Überall sind Journalisten. Von der kleinen Digitalkamera gelangt alles über die große Satelliten-Antenne ins Studio, das von einem Dutzend bewaffneter Männer bewacht wird. Sie repräsentieren alle Varianten dieser Spezies.
Es gibt die Stars wie Geraldo Rivera, die über das Rollfeld gehen und mich mit einem freundschaftlichen "Hi" begrüßen. (Er kennt mich nicht, aber man muss nett sein zur Urbevölkerung.) "Hi Geraldo", sage ich zu ihm. Er ist froh, dass man weiß, wer er ist.
Es gibt die Haudegen, meist blond (warum, weiß ich nicht), Drei-Tage-Bart, rotes oder blaues Bandana um den Kopf, die rittlings auf einem Moped sitzend an den Menschenmengen der Armenviertel vorbeirasen. Diese Männer haben keine Angst, zumindest tun sie alles, damit man es ihnen glaubt. Mit zwei, drei Kameras um den Hals fotografieren sie schneller als ihr Schatten ist. Ich statte dem Hotel "Villa créole" einen Besuch ab. Die Menschen hier haben überlebt, aber das Hotel ist zur Hälfte zerstört. Die obdachlosen Journalisten des eingestürzten Hotels Montana irren fassungslos in der Gegend herum. (Sie kennen die Sorte Hotel, unter deren Dächern Journalisten ihre Artikel gerne bei einem Whisky on the rocks verfassen.)
In der Villa créole dient der Beckenrand des Swimmingpools jetzt als Schlafstätte. Ich fühle mich wie in einem Camp zotteliger Legionäre. Selbst die dünnsten Menschen wirken muskulös, so sehr strahlen sie Wichtigkeit und Überlegenheit aus. Zu viele Hähne in diesem Hühnerhof. Ich schaue um mich, kein einziges bekanntes Gesicht. Ich verschwinde.
Es gibt die Journalisten, die "nah am Volk" sind. Sie sind häufig zu Fuß unterwegs, versuchen die absurdesten Orte ausfindig zu machen, die originellsten Individuen zu finden, die prekärsten Situationen aufzuspüren. Ihre Berichte beginnen oft so: "Mésidieu wohnt in einem der ärmsten Viertel von Port-au-Prince". Vorher, bei meiner Ankunft, haben mir ein paar sympathische Berichterstatter erzählt, sie hätten ein bis zwei Tage Zeit, ein Waisenhaus zu finden, das Gegenstand ihres Hilfsprojekts werden solle. Verwaiste Kinder haben oberste Priorität in diesen chaotischen Tagen. Besonders im Hinblick auf Adoptionen.
Es gibt mitleidende und frustrierte Journalisten. Jene, die wissen, dass die Welt nicht gerecht ist, jene, die eine Maschine wollen, die alles zerstört. Aber anstatt alles kaputt zu machen - ihre auf starke Auflage ausgerichtete Zeitung, ihren stumpfen Chef, ihre eifersüchtigen Kollegen, ihre Frauen, die nicht verstehen, das sie (schon wieder!) in ein hilfsbedürftiges Land aufbrechen.Ich weiß, ich übertreibe. Aber ich habe auch meine Klischees.
Jedes Mal, wenn ich jemanden von meinem Land reden höre, scheint die Komplexität der Verhältnisse komplett ausgeblendet. Vierhundert Jahre Geschichte, die auch für uns Haitianer unbegreiflich ist, werden in einem einzigen oberflächlichen, Mitleid erregenden Bild zusammengefasst.
Ich weiß dennoch von einer Menge häufig für große Zeitungen arbeitende Journalisten, die Haiti und seine Gesellschaft wirklich kennen. Sie wissen viel von unserem Land, aber wenn ich ihre Artikel lese, erkenne ich sie nicht wieder. Ist das ein Problem der Chefredaktion? Oder gewinnt die Auflagenstärke, die Unbedingtheit der ersten Seite, der Skandal, das Drama, das sich gut verkauft, letzten Endes Überhand? Eine wütende Freundin sagt: "Sie wollen um jeden Preis, das wir in das Bild passen, das sie von uns haben." Sie sprach von den Bildern auf CNN, wo aus Hubschraubern Lebensmittel an die Bevölkerung verteilt wurden. Eine anarchische Vergabe, die natürlich in einer Schlägerei endete - live und direkt von CNN übertragen.
Was sollen diese Bilder beweisen? Dass die Haitianer Hunde sind? Dass Menschen, die Hunger haben und sich vernachlässigt fühlen, sich wie Tiere verhalten? Das Schlimmste daran ist nicht, die Bilder zu zeigen, sondern das Ungleichgewicht, der Fakt, dass diese Bilder keinen Platz mehr lassen für solche, die vielleicht treffender wären.
Ich verstehe nun, was ein Afghane oder ein Iraker gegenüber jener Extravaganz der Testosterone, der technischen Überlegenheit, dieser Rhetorik der medialen Gewalt empfindet.
Aus dem Französischen von Nuria Wrobel.