Diese Zeilen müssten die Überschrift "Eintrittskarte in eine Welt ohne Zurück" oder noch wahrheitsgetreuer, "Makabre Chronik eines Landes, das es nicht mehr gibt", tragen.
Ich treffe Freunde, die überlebt haben und die nicht verstehen, warum und weshalb. Ich höre ungläubig die Geschichten von jenen, die nicht mehr am Leben sind. Zwei Menschen sitzen sich im selben Büro gegenüber; einer wird überleben, der andere nicht. Ein Anruf lässt den einen den Raum verlassen, den anderen nicht. Der eine verschwindet unter einer Betonschicht, wird von einem letzten Ruck aufs Dach geschleudert und bleibt unverletzt und ohne einen Kratzer. Zwei Freundinnen verlassen fünf Minuten vor Schluss das Büro. Diejenige, die vorausgeht, bleibt unbeschadet, die andere wird im Bruchteil einer Sekunde vom Beton verschluckt.
Raoul Peck, 1953 geboren, ist Haitis bekanntester Filmregisseur. Er erlangte internationales Renommee durch sein Debut "Haitian Corner" und seine Filme über den kongolesischen Politiker Patrice Lumumba. Pecks Thema ist der Kolonialismus und dessen Folgen; er war 1996-1997 auch Kulturminister Haitis. Peck lebt heute in Paris. (fr)
All diese Geschichten haben sich genauso unendliche Male zugetragen. Straßen, Fußballfelder verwandelten sich in unzählige Flüchtlingslager. Ein neues Leben organisiert sich. Man liegt falsch, wenn man glaubt, dies sei nur vorübergehend. Da wir die Unzulänglichkeiten unseres Landes kennen, erwarten wir weder Beständigkeit noch Kontinuität, was die Pläne der internationalen Gemeinschaft betrifft. (Haiti wäre nicht der erste Fall medizinisch-humanitärer Vernachlässigung.) Dieser Übergangszustand wandelt sich (obwohl es die haitianischen und ausländischen Führungskräfte abstreiten) vor unseren Augen ins Endgültige.
Im Flugzeug vom Quai d´Orsay, das mich nach Haiti bringt, höre ich merkwürdige Konversationen um mich herum. Ich höre wohlwollende Unbekannte reden. Sie haben Führungspläne entwickelt, Satellitenfotos gesehen. Sie sprechen die Namen von Ortschaften aus, die mir vertraut sind, knüpfen an meine persönlichsten Erinnerungen an. Für sie sind das Hauptquartiere, Einsatzorte. Manchmal interveniere ich genauso wohlwollend und korrigiere falsche Annahmen, die fatale Folgen haben könnten.
Der grundlegende Fehler der internationalen Hilfe ist, dass sie nicht daran gedacht hat (oder nicht daran hat denken wollen), in erster Linie physische und logistische Mittel zur Verfügung zu stellen, damit die überlebende Bevölkerung reagieren, kommunizieren, führen kann. Wenn ich sehe, mit welcher Schnelligkeit CNN Büro, Antenne, Sekretariat (und Notfall-Bar?) auf dem Rollfeld des Flughafens aufgebaut hat, dann denke ich mir, man hätte es besser machen können. Was auch immer die Schwäche des haitianischen Staates ist, man hätte umgehend ein Hauptquartier bereitstellen müssen, Hilfsmittel, logistische Unterstützung, Experten.
Das alles ist nicht geschehen. Vielmehr hat jeder auf oberflächliche Weise versucht, den größtmöglichen Einsatz zu zeigen, im schlimmsten Falle aus eigenen Interessensgründen, im besten Falle aus diplomatischer Eitelkeit. Die Forderungen nach einer Vormundschaft, ob sie direkt oder nur in Andeutungen gestellt werden, können nicht mehr ignoriert werden.
In einem Interview in Paris fragte mich ein Journalist, bevor ich aufbrach, ob eine solche Bevormundung für Haiti letzten Endes nicht das Beste wäre. Wenn man das haitianische Volk kennt, ist das eine schlechte Idee. Napoleon hat dort keine gute Erinnerung hinterlassen.
Die "Vormundschaft" scheint oberflächlich die ideale Lösung für mehr Effizienz zu sein, aber die internationale Gemeinschaft hat bisher nirgendwo auf der Welt gezeigt, dass sie in der Lage ist, Krisen nachhaltig in den Griff zu bekommen. Kurzfristige Versorgung im Notfall, ja. Aber langfristiges nation building zum Vorteil der Bevölkerung? Nein.
Ich habe eine erste Tour durch Port-au-Prince gemacht. Wir kreuzen Konvois internationaler Beamten (manchmal auch von Journalisten), die von bewaffneten Männern begleitet werden. Ich hätte ihnen so gerne gesagt, dass sie die Bevölkerung nicht absichern können. Die starke Überwachung vermittelt den Eindruck einer Gefahr, die nicht existiert.
Man fährt überall herum, ohne in irgendeiner Weise bedroht zu sein. Port-au-Prince ist weder Irak noch Rio. Ist ein solches Aufgebot dann überhaupt zu rechtfertigen? Muss man alle Außenstehenden glauben lassen, das Leben in Haiti sei gefährlich? Es stimmt, dass Gefangene ausgebrochen sind und dass manche beschädigten Viertel immer noch keine Hilfe bekommen haben, obwohl am Flughafen die Trinkwasserflaschen in der Sonne schmoren. Ich frage mich, warum all das nicht diskutiert wird.
Ich habe Solène wieder getroffen, die seit mehr als 20 Jahren bei mir arbeitet. Ich kann sie nicht jedes Jahr bezahlen, also habe ich ihr geholfen, ein kleines Geschäft zu eröffnen. Sie ist Teil der Familie. Sie bringt mich zum Fußballfeld, wo sie jeden Abend schläft. Jeder hat sein eigenes kleines Zuhause durch gespannte Laken und Holzpflöcke abgegrenzt.
Auf Stufen steht ein Pastor und hält eine inbrünstige Predigt. Manche antworten mit einer Überzeugung in der Stimme, die mich verwundert. Denn ein für allemal muss man allen sagen: Diese Götter, welche auch immer es sind, waren hier nicht sehr leistungsstark. Die Hölle hat alles an sich gerissen. Ich frage mich, warum all das nicht diskutiert wird.