Karl-Theodor zu Guttenberg ist von seinen politischen Ämtern zurückgetreten. Doch einsichtig zeigt er sich in der Plagiatsaffäre nach wie vor nicht. Kein Zufall, wer dem Narzissten vorhält, er habe sich mit fremden Federn geschmückt, verkennt dass genau das sein Markenzeichen ist.
Nicht nur mit bunten, sondern auch mit fremden Federn hat sich Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg geschmückt.
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Nicht nur mit bunten, sondern auch mit fremden Federn hat sich Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg geschmückt.
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Karl-Theodor zu Guttenberg ist von seinen politischen Ämtern zurückgetreten. Seine öffentliche Erklärung lässt freilich erkennen, dass er den wahren Grund für seinen Amtsverzicht nicht in eigenem Fehlverhalten und schlechtem Krisenmanagement sucht, sondern in anderen Umständen. Sie folgt damit einem bekannten Muster.
Bei einem, der nach eigenem Bekunden sieben Jahre lang an einer Promotionsarbeit gebastelt hat, die er nicht selber geschrieben, sondern von anderen hat schreiben lassen – denn das bedeutet die Plagiat genannte unrechtmäßige Übernahme fremden geistigen Eigentums – und dann behauptet, dies alles sei unbewusst und ohne Täuschungsabsicht geschehen, gerät man zwangsläufig ins Grübeln: Wer ist die Person Karl-Theodor zu Guttenberg?
Leidet der Mann schlicht unter „Realitätsverlust“, wie es ihm der Bayreuther Juraprofessor Oliver Lepsius attestierte? Ist er ein simpler Hochstapler, wie der Abgeordnete Jürgen Trittin unter Anspielung auf die Figur des Felix Krull nahelegte? Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier einer, ungeachtet der erdrückenden Beweislage, tatsächlich der Autosuggestion erlegen ist, er habe seine Doktorarbeit „nach bestem Wissen und Gewissen“ selber verfasst.
Wer als Baron und Millionär zur Welt kommt und den Weg nach oben gar nicht erst zu suchen braucht, weil er immer schon oben ist, der gerät vielleicht unmerklich in die Lage, nicht mehr unterscheiden zu können zwischen dem, was er aus eigener Kraft und eigenem Verdienst zustande bringt, und dem, was andere für ihn leisten. Dem kosmischen Narzissten, der alles der eigenen Großartigkeit und Vollkommenheit zuschreibt, gerät aus dem Blick, dass es außer ihm eine Welt, z.B. die Welt der Wissenschaft gibt, die ihm nicht zugänglich ist und über die er deshalb nicht einfach verfügen kann. Insofern ist er auch nicht schuldfähig.
Wer dem Narzissten vorhält, er habe sich mit fremden Federn geschmückt, verkennt das narzisstische Subjekt: Es ist ja geradezu dessen Markenzeichen, das Fremde nicht nur faktisch, sondern auch psychisch als das Eigene zu adaptieren. In der Guttenberg-Galaxis zählt nur das gigantische narzisstische Ego. Dass der Mann vor noch nicht langer Zeit mit einer Baseballkappe gesichtet wurde, auf deren hinterem Rand mit goldenen Lettern ein „Dr. Guttenberg“ aufgedruckt war, zeigt symptomatisch das ganze Ausmaß seiner Störung.
Völlig schuldlos ist die deutsche Öffentlichkeit daran freilich nicht, sind für sie doch Geld und Adelstitel offenbar automatisch Ausweis von Integrität und Autonomie. Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, beobachtete im 18. Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen: „Der große Haufe der Menschen, der Pöbel, das sind die Bewunderer und Anbeter von Reichtum und Vornehmheit.“ Und in Shakespeares „Hamlet“ heißt es: „Er ist beliebt bei der verworrnen Menge,/ Die mit dem Aug’, nicht mit dem Urteil wählt,/ Und wo das ist, wägt man des Schuld’gen Plage, /Doch nie die Schuld.“
Merkels Abgänger
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Christian Wulff war von März 2003 bis Juni 2010 Ministerpräsident in Niedersachsen. Der 51-Jährige wurde am 30. Juni zum Bundespräsidenten gewählt. Wulffs Kandidatur, eine Idee der Kanzlerin, war auch in den eigenen Reihen umstritten. Jetzt könnte Wulff Merkel ein zweites Mal "abhanden" kommen.
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Tritt nach der Plagiatsaffäre 2011 als Verteidigungsminister zurück: Karl-Theodor zu Guttenberg.
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Der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) übernimmt knapp drei Monate nach einem umstrittenen NATO-Luftangriff im September 2009 die Verantwortung für die mangelhafte interne Informationspolitik und erklärt seinen Rücktritt als Arbeitsminister.
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Dieter Althaus war von Juni 2003 bis Oktober 2009 Ministerpräsident von Thüringen. Am 3. September 2009 tritt der 52-Jährige nach Verlusten der CDU bei der Landtagswahl zurück. Seit seinem Skiunfall am 1. Januar 2009 galt er schon als politisch angeschlagen.
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Günther Oettinger, 56, regierte Baden-Württemberg zwischen April 2005 und 2010. Im Oktober 2009 wird Oettinger zum neuen EU-Kommissar gekürt. Auf Geheiß von Kanzlerin Merkel tritt er im Februar 2010 sein Amt als Energiekommissar an.
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Roland Koch, hessischer Ministerpräsident von April 1999 bis 2010. Am 25. Mai kündigte Koch den Rückzug von allen politischen Ämtern an, Ende August trat der Rückzug offiziell in Kraft. Als einen Grund nannte der 52-Jährige schwindende Gestaltungsmacht.
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Jürgen Rüttgers stand von Juni 2005 bis Juni 2010 an der Spitze der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Nachdem Schwarz-Gelb im Mai abgewählt worden war, kündigte der 59-jährige Rüttgers seinen Rückzug von allen Ämtern an.
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Horst Köhler, Bundespräsident von Mai 2004 bis Mai 2010. Der 67-Jährige trat am 31. Mai überraschend zurück. Grund: Die Kritik an seinen Aussagen zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan habe Respekt vor dem höchsten Staatsamt vermissen lassen.
Ole von Beust ist seit Oktober 2001 Erster Bürgermeister in Hamburg. Der 55-Jährige gilt seit längerem als amtsmüde. Sein Ziel - den traditionellen Teil der Hamburger CDU von einer modernen Großstadtpartei zu überzeugen, hat er verfehlt. Zum 25. August 2010 legt er sein Amt nieder.
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Der saarländische Ministerpräsident und Parteivorsitzende der Landes CDU Peter Müller ist seit Dezember 2011 Richter am Bundesverfassungsgericht.
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Axel Weber, seit 2004 Bundesbank-Präsident, tritt am 30. April 2011 vorzeitig ab. Webers Amtszeit hätte eigentlich erst im April 2012 geendet.
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Fluchtinstinkte? Abgesehen von Karl-Theodor zu Guttenberg sind Kanzlerin Angela Merkel binnen eines Jahres sechs Landeschefs und mindestens ein Bundespräsident abhanden gekommen. Ein zweiter konnte bald folgen. Wir zeigen die Bilder.
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Alles nur geklaut: Berühmte Plagiate
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Alles nur geklaut: Berühmte Plagiate
Bestseller-Autor Dan Brown ("Sakrileg") wehrte sich gegen Plagiatsvorwürfe. Die Autoren Michael Baigent und Richard Leigh hatten ihn beschuldigt, sich für den unter dem Titel „Da Vinci Code“ mit Tom Hanks (Bild) verfilmten Roman aus ihrem Sachbuch „Der heilige Gral und seine Erben“ bedient zu haben. Sie verklagten Brown auf zehn Millionen Pfund Schadenersatz – und verloren.
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Auch George W. Bush wurde beschuldigt, abgeschrieben zu haben. In seinen politischen Memoiren „Decision Points“ soll der Ex-Präsident andere Autoren zitiert haben, ohne das kenntlich zu machen.
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In frischer Erinnerung ist noch der Fall der Erfolgsautorin Helene Hegemann, die ganze Passagen fremder Autoren wörtlich in ihren Bestseller "Axolotl Roadkill" übernommen hatte. Es war der Literaturskandal des vergangenen Jahres - doch die heute 18-Jährige ging in die Offensive: "Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich das ganze Material in einem völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe."
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Manche Stücke von Elfriede Jelinek sind sogar fast nur aus Fremdzitaten zusammengesetzt. In solchen Montage-Werken kann die künstlerische Leistung auch darin bestehen, die Texte durch das gleichzeitige Geschehen auf der Bühne in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.
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Die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, für ihren preisgekrönten Krimi „Tannöd“ Passagen aus dem Sachbuch „Der Mordfall Hinterkaifeck“ verwendet zu haben. Die Bücher beruhen auf einem tatsächlichen Vorfall aus dem Jahr 1922. Der Sachbuchautor unterlag vor Gericht.
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Viele große Schreiber haben aus dem Abkupfern erst gar keinen Hehl gemacht. Der Dichter Heinrich Heine etwa bezeichnete Plagiatsvorwürfe als "töricht".
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Johann Wolfgang Goethe schrieb: "Die sämtlichen Narrheiten von Plagiaten und Halbentwendungen erscheinen mir läppisch." Zu seinen Lebzeiten gab es ein Urheberrecht wie heute noch nicht.
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William Shakespeare hat keinen einzigen Plot seiner Dramen selbst erfunden, und doch wird niemand behaupten, dass er ein Betrüger wäre. Denn aus den farblosen, hölzernen Figuren seiner Vorlagen schuf er unverwechselbare Persönlichkeiten mit psychologischem Tiefgang.
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Plagiate sind kein neues Phänomen. Thomas Mann etwa bekannte sich offen dazu, abgeschrieben zu haben. In seinen "Buddenbrooks" stirbt am Ende der junge Hanno an Typhus. Dafür bediente sich der Schriftsteller aus einem medizinischen Fachbuch. Dadurch, dass er die nüchterne Beschreibung des Krankheitsverlaufs im Kontext seines Romans wiedergibt, wirkt diese jedoch völlig anders - nämlich zutiefst schockierend
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Dass zu Guttenberg wie ein junger Gott gefeiert, dass er, und zwar nicht nur von der Springerpresse, zur neuen Lichtgestalt, regelrecht zum Heilsbringer und zur Erlöserfigur stilisiert wurde, musste das Wahnsystem, in dem er sich bewegt, vollends verfestigen und seine privaten Allmachtsfantasien ins Unermessliche steigern. Von einem, der vonseiten der Medien und der Bevölkerung derart frenetischen Zuspruch erfährt, kann man Einsichtsfähigkeit schlechterdings nicht erwarten.
Auch das nonchalante Statement der Bundeskanzlerin, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten, sondern einen Verteidigungsminister berufen, zeugte von massiver Realitätsverleugnung und musste ihren Minister in seinem Wahn bestärken, er sei unantastbar und schwebe über den Gesetzen der banalen Normalität. Im antiken Athen wurde Hybris mit Verbannung bestraft – in Berlin wurde man bis gestern dafür belohnt.
Jene Teile der Öffentlichkeit, die sich vom vermeintlichen Glanz Guttenbergs nicht haben blenden lassen und mit allem Nachdruck darauf gepocht haben, dass der Mann als Verteidigungsminister unhaltbar ist, haben am Ende obsiegt. Die symbolische Ordnung, angefochten, aber nicht besiegt von der Herrschaft des Wahns und des Imaginären, ist wiederhergestellt.