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Rudi Dutschke: Muss das Attentat neu bewertet werden?

Gretchen Dutschke wirft in ihrer Biographie nicht grundlos die Frage auf: "War Bachmanns Selbsttötung seine freiwillige Entscheidung gewesen?" Der einzige aus der damaligen APO, der auf seiner Beerdigung zugegen war, ist kein Geringerer als Horst Mahler gewesen. Und dessen Vergangenheit liegt immer noch im Dunkeln. In der Birthler-Behörde befindet sich immerhin eine umfangreiche GM-Vorlaufakte. GM steht für Geheimer Mitarbeiter, später wurde daraus IM. Aus diesem Dokument geht nicht hervor, ob Mahler jemals vom MfS verpflichtet worden ist. Doch auch das ist nicht auszuschließen.

Ob das und vielleicht noch einiges andere ausreichen wird, um das Attentat von 1968 neu aufzurollen, das nach dem Todesschuss auf Ohnesorg am 2. Juni 1967 zweifelsohne die zweite Gelenkstelle in der 68er-Bewegung gewesen ist, wird sich erweisen müssen. Geheimdienst-Experten meinen, es sei aussichtslos , im Falle eines Auftragsmordes auf ein entsprechendes Dokument zu hoffen.

Sogenannte "nasse Sachen", also Aktionen mit blutigen, ja tödlichen Folgen, seien immer nur mündlich kommuniziert worden. Und was den Abschiedsbrief vom Februar 1975 betrifft, so gibt es jemanden, der eine ganz andere Erklärung dafür parat hat. Sein damaliger Hausarzt ist überzeugt, dass die darin zum Ausdruck gebrachte Angst am wahrscheinlichsten das Resultat einer tendenziellen Paranoia gewesen sei. Dutschke habe fürchterlich unter den Folgen des Bachmann-Attentats gelitten. Sein Sprachzentrum war weit zerstört.

Ständige Furcht

Es dauerte fast fünf Jahre, bis er in Deutschland - im Januar 1973 auf einer Vietnam-Kundgebung in Bonn - wieder auf einer Veranstaltung auftreten konnte. Er erlitt ein ums andere Mal epileptische Anfälle und war - wer hätte es ihm verdenken wollen - von einer ständigen Furcht geplagt, von Agenten angegriffen und überwältigt zu werden.

Es sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass Dutschke in den sechziger ebenso wie in den siebziger Jahren Observierungsziel zahlreicher östlicher wie westlicher Geheimdienste gewesen ist. Seine zum Teil spektakulären Auftritte als Redner bei Teach-Ins und Protestversammlungen wurden genau protokolliert, zum Teil auf Band aufgenommen. Bei jedem seiner Auslandsauftritte - etwa in Holland oder Norwegen - war ihm zumindest ein amerikanischer Geheimdienst auf den Fersen.

Dutschkes Akten im ehemaligen Berliner Landesamt für Verfassungsschutz sind höchst unvollständig. Darin finden sich keinerlei Hinweise auf andere westliche Geheimdienste. Derartige Berichte sind offenbar entfernt worden. Das gleiche gilt für Spitzelberichte und Protokolle von abgehörten Telefongesprächen. Auch gegenüber den in der Birthler-Behörde bereits vor über einem Jahrzehnt aufgefundenen Dutschke-Dokumenten ist Skepsis geboten. Sie spiegeln nicht das wirkliche Interesse an dem "Republikflüchtling" und Gegner der SED wieder, der ja die Verhältnisse nicht nur in der Bundesrepublik und West-Berlin, sondern genauso stark auch in der DDR umkrempeln wollte.

Die vor einer Woche vom ZDF verbreitete Kurras-Meldung ist zweifelsohne auch eine Stunde für Verschwörungstheoretiker. Inzwischen wird ja nach nahezu allen denkbaren Seiten spekuliert, was noch alles auf das Konto der Staatssicherheit gegangen sein könnte. Doch es gilt, kühlen Kopf zu bewahren. Denn beileibe nicht alles, was im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung ungeklärt geblieben ist, lässt sich auf das MfS zurückführen.

So ist etwa die Rolle des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz mit seinem unseligen Agent provocateur Peter Urbach bei der Transformation von Teilen der Studentenbewegung in eine militante Szene bis hin zur Gründung der RAF immer noch ungeklärt. Doch auch der ursprünglich bei der Reichsbahn der DDR angestellte Urbach - Spitzname "S-Bahn-Peter" - ist eine merkwürdig schillernde Figur. Auch bei ihm ist nicht auszuschließen, dass er im Auftrag eines anderen Dienstes tätig gewesen ist und sich damit der Kreis auf eine nicht weniger überraschende Weise schließen könnte.

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Autor:  WOLFGANG KRAUSHAAR
Datum:  28 | 5 | 2009
Seiten:  1 2
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