Es ist der 11. April 1985, der 17. Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke. Seine Witwe Gretchen nimmt erstmals das Tagebuch zur Hand, das ihr Mann bis zu seinem Tod geführt hat. Aus einer Mischung aus Trauer und Scheu hat sie es nicht anzurühren gewagt, seitdem er am Heiligabend 1979 an den Spätfolgen des Anschlags, den ein gewisser Josef Bachmann, ein mutmaßlicher Rechtsradikaler, am Gründonnerstag 1968 auf ihn verübt hatte, gestorben ist.
Beim Durchblättern der Seiten fällt plötzlich etwas heraus. Es ist ein Briefumschlag. Sie hebt ihn verwundert vom Boden auf und stellt fest, dass er verschlossen ist. Auf der Vorderseite steht: "Für Gretchen Klotz-D. (nur öffnen, wenn ,Unglück' passiert)". Und auf der Rückseite ist in Großbuchstaben mehrmals "R.D." über die Klebelasche geschrieben, als habe der Verfasser mit seinen Initialen eine Art Siegel aufdrücken wollen.
Wolfgang Kraushaar ist Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Fotostrecken, Hintergründe, Chroniken und Analysen zum Deutschen Herbst.
1968: Studentenproteste, Rassenunruhen, die Anfänge der RAF - wie 1968 wirklich war.
Die Schrift lässt keinen Zweifel daran, dass der Brief von ihrem verstorbenen Mann stammt. Alles Mögliche schießt Gretchen Dutschke durch den Kopf. Doch bevor sie sich Vorwürfe machen kann, nicht bereits früher das Tagebuch durchgesehen zu haben, reißt sie mit zitternden Fingern den Umschlag auf.
Das Schreiben ist zehn Jahre alt. Es stammt vom 25. Februar 1975 und ist in West-Berlin aufgesetzt worden. Aufgeregt und unter großer Anspannung überfliegt sie erst einmal flüchtig den mit der ihr so vertrauten, etwas hilflos wirkenden Schrift verfassten Text, dann liest sie ihn aufmerksam durch. Von Gefühlen überwältigt und ungläubig zugleich, sitzt Gretchen Dutschke da und hält das Blatt in Händen, als sei alles eben gerade passiert.
Eine Art Testament
Rudi Dutschkes Brief ist ein Abschiedsbrief, ein Liebesbrief und eine Art Testament; ein Dokument der Angst, der Hoffnung und des Überlebenswillens. Offenbar war er so fest davon überzeugt, von der Stasi oder vom KGB ermordet zu werden, dass er zumindest etwas hinterlassen wollte, was mit möglichen Zweifeln an seinem Tod aufräumen sollte. Er wollte auf jeden Fall verhindern, dass seine Frau und die beiden Kinder in Unkenntnis gelassen würden.
Für Gretchen Dutschke ist der Brief so persönlich, ja intim, dass sie ihn nicht an die Öffentlichkeit gibt. Sie weiß, dass das Schreiben auch ein Politikum darstellt. Doch inzwischen ist alles zu spät; niemand kann ihr ihren Mann zurückgeben. Er hat, während er sich 1979 am Nachmittag vor dem Weihnachtsfest im dänischen Århus in die Badewanne legte, einen epileptischen Anfall bekommen und ist daran gestorben.
"Ein barbarisches, schönes Leben"
Sie war ganz in seiner Nähe, in einem Nebenzimmer, und ist sicher, dass niemand seine Hände dabei im Spiel hatte. Auch die Obduktion hat keinerlei Anhaltspunkte für eine Fremdeinwirkung ergeben. Trotzdem spürt sie, wie ohnmächtig und verzweifelt sich ihr Mann damals gefühlt haben muss. Ganz offensichtlich hatte er den Eindruck, den Agenten eines Geheimdienstes weitgehend ausgeliefert zu sein. Als sie 1996 eine Biographie über ihren Mann veröffentlichte, hat sie nicht ohne Grund aus einer Zeile des Briefes den Titel formuliert: "Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben".
Es kann nicht überraschen, dass im öffentlichen Wirbel um die Nachricht, ein Agent der Stasi habe Benno Ohnesorg erschossen, auch die Forderung nach einer erneuten Aufrollung des Dutschke-Attentats erhoben wird. Zuletzt hat sich sein jüngster Sohn, der 1980 geborene Marek, in der Bild-Zeitung mit Verweis auf diesen Brief an die Birthler-Behörde gewandt und sie aufgefordert, gezielt nach möglichen Hinweisen und Spuren zu suchen, die Aufschluss über Josef Bachmann und die Hintergründe des auf seinen Vater verübten Attentats geben könnten.
Dabei hat Marek Dutschke sich allerdings in der historischen Einordnung des spektakulären Briefs geirrt. Sein Vater bezog sich in seinem Abschiedsbrief ja nicht - darin ist explizit und durch Unterstreichung hervorgehoben von der "gegenwärtigen Phase" die Rede - auf das Attentat vom 11. April 1968. Er sah sich vielmehr von der Befürchtung getrieben, dass 1975 ein Mordanschlag auf ihn verübt werden könnte. Frau Birthler hat inzwischen mit der Mitteilung reagiert, dass sich in ihrer Behörde keine IM-Akte über den Dutschke-Attentäter befinde. Das muss nicht bedeuten, dass sich in ihrer Behörde irgendwann nicht doch noch Spuren finden lassen.
Seit langem kursieren Überlegungen, Gerüchte und Vermutungen, dass hinter dem am Gründonnerstag am Berliner Kurfürstendamm verübten Attentat die Staatssicherheit gesteckt haben könnte. Einen ersten zeitnahen Hinweis darauf soll es beim Berliner Landesamt für Verfassungsschutz gegeben haben. Die Spur, so hat es angeblich geheißen, soll nach Ost-Berlin geführt haben. Ob diese Spur konkretisiert und weiterverfolgt wurde, bleibt ebenso unklar wie die Frage, ob das Dokument erhalten geblieben ist.
Auffällig allerdings ist, dass der Attentäter aus der DDR stammte und nach seiner Übersiedlung in den Westen immer noch eine ganze Reihe von Kontakten nach Ost-Berlin unterhielt. Auffällig auch, dass die Hinweise auf seinen Neonazismus im wahrsten Sinne des Wortes plakativ erscheinen: Als man seine Münchner Wohnung aufbrach, stieß man auf ein großformatiges Hitler-Poster. Bachmann ist wegen versuchten Mordes zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden und hat sich in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1970 das Leben genommen.