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Religionsstifter: So werden Erlöser geboren

Wie die Geburt selbst, so ist auch schon die Zeugung der beiden Erlöser mit außerordentlichen Ereignissen verbunden. Buddha tritt, wie es sich für einen Bodhisattva gehört, als weißer Elefant (die Tiergestalt der hinduistischen Glücksgottheit) in Mayas rechte Seite ein und wird bei seiner Geburt auch aus dieser Seite hervortreten. Christlich ist der Zeugungsvorgang dezenter beschrieben: Gottes Geist berührt wie ein Schatten Maria (Lukasevangelium, Kapitel 1 Vers 35), und Josef weiß nicht, wie ihm (und ihr) geschieht.

Nach der Geburt bleiben beide Mütter von Männern unberührt. Maya, weil sie schon sieben Tage nach Buddhas Geburt stirbt. Maria, weil Jesus nach katholischem Dogma angeblich ihr einziges Kind bleibt; tatsächlich hat Jesus wohl zumindest Brüder gehabt.

Selbstverständlich gibt es auch weitsichtige - und alte - Männer, die die Zukunft des neugeborenen Kindes vorauswissen. Für Buddha ist es der im Himalaya residierende Seher Asita, der kraft seiner Zaubermacht nach Kapilavastu fliegt, um dem Knaben am Königshof zu huldigen; er bricht in Tränen aus, weil er nicht mehr die Zeit erleben kann, in der der künftige Buddha die rechte Lehre predigen wird. Und dem Jesuskind begegnen nicht nur im Stall die Weisen aus dem Morgenland, sondern auch im Tempel sieben Tage später der gerechte, gottesfürchtige und greise Simeon; er stimmt darüber - vermutlich auch unter (Freuden-)Tränen - ein Loblied für Gott an: "Meine Augen haben dein Heil gesehen, das du im Angesicht aller Völker bereitet hast, ein Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel" (Lukasevangelium, Kapitel 3 die Verse 25-32).

Schon als Kinder und Jugendliche sind die beiden kluge Köpfe. Der kleine Siddharta blickt, auf einer großen Lotosblüte stehend, als Löwe in die Welt und zeigt mit jedem seiner ersten sieben Schritte die Zukunft an: "Ich bin der Erste und der Beste der Welt". In der Schule wird er zum Lehrer der Lehrer, kennt bereits alle Schriftarten und sogar die Sprache der Tiere, beherrscht alle Wissenschaften und ist selbst sportlich Spitze. Jesus kann da nicht ganz mithalten; Er hat zwar als Zwölfjähriger auch seine Lehrer im Tempel mit seinen Fragen und Antworten verblüfft (Lukas 2,41-52), aber als Erster und Letzter und Lebendiger wird er erst nach seinem Tod von anderen bekannt (vgl. Offenbarung des Johannes Kapitel 22 Vers 13).

Gesellschaftlich anerkannt

Trotz aller Parallelen der Geschichten bleibt ein entscheidender Unterschied: Siddharta Gautama Sakyamuni Buddhas Welt ist von Geburt an die herrschaftlich-höfische; auch wenn er diese Welt als Erwachsener verlässt, bleibt er gesellschaftlich anerkannt, sind Gebildete seine Gefährten und Nachfolger. Er spricht - bis hin zu König Asoka, der seiner Lehre Weltgeltung verschafft - die Klugen, Einflussreichen und Wohlhabenden an und solche, die es werden wollen. Sie suchen entsprechend der Lehre Buddhas nach Überwindung des Leidens durch Überwindung der Welt und aller ihrer Leidenschaften; ins Nirwana einzugehen und damit künftigen Wiedergeburten zu entgehen, ist ihr höchstes Ziel.

Jesus Christus hingegen gehört von Geburt an zu den Ausgestoßenen und Außenseitern. Zu ihm gehören obdachlose Eltern, als asozial geltende Hirten, kleine Handwerker und Fischer aus der Provinz Galiläa. Herodes und Augustus und ihre Hofhaltung gelten als Kontrastprogramm für ihn, seine Geschichte spielt dort gerade nicht. Der Herrscher - hier heißt er Kaiser Konstantin - bekennt sich erst zum Christentum, als es sich von unten her im römischen Reich weitgehend trotz Verfolgungen behauptet hat.

Jesus Christus spricht zunächst die Armen, die kleinen Leute an und wird am Kreuz einer der zu Unrecht Verurteilten. Er lebt, redet, handelt leidenschaftlich, schreit noch im Tode. Sein und seiner Gefolgsleute Ziel ist nicht, alle Leidenschaft zu überwinden, sondern sich ihr aussetzend um Gottes gerechtes Reich auf Erden zu ringen, es herbeizubeten und im Reden und Handeln die Türen dafür weit zu öffnen.

Ulfrid Kleinert war Gründungsrektor und von 1995 bis 2000 Rektor der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden. Seit 2006 ist er emeritiert.

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Autor:  Ulfrid Kleinert
Datum:  18 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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