Noch immer steht sein Opus an der Spitze der Bestsellerliste. „Soeben teilt mir der Verlag mit“, beginnt Thilo Sarrazin seinen ganzseitigen Beitrag in der Weihnachtsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „dass sich mein Buch ,Deutschland schafft sich ab‘ 1,2 Millionen Mal verkauft hat.“ Fürwahr, ein Riesenerfolg. Sarrazin selbst erklärt ihn so: „Ich habe etwas gesagt, das man aus der Sicht der einen keinesfalls denken geschweige denn sagen darf, und eben der Umstand, dass ich dies gesagt habe, löst die Begeisterung der andern aus.“
Endlich sagt es einer! Endlich ist die Debatte über die gescheiterte Integration der muslimischen Zuwanderer eröffnet! So hieß es am deutschen Biertisch, so schallte es aus den Medien. Als ob es 2006 keinen Integrationsgipfel der Bundesregierung gegeben hätte, nach dem ein nationaler Integrationsplan erarbeitet wurde. Als ob die Politik das Thema erst jetzt entdeckt hätte. Als ob nicht dutzende Studien zum Thema verfasst worden wären. Auch Sarrazin geizt nicht mit Statistiken, Tabellen. Und schreibt im eingangs erwähnten Beitrag: „Die von mir genannten Statistiken und Fakten hat keiner bestritten.“
Das stimmt nicht. Die Politologin Naika Foroutan, die an der Berliner Humboldt-Universität das Forschungsprojekt „Hybride Identitäten in Deutschland“ leitet, hat schon im September in einer Fernsehdebatte mit Sarrazin dessen Statistiken und Fakten infragegestellt. Am Montag erscheint nun eine von ihr herausgegebene, 70 Seiten umfassende Studie mit dem Titel „Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand“. Abrufbar ist sie im Internet schon jetzt.
Naika Foroutan, Jahrgang 1971, hat bei Bassam Tibi in Göttingen promoviert und ist Sozialwissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität, wo sie sich unter anderem mit Migration und Integrationspolitik befasst.
Die Studie: "Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand" (PDF-Dokument)
Dem von Foroutan geleiteten Forschungsteam, das über Integration, Immigration, Identität, Islamfeindlichkeit und Islamismus arbeitet, gehören Politologen, ein Soziologe, eine Ethnologin und ein Islamwissenschaftler an. Sie haben sich das siebte Kapitel von Sarrazins Buch vorgenommen: „Zuwanderung und Integration“. Sie beziehen ihre statistischen Daten vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und vom Statistischen Bundesamt. Außerdem stützen sie sich auf eine Reihe wissenschaftlich fundierter Studien.
Nicht die Konfession ist schuld
Sarrazin schreibt über die Ausbildung: „Besorgniserregend ist, dass die Probleme der muslimischen Migranten auch bei der zweiten und dritten Generation auftreten, sich also quasi vererben.“ In der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ (2009) weist das BAMF nach, dass unter den Zuwanderern „die Angehörigen der zweiten Generation deutlich häufiger als ihre Elterngeneration das deutsche Schulsystem mit einem Schulabschluss verlassen. Dies gilt insbesondere für weibliche Muslime. Hier lässt sich ein Bildungsaufstieg erkennen“.
Die Forscher konzedieren zwar, dass türkischstämmige Kinder niedrigere Chancen haben, das Gymnasium zu besuchen, als Kinder ohne einen Migrationshintergrund. Doch führen sie dies im Wesentlichen auf den unterschiedlichen sozioökonomischen Status der Familien zurück. Dieser, und nicht die Konfession, erklärt auch, weshalb die Schiiten eine höhere Abiturientenquote haben als die Sunniten. Die Schiiten entstammen vornehmlich gebildeten persischen Mittelstandsschichten, die Sunniten eher der anatolischen Unterschicht.
Sarrazin erklärt: „Sichtbares Zeichen für die muslimischen Parallelgesellschaften ist das Kopftuch. Seine zunehmende Verbreitung zeigt das Wachsen der Parallelgesellschaft an.“ Die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland “ weist nach: „In der zweiten Generation nimmt die Häufigkeit des Kopftuchtragens signifikant ab.“
Sarrazin schreibt: „Ein Gradmesser für die Integrationsbereitschaft ist das Heiratsverhalten. Es steuert zudem das Tempo der Auflösung von Parallelgesellschaften beziehungsweise verhindert, dass sie in größerem Umfang entstehen. Hier sieht es schlecht aus, denn nur drei Prozent der jungen Männer und acht Prozent der jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund heiraten einen deutschen Partner.“
Olga Nottmeyer weist in einer Studie für das Deutsche Institut für Wirtschaftsförderung nach: „Berücksichtigt man Unterschiede zwischen der einen und der folgenden Einwanderergeneration, wird für die meisten Migranten eine Tendenz zu mehr interethnischen Partnerschaften in späteren Generationen erkennbar. So ist der Anteil interethnischer Partnerschaften für Personen in der zweiten Generation insbesondere für türkischstämmige Migranten, mehr als doppelt so hoch wie in der ersten.“
Zur Gewalt in Berlin
Sarrazin behauptet: „In Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen.“ Foroutan bat den Polizeipräsidenten um eine Stellungnahme zu dieser Behauptung und erhielt einen Brief folgenden Inhalts: „8,7 Prozent der Gewaltkriminalität in der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2009 von Tatverdächtigen begangen, die entweder türkischer Nationalität oder dem arabischen Raum zuzuordnen waren. Erweitert man die Personengruppe um die Personen, deren Nationalität als ,Unbekannt‘ oder ,keine Angaben‘ erfasst wurden, was zumindest häufig für eine Herkunft aus dem arabischen Raum sprechen kann, erhöht sich die Zahl der Fälle auf 2509, was dem Anteil von 13,3 Prozenten an allen Fällen der Gewaltkriminalität entspricht.“
Bei der Sarrazin-Debatte, schlussfolgert Foroutan, würden die Integrationserfolge systematisch verschwiegen. Es gehe aber ohnehin nicht um eine Integrationsdebatte, „vielmehr werden unter dem Stichwort Integration Ängste, Ressentiments und rassistische Abwehrreaktionen verhandelt“. Die Scheindebatte, so stellt die Wissenschaftlerin mit Verweis auf Umfragen von Allensbach, Emnid und andern Forschungsinstituten fest, befeuert die Fremden- und Islamfeindlichkeit in Deutschland. Wilhelm Heitmeyer vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung geht von einer „zunehmend rohen Bürgerlichkeit“ aus. Immer mehr konservative Besserverdienende scheinen sich vom Ideal einer integrierten Gesellschaft zu verabschieden.
Statt die gelebte Pluralität in Deutschland zu akzeptieren, sehnt man sich nach ethnischer Homogenität, die in Zeiten der Krise Sicherheit und Stabilität zu bieten verspricht. Deshalb, so mutmaßt Foroutan, wurde Sarrazins Buch zu einem Bestseller.
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