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Regimegegnerin Parastou Forouhar: Barrieren gegen das Gedenken

Anlässlich des Jahrestages der politischen Morde und der Behinderungen seitens der Sicherheitskräfte hat Parastou Forouhar Interviews mit internationalen Medien geführt. Nun wird die in Deutschland lebende Regimegegnerin im Iran festgehalten. Von Hamid Ongha

Parastou Forouhar vor einem Porträt ihres Vaters Dariush.
Parastou Forouhar vor einem Porträt ihres Vaters Dariush.
Foto: Getty

Der 21. November 1998 war der Höhepunkt einer Serie von politischen Verbrechen des islamischen Staates. Das prominente Ehepaar Parvaneh und Darioush Forouhar aus den Reihen der bürgerlich demokratischen Opposition in Iran wurde in seinem Haus von Agenten des Geheimdienstes mit zahlreichen Messersstichen hingerichtet.

Ihre Tochter, die in Deutschland lebende Künstlerin Parastou Forouhar, hat seitdem einen zermürbenden Kampf um die Aufklärung des Verbrechens geführt. Sie reist jährlich im November in den Iran, um dort den Gedenktag für ihre Eltern zu organisieren. Auch in diesem Jahr fuhr sie in den Iran. Doch nun hat man ihr am Wochenende die Ausreise verweigert. Am Montag wurde ihr auf Nachfrage mitgeteilt, dass das Geheimdienstministerium sie angezeigt habe. Als Grund wurden die zahlreichen Interviews mit internationalen Medien genannt, die sie anlässlich des Jahrestages der politischen Morde und der Behinderungen seitens der Sicherheitskräfte bei den Gedenkveranstaltungen gegeben hätte. Nun sitzt Parastou Forouhar, während die Iraner gegen das Regime in Teheran demonstrieren, im Iran fest.

Forouhar hat sich nie davon abbringen lassen, sich für ihre ermordeten Eltern zu engagieren. Zu Beginn durfte sie auch noch Hoffnung haben: Der erste Jahrestag im November 1999 wuchs zu einer gewaltigen Demonstration gegen die Willkür des Machtapparates an, an der Zehntausende teilnahmen. Das fiel in die Anfangsphase der Regierung der Reformer unter Mohammad Chatami. In dieser Zeit waren unter dem Druck der Öffentlichkeit zahlreiche Recherchen, auch innerhalb der Institutionen, möglich. Dadurch ergaben sich kurze Einblicke in die dunklen Abgründe im innersten Zirkel der Macht.

In offiziellen Verlautbarungen des iranischen Geheimdienstes, das als "Informationsministerium" firmiert, wurde eine "selbstständige Clique" im Geheimdienst für die Taten verantwortlich gemacht. Der Führer dieser Gruppe, Said Emami, zeitweilig auch Stellvertreter des früheren Informationsministers Fallahian, gegen den im Zusammenhang mit den Mykonos-Morden die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte, steht nicht mehr zur Verfügung. Er habe sich, so die offizielle Version, im Gefängnis mit einem Mittel zur Haarentfernung umgebracht.

In den Verhörprotokollen benennen die Mörder den damaligen Informationsminister Dorri Najafabadi als ihren Auftraggeber. Dieser soll aber auch seine Befehle von "ganz oben" erhalten haben - von einer Stelle, die "zu recherchieren sich verbietet", wie der damalige Leiter der Parlamentskommission zur Aufklärung der Morde, Ansari Rad, in einem Filminterview sagte.

Die Gerichtsverhandlung geriet zur Farce. Seitdem wird auf Anfragen der Hinterbliebenen der Fall von offizieller Stelle routinegemäß als abgeschlossen erklärt. Jedes Gedenken, jede Trauerbekundung und jede Veranstaltung wurde seitdem immer massiver bekämpft. In den letzten Jahren hat Parastou Forouhar viel riskiert, um doch noch eine Gedenkveranstaltung abhalten zu können. Das konnte sie zuletzt nur noch in ihrem Haus, öffentliche Orte blieben ihr verwehrt. Der Aktionsradius für einen würdigen Gedenktag wurde immer enger.

In den letzten Jahren war das Gedenken nur noch im Elternhaus und im engsten Kreis der Verwandten und alten Freunde möglich. Die umliegenden Straßen und Gassen wurden seit den frühen Morgenstunden abgeriegelt. Nicht zu reden von den zahlreichen polizeilichen Vorladungen im Vorfeld. Auch beim örtlichen und zentralen Geheimdienst fanden Verhöre statt. In der Umgebung ihres Elternhauses waren die bei der Bevölkerung besonders unbeliebten "Zivilgekleideten" stets präsent, um Gäste und Besucher der Familie abzufangen.

In diesem Jahr aber war die Situation besonders angespannt. Der Sommer der Wahlfälschung führte zu einem Aufstand der Zivilgesellschaft. Seitdem wird jeder Anlass, auch der Jahrestag der Ermordung der Forouhars, wahrgenommen, um dem Regime seine Illegitimität, seine Verbrechen, sein religiöses Sektierertum, seine Korruption, seinen Nepotismus und seine Misswirtschaft vorzuwerfen.

Parastou Forouhar war in diesem Jahr fest entschlossen, den Jahrestag würdig zu begehen. Trotz der üblichen Schikanen, der Straßensperren und Verriegelungen, nahmen Tausende direkt oder indirekt Anteil. Sie konnte sogar eine Ausstellung eines ihrer Werke organisieren. Eine für die Bewegung des Sommers typische Form des Gedenkens war über das Internet verbreitet worden: Man sollte für zehn Minuten im Andenken an die Opfer der politischen Morde verharren, bei der Arbeit, auf der Straße etc. Niemandem konnte daraus ein Vorwurf gemacht werden, wenn sie oder er auf der Straße, vor einem Laden oder an einer Haustür verharrt.

Viele gesellschaftliche Gruppierungen nahmen, soweit ihnen das möglich war, Stellung. Studenten protestierten an der Teheraner Universität. Der Schriftstellerverband gab eine deutliche Erklärung heraus. Und Parastou setzte beharrlich ihr Engagement fort - politisch und künstlerisch. Doch das Teheraner Regime zeigte sich bislang unbeeindruckt. Wann Parastou Forouhar ausreisen darf, ist noch ungewiss. Der öffentlich Druck im In- und Ausland wächst jedoch stündlich.

Parastou Forouhar, geboren 1962 in Teheran, lebt seit 1991 als Künstlerin in Deutschland. Hamid Ongha lebt als Übersetzer in Frankfurt.

Autor:  Hamid Ongha
Datum:  9 | 12 | 2009
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