fingerspitzen vom Nikotin vergilbt, und ist im Grunde selbst die Figur, die seine Romane bevölkern: der Mittelstandsfranzose in seiner unüberbietbaren Mediokrität. Ein Mann, wie er einmal sagte, von „perverser Aufrichtigkeit“.

Ob er gerührt sei über diesen Preis, hat ihn eine Reporterin kurz nach Bekanntgabe gefragt. Nein, lies er mit leiser, wackliger Stimme wissen. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl“, fügte er noch hinzu. Alles andere als emotionale Teilnahmslosigkeit hätte auch überrascht.

"La carte und le terretoire" erscheint im Frühjahr 2011 beim Dumont Verlag unter dem Titel "Karte und Gebiet".

Autor:  Martina Meister
Datum:  9 | 11 | 2010
Kommentare:  4
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