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Rumänien: Ein Pastor muckt auf

In der Stadt Temesvar begann vor zwanzig Jahren das Ende des rumänischen Diktatorenpaars: Der dortigen Ungarisch-Reformierten Kirche stand 1989 ein recht aufmüpfiger Pastor vor: Laszlo Tökes. Von Thomas Schmid

Er war einer der Protagonisten beim Sturz der rumänischen Diktatur.
Er war einer der Protagonisten beim Sturz der rumänischen Diktatur.
Foto: Europäisches Parlament

Vier Jahre lang hatte Mircea Dinescu geschwiegen, schweigen müssen. Der einst als "rumänischer Majakowski" gefeierte Dichter war beim "Conducator" (Führer), wie sich Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu zu bezeichnen beliebte, in Ungnade gefallen. Dann aber - am 22. Dezember 1989 - trat er vor die Kameras des staatlichen Fernsehens: "Liebe Rumänen, ich bin gekommen, um euch mitzuteilen, dass der Diktator gestürzt ist, um euch mitzuteilen, dass das Land frei ist, um euch mitzuteilen, dass wir alle freie Menschen sind." Der Jubel in Bukarest war unbeschreiblich.

Vor 20 Jahren ging der rumänische Albtraum zu Ende. Ceausescu, vom Westen lange Zeit hofiert, weil er 1968 den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei verurteilt hatte, war ein kommunistischer Potentat sui generis. Er riss ein Fünftel der Bukarester Altstadt ab, um einen monströsen Volkspalast bauen zu lassen. Er ließ sich als "Genie der Karpaten" und "Titan unter den Titanen" verherrlichen. Die "Epoche Ceausescu" wurde zur "glorreichsten Epoche der rumänischen Geschichte" erklärt. Für das Volk aber bedeutete sie Not, Elend, Entbehrung. Lebensmittel wie Zucker, Speiseöl, Fleisch waren rationiert. Für die Milch, die es nur in den frühen Morgenstunden gab, stand man eine Nacht durch an. Es gab täglich Strom-, Gas- und Wassersperren. Wohnungen durften im Winter nur bis auf zwölf Grad geheizt werden.

Die Macht des Gotteshauses

Die Wende in Rumänien spielte sich in schwindelerregendem Tempo ab - und sie hinterließ, anders als in den übrigen Staaten des Ostblocks, viele Tote. Nur eine Woche, bevor Dinescu seine Rede hielt, war in Temesvar das Startsignal gefallen. In der zweitgrößten Stadt Rumäniens, dem Hauptort des Banats, gibt es eine kleine deutsche Minderheit, der auch die Nobelpreisträgerin Herta Müller entstammt, und eine etwas größere ungarische Volksgruppe. Der Ungarisch-Reformierten Kirche von Temesvar stand 1989 ein recht aufmüpfiger Pastor vor: Laszlo Tökes. In seinen Predigten kritisierte er die Missstände und die Diskriminierung der ungarischen Minderheit. Vor allem aber prangerte er die sogenannte Systematisierung an, die Ceausescu 1988 verkündet hatte. Der Begriff stand für das barbarische Projekt des Conducators, über 7000 Dörfer einzuebnen und deren Bevölkerung in 500 agro-industriellen Zentren zusammenzufassen.

Im März 1989 wird Tökes zu seinem Vorgesetzten bestellt, zu Laszlo Papp, dem regimetreuen Bischof von Oradea. Der kündigt ihm die Versetzung nach Mineu, einen kleinen Ort in Siebenbürgen, an und händigt ihm die Entlassungsurkunde aus. Der Pastor wird schriftlich aufgefordert, seine Wohnung bis Freitag, den 15. Dezember, zu räumen. Am Sonntag zuvor spricht Tökes von der Kanzel zu seiner Gemeinde: "Liebe Brüder und Schwestern in Christus. Mir wurde befohlen, das Haus zu räumen. Da ich die Aufforderung nicht akzeptiere, werde ich mit Gewalt aus eurer Mitte entfernt werden. Bitte seid am kommenden Freitag als Zeugen zur Stelle, seid friedfertig, aber seid Zeugen!"

Schon am frühen Freitagmorgen treffen einige Dutzend Gläubige vor Tökes´ Haus ein, obwohl dort auch Posten der Securitate, der Geheimpolizei, Stellung bezogen haben. Am Nachmittag sind es bereits Hunderte, am Abend über tausend. Sie beten, zünden Kerzen an, singen "Erös car a mi istenünk" - "Das Gotteshaus ist die größte Macht".

Nieder mit dem Kommunismus

Der Bürgermeister schaut vorbei und fragt den Pastor, ob es Probleme gebe. "Wir können nicht einkaufen, wir haben keinen Brennstoff, die Behörden haben unsere Fenster zertrümmert, unsere Tür ging entzwei, als wir von der Securitate angegriffen wurden", zählt Tökes die Missstände auf, "und der Arzt durfte meine Frau nicht besuchen, obwohl sie schwanger und in keiner guten Verfassung ist." Kaum ist der Bürgermeister gegangen, tauchen von überall her Geheimpolizisten auf und greifen mit Knüppeln an. Doch etwa 150 Personen halten die ganze Nacht vor dem Wohnblock des Pastors Wache.

Am Samstag ist die Menschenmenge vor Tökes´ Wohnblock viel größer als am Vortag. Und längst sind es nicht mehr nur Ungarn, sondern vor allem Rumänen. Die Feuerwehr verspritzt mit Tränengas versetztes Wasser. Die Menschen singen "Desteapta-te, romane" - "Erwache, Rumäne", ein Lied aus der 1848er Revolution, das unter Ceausescus Herrschaft verboten ist und schon bald Nationalhymne werden wird. Auf dem Opernplatz im Zentrum der Stadt ertönen Rufe wie "Nieder mit Ceausescu!" - "Nieder mit dem Kommunismus!"

Am Abend strömen Arbeiter zahlreicher Betriebe in die Innenstadt. Angeführt werden sie von Sorin Oprea. Der 27-jährige Elektriker ist stadtbekannt. Er hat vor drei Wochen erst einen Hungerstreik abgebrochen, mit dem er menschenwürdige Arbeitsbedingungen durchsetzen wollte. Oprea führt die Menge zur örtlichen Parteizentrale. Bald sind die Fensterscheiben des Gebäudes zertrümmert.

Gegen zehn Uhr nachts rücken Einheiten der Securitate an. Der wütenden Menge gelingt es, einen Wasserwerfer zu erobern. Er wird zerlegt und in die Bega, den Stadtkanal, geworfen - wie auch die gesammelten Werke von Ceausescu, die Demonstranten aus einer Buchhandlung herbeischleppen. Um drei Uhr früh kommen Grenztruppen zum Einsatz. Sie jagen die Demonstranten durch die Straßen. Hunderte werden verhaftet. Viele von ihnen werden ins berüchtigte Gefängnis der Securitate gebracht. Um vier Uhr früh herrscht in Temesvar wieder Ruhe, Friedhofsruhe.

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Autor:  Thomas Schmid
Datum:  11 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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