kalaydo.de Anzeigen

Redeverbot auf der Buchmesse: Als alles schon geschafft war

Wie es der Buchmesse in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt in letzter Sekunde noch einmal gelang, einen handfesten Eklat zu produzieren. Von Natalie Soondrum

Ein kulturelles Missverständnis: Dai Qing zeigt  bei ihrer Ankunft in Frankfurt keine Siegerpose, sondern versucht den Fotografen zu sagen, dass genug Fotos gemacht sind.
Ein kulturelles Missverständnis: Dai Qing zeigt bei ihrer Ankunft in Frankfurt keine Siegerpose, sondern versucht den Fotografen zu sagen, dass genug Fotos gemacht sind.
Foto: Boeckheler

Damit hatte am Sonntagabend niemand mehr gerechnet. Claudio Magris hatte den Friedenspreis erhalten. In seiner Rede hatte er den Dialog zwischen den Kulturen gefordert, dem die Frankfurter Buchmesse mit dem diesjährigen Gastland China nicht nachgekommen war. Zu einer offenen Begegnung zwischen der offiziellen Delegation aus China und den abweichenden Stimmen war es leider nicht gekommen. Und nun war die Buchmesse ohnehin vorbei.

Doch kurz nach sechs Uhr rief die chinesische Journalistin, Umweltaktivisten und Dissidentin Dai Qing bei der Frankfurter Rundschau an. Verärgert teilte sie mit, dass sie nach all dem Wirbel um das Symposium zur Vorbereitung der Frankfurter Buchmesse erneut mit einem Redeverbot belegt worden war.

Bei dem sogenannten Farewell Empfang des Verlegerprogramms, den das Internationale Zentrum der Buchmesse gemeinsam mit dem Referat Kulturprogramme des Auswärtigen Amtes ausrichtet, war ihr 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn das Wort entzogen worden. "Ich fragte Peter Ripken, sollen wir anfangen? Ich werde auch nicht länger als drei Minuten sprechen", sagte Dai Qing. Das sei eine Anspielung gewesen, der Leiter des Internationalen Zentrums habe sie schon früher ermahnt, sich kurz zu fassen. Doch da habe Ripken ihr geantwortet, dass sie überhaupt nicht reden werde, weil das Auswärtige Amt dies nicht wünsche. Peter Ripken bestätigte dies auf Anfrage (die FR berichtete).

Diese Absage war wie Salz in einer Wunde. Bereits im September hatte Peking versucht, Dai Qings Teilnahme an der Buchmesse zu verhindern, indem man ihr die offizielle Einladung nicht zukommen ließ. In der Folge hatte die Buchmesse die Einladung nicht erneuert, was einer Ausladung gleichkam. Auf Intervention des P.E.N.-Verbandes, der Dai Qing kurzerhand einlud, hatte die Dissidentin in letzter Minute ein Visum bei der Deutschen Botschaft erhalten und wohnte dem Symposium im Publikum bei.

Ebenfalls von dem Symposium ausgeschlossen war der chinesische Literat Bei Ling, der seit 2000 im US-amerikanischen Exil lebt. Auch er hatte schließlich als Zuschauer teilgenommen.

Ironischerweise widerfuhr ihm am letzten Abend der Frankfurter Buchmesse erneut das gleiche Schicksal wie Dai Qing: "Auch ich hatte Ende September, Anfang Oktober eine Einladung von Claudia Kaiser erhalten, um beim Farewell Empfang eventuell zu sprechen." Wie Dai Qing sei auch er davon ausgegangen, er werde auftreten. "Peter Ripken hatte mir empfohlen, nicht immer nur über Politik zu reden, sondern auch mal bei Auftritten meine Lyrik vorzustellen. Die Idee fand ich ausgezeichnet", sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Er habe vorgehabt, einige seiner Zeilen vorzutragen. Aber anders als Dai Qing, für die die Sache mit der Ansprache klar schien, hatte Bei Ling Ripken nochmals auf die Abschlussveranstaltung angesprochen. "Ich rief Ripken am Samstagabend an und bat ihn um Karten für den Friedenspreis. Leider konnte ich keine mehr bekommen. Ich nutzte aber die Gelegenheit, ihn auf Sonntagabend anzusprechen." Da sei Bei Ling schon aufgefallen, dass Ripken sich wand. "Er verwies mich an Claudia Kaiser, weil er nichts mit der Veranstaltung zu tun habe."

Am nächsten Tag habe Ripken ihn dann gegen 12 Uhr angerufen und ihm abgesagt, mit der Begründung, es gebe keine offiziellen Redebeiträge am Abend. "Ich dachte, dann ist es einfach nur eine Party, auch gut." Er sei sehr erstaunt gewesen, eine Stunde vor Empfangbeginn auf Dai Qing zu stoßen, die ihm sagte, sie sei aufgefordert zu sprechen. "Dai Qing fühlte sich schüchtern und wollte am liebsten, dass ich an ihrer statt spreche. Doch ich fand das prima, dass sie auftreten sollte."

Dann habe Bei Ling sich unter das Publikum gemischt und sich abermals gewundert, dass nach Max Maldacker vom Auswärtigen Amt nur die indische Verlegerin Kaveri Lalchand ans Mikro trat. "Ich fragte Peter Ripken, ob ich Dai Qing verpasst hätte, aber er wollte gar nicht mit mir darüber reden. Auch seine Frau schien sich nicht wohlzufühlen."

Später sei Bei Ling dann Dai Qing begegnet, die sehr verärgert und verwirrt war, weil Ripken sie in letzter Sekunde abgespeist hatte. Für Bei Ling ist eine Sache klar: "Wissen Sie, Peter Ripken war immer sehr freundlich im Umgang. Ich glaube, er hat die Wahrheit gesagt. Das Auswärtige Amt hat verhindert, dass Dai Qing und ich sprechen dürfen." Warum sie beide jemals als Redner für den Empfang vorgesehen waren, bleibt ihm ein Rätsel.

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  19 | 10 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.