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Rumänien: Ein Pastor muckt auf

In derselben Nacht hat sich Tökes vorsichtshalber mit seiner schwangeren Frau und zwei engen Freunden in die Kirche im zweiten Stock seines Wohnblocks zurückgezogen. Er steht im Talar und in gelben Latschen da, als die Securitate die Tür aufbricht. Die Geheimpolizisten schlagen den Pastor, der ihnen die Bibel entgegenhält, zusammen und deportieren ihn nach Mineu, ins Dorf, wohin ihn Bischof Papp beordert hat.

Doch Temesvar kommt auch am Sonntag nicht zur Ruhe. Niemand weiß, wohin der beliebte Pastor verschleppt wurde und ob er noch am Leben ist. Schon am Mittag stürmen Demonstranten die Parteizentrale und werfen die Porträts des Conducators aus den Fenstern.

Um 17 Uhr feuern Einheiten der Grenztruppen in die Menge. Panik macht sich breit. Doch immer wieder hört man Sprechchöre: "Nieder mit der Diktatur" - "Freiheit! Freiheit!" Bis in die frühen Morgenstunden wird demonstriert und geschossen.

Der Widerstand ist nicht gebrochen. Während die Securitate in die Krankenhäuser eindringt, um Schwerverletzte zu verhören, verlangen am Montag Demonstranten die Herausgabe ihrer Toten. Mindestens 50 Menschen sind in der Nacht im Kugelhagel von Grenztruppen und Securitate gestorben.

Am Dienstag nehmen die Demonstranten den Opernplatz ein. Nun schickt Elena Ceausescu - ihr Mann ist am Vortag zu einem Staatsbesuch in den Iran abgereist - Ministerpräsident Constantin Dascalescu zu Verhandlungen nach Temesvar. Er trifft sich in der besetzten Parteizentrale mit einer von Oprea angeführten Delegation der Demonstranten. Der Premier muss das Gebäude durch einen Hintereingang verlassen, während der Elektriker vom Balkon aus der Menge verkündet, die Verhandlungen hätten nichts gebracht. Am Mittwoch kommt es zu neuen Demonstrationen, den größten, die Temesvar je gesehen hat.

Der Bann ist gebrochen

Ceausescu ist aus dem Iran nach Bukarest zurückgekehrt. In einer Fernsehansprache an sein Volk spricht er von "terroristischen, antinationalen Gruppen", die mit "reaktionären, imperialistischen und chauvinistischen Kreisen" Militäreinheiten angegriffen hätten. Erst jetzt erfährt ganz Rumänien, dass es in Temesvar zu Unruhen gekommen ist.

Am Donnerstag ordnet der Conducator in der Hauptstadt eine Massenveranstaltung an. Zehntausende von Arbeitern, Studenten und Angestellten werden herbeigekarrt. Doch schon nach wenigen Minuten wird Ceausescu ausgebuht. Die Kundgebung wird live übertragen, und so sieht ganz Rumänien, wie das Gesicht des überraschten Staatschefs erstarrt. Der Bann ist gebrochen.

Am Freitag erstürmen Demonstranten in Bukarest das Zentrum der Macht, das Gebäude des Zentralkomitees der Partei, in dem sich auch Ceausescu und seine Frau aufhalten. Sie fliehen in einem Hubschrauber. Drei Tage später, an Weihnachten, werden Nicolae und Elena Ceausescu außerhalb von Bukarest aufgespürt, festgenommen, in einem militärischen Eilverfahren zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Die rumänische Revolution hat über tausend Todesopfer gefordert. Aber war es überhaupt eine Revolution? Inzwischen spricht vieles dafür, dass hohe Armeekreise auf eine Ablösung des Conducators hinarbeiteten und dass sogar ein Teil der Securitate die Demonstrationen steuerte. Vieles ist bis heute ungeklärt.

Pastor Laszlo Tökes, der das Startsignal zum Sturz der Diktatur gegeben hat, ist heute Europaabgeordneter, und der Dichter Mircea Dinescu, der den Sturz des Tyrannen verkündet hat, lebt in einem rumänischen Dorf an der Donau - als Weinbauer.

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Autor:  Thomas Schmid
Datum:  11 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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