kalaydo.de Anzeigen

Religionsstifter: So werden Erlöser geboren

Religionsstifter aus unterschiedlichen sozialen Schichten: Wenig Gemeinsamkeiten finden sich in den Geschichten um die Geburt von Buddha und Christus. Von Ulfrid Kleinert

Buddha unter dem Heiligen Baum.
Buddha unter dem Heiligen Baum.
Foto: picture alliance

Die einen feiern ihn zwischen dem 24. Dezember und 13. Januar, die anderen im Mai. Für die einen stehen die Orte Bethlehem und Jerusalem in Palästina im Mittelpunkt des Interesses, für die andern Lumbini und Bodhgaya in Nepal und Indien. Beide feiern die Geburt ihres Erlösers und Befreiers. Für die einen ist es Jesus Christus, der vor rund zwei Jahrtausenden in Nazareth aufgewachsen ist, ein Jahr (höchstens drei Jahre) in Galiläa und Jerusalem gewirkt hat und jung gestorben ist, ohne seine Nachfolge zu regeln. Für die anderen Buddha, der im Nordwesten Indiens vor rund zweieinhalb Jahrtausenden über vierzig Jahre gelehrt hat und, als er mit 80 starb, eine Gemeinschaft von Mönchen als seine geistigen Erben einsetzte.

Ein Vergleich ihrer Geburtsgeschichten, wie sie im Fall Jesus von Nazareth Jahrzehnte, im Fall Siddharta Gautama Sakyamunis Jahrhunderte später aufgezeichnet wurden, sagt zugleich etwas über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Profils der Religionen aus, die sie eher ungewollt angestiftet haben.

Der später als Buddha verehrte Siddharta (dieser persönliche Name heißt "der sein Ziel erreicht") Gautama (Sippenname) Sakyamuni (der Weise aus dem Sakya-Stamm) wurde als Sohn eines ehrwürdigen hinduistischen Stammesführers aus der Kriegerkaste namens Suddhodama geboren, der später als Christus verehrte Jesus (dieser persönliche Name heißt "Gott hilft") von Nazareth (die Stadt seiner Herkunft und Jugend) als Sohn eines kleinen jüdischen Handwerkers namens Josef. Ihr genaues Geburtsjahr ist unbekannt. Bei Siddharta schwanken die Daten zwischen 566 und 450 "vor Christus", umspannen also einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren. Bei Jesus ist der Spielraum kleiner. Er liegt etwa zwischen 7 vor und 4 "nach Christus".

An einen Baum geklammert

Beide sollen "unterwegs" geboren sein. Buddha, als seine Mutter Maya vom Herrschaftssitz ihres Mannes in Kapilavastu auf dem Weg zu ihren Eltern durch den Park von Lumbini ging und unter einem heiligen Baum, an den sie sich klammerte, gebar. Christus, als seine Mutter Maria mit ihrem Zimmermann sich auf den mühsamen Weg zur Volkszählung nach Bethlehem machte und dort vergeblich eine halbwegs akzeptable Unterkunft zur Niederkunft suchte; dabei ist freilich zumindest Bethlehem als tatsächlicher Geburtsort Jesu ziemlich fraglich. Aufgewachsen jedenfalls sind sie unbestritten in ihrem Elternhaus in Kapilavastu bzw. in Nazareth.

Obwohl Jesus mindestens 400 Jahre nach Siddharta geboren wurde, sind die Geschichten von seiner Geburt - jedenfalls in ihrer schriftlichen Form - erkennbar älter als die Geburtsgeschichten Sakyamunis. Aber dass Buddha in Lumbini geboren sei, wusste schon Indiens erster großer Herrscher Asoka, der König, der den Buddhismus asienweit hoffähig gemacht hat. Asoka wallfahrtete im dritten Jahrhundert vor Christus nach Lumbini und hinterließ dort eine seiner berühmten Inschriften-Säulen. Sie ragt noch heute - ohne Kapitell - fast zehn Meter hoch neben der Halle der Geburt in den Himmel und kündet sowohl von der irdischen Ankunft des nun zum Gott Erklärten als auch von einem Steuernachlass für alle, die in der Nähe dieser durch die Geburt des Heiligen gewürdigten Stätte leben.

Die Anfänge buddhistischer Tradition spielen also in gebildetem und höfischem Milieu. Der Buddhismus als Religion breitet sich erst dank massiver königlicher Unterstützung aus.

Mit kosmischer Begleitmusik

Ganz anderes die christliche Überlieferung. Der Arme-Leute-Geruch umgibt sie von Anfang an. Walter Jens schrieb: "Am Anfang der Stall, am Ende der Galgen"; und danach eine Gemeinde, in der es "nicht viele Weise und Mächtige und Vornehme" gibt (1. Korinther 1, 26 bis 28).

In der populären Form des Buddhismus (die Mahayana, "das große Fahrzeug", genannt wird) wird Siddhartas Geburt ebenso mythologisch verklärt wie Jesus in den Vorgeschichten der Evangelien des Matthäus und des Lukas. Das beginnt schon vorgeburtlich. Zu einem vorherbestimmten Zeitpunkt (kairos) steigt der bisher gottgleiche Erlöser in die Niederungen menschlichen Lebens hinab. Er wird auf wundersame, den Ehemann der erwählten Gottesgebärerin ins Abseits stellenden Weise gezeugt und unter kosmischer Begleitmusik geboren.

Buddha kommt aus dem Tushita-Himmel, wo er mit den anderen Göttern thronte; später wird er alle Götter herunterholen auf die Erde, damit sie ihm huldigen. Christus "betrachtete es nicht als Privileg, Gott gleich zu sein", sondern legte dieses Privileg ab, um "bis zum Tod am Kreuz" ein Mensch zu werden; deshalb huldigen ihm alle Wesen "im Himmel und auf Erden und unter der Erde"; so zitiert Paulus im Brief an die Gemeinde in Philippi Kapitel 2 in den Versen 5 bis 11 einen alten Hymnus.

Die Huldigung bei Buddhas Geburt wird kosmisch genauso untermalt wie später seine Verehrung, als er die wahre Erkenntnis, die Erleuchtung fand: Bis in den dunkelsten Winkel der Welt wird alles von hellem Strahlen erleuchtet. Ähnliches lässt sich vom Licht der Weihnacht und des Osterereignisses sagen: Es scheint in die Finsternis, auch wenn die Finsternis es keineswegs immer begriffen hat. Ausdrücklich werden - gut hinduistisch, denn der Hinduismus ist auch eine astrologische Religion - in der christlichen Überlieferung noch andere kosmische Ereignisse einbezogen: Eine besondere Gestirnskonstellation bildet sich am Himmel; der gute Stern von Bethlehem erscheint den Weisen, für die kein Weg zu weit ist, egal, ob dieser Weg in Indien, im Iran oder im Jemen beginnt.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Ulfrid Kleinert
Datum:  18 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.