Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel schrieb vor mehr als vierzig Jahren, sein Land sei ein Museum, eine "Demokratie zu Demonstrationszwecken". Bichsel meinte damit die geistige Erstarrung der Schweiz, ihre Besinnung auf den historisch verfälschten Abwehrgeist im Zweiten Weltkrieg, der mit dem Mythos der Urschweiz von 1291 verbunden ist, wie ihn Schiller im "Wilhelm Tell" für die deutsche Klassik niederschrieb.
Man mag Bichsel noch immer recht geben. Auch heute beruft man sich selten auf die liberale Verfassung von 1848. Die gegenwärtige Identität lebt stark von der Verklärung schweizer Eigenarten. Der unaufhörliche Vormarsch der Mundart in den elektronischen Medien spricht dafür, oder der Quotenknüller im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der bereits in der dritten Staffel das schmale Repertoire der "Größten Schweizer Hits" feiert.
Und nun haben sich die Schweizer auch noch gegen den Bau von Minaretten ausgesprochen. Das allerdings versteht nur, wer einen mentalitätsgeschichtlichen Blick riskiert. Dann nämlich wird man vielleicht begreifen, dass es gar nicht so sehr um den "Skandal" nicht-bewilligter muslimischer Kirchtürme, sondern, sehr viel ernster, um die Identitätskrise eines Landes geht, das seit zwanzig Jahren eine Kränkung nach der andern hinzunehmen hat. Es geht um die unbewältigte Geschichte seit 1989, es geht um den Kalten Krieg, der in der Alpenfestung überwintert hat wie sonst vielleicht nur noch in Transnistrien. Es geht um die Angst vor einer unbestimmten Invasion.
Erst Kommunisten, dann Muslime, seit diesem Sommer auch Viren - die Angst vor der Schweinegrippe wurde in der Schweiz um ein Vielfaches stärker geschürt als in Deutschland. Da spielt auch die Boulevardisierung der Medienlandschaft mit. Die Gratiszeitungen, in Deutschland gescheitert, beherrschen den Schweizer Markt und üben einen Nivellierungsdruck auf die großen Bezahlzeitungen aus. Und Boulevard kennt neben Stars nur noch eine Währung: Angst. Keines der wichtigen Medien stand hinter der Volksinitiative gegen den Minarettbau, außer Tendenzblättern wie Weltwoche oder Wachturm. Aber bezahlt wird hier wie da mit der gleichen Münze, geprägt von der Furcht vor dem Fremden.
Dürrenmatt sprach von Schweizer Gefängnis
Der Umbau der Schweiz reicht aber weiter zurück. Er ist, nicht politisch, aber mentalitätsgeschichtlich, mit jenem der DDR zu vergleichen. Mit einem Unterschied: Die Schweiz existiert noch. Wer den Sozialismus-Vergleich für einen reinen Kalauer hält, hat vergessen, was die Schweiz im Mauerfall-Jahr 1989 umtrieb. Es war die so genannte Fichenaffäre, die Aufdeckung einer Volksbespitzelung gigantischen Ausmaßes, die Friedrich Dürrenmatt dazu bewog, von der Schweiz als einem Gefängnis zu reden, in dem jeder jeden beobachtet. Eine Million Dossiers ("Fichen") bei einer Bevölkerung von damals rund 6 Millionen: Das machte der Staatssicherheit der DDR zumindest in Sachen Gründlichkeit Konkurrenz. Von Belang ist die Fichenaffäre auch, weil sich danach die Mehrheit der intellektuellen Schicht vom Staat unwiderruflich verabschiedet hat.
Die Schweiz als neutrale Insel, als "Sonderfall" - diese übermächtige Fiktion der Eidgenossenschaft in der Nachkriegszeit wurde nach dem Bruch zwischen Geisteselite und Staat nie überwunden. Es war die Fiktion einer Eidgenossenschaft, die Hitler getrotzt und danach der ganzen Welt ihre guten Dienste angeboten hat. Diese Erzählung wird von der ganzen Welt seit zwei Jahrzehnten verneint oder, noch schlimmer: lächerlich gemacht.
Weltweit attackiert wurde die Neutralitätslüge erstmals von jüdischen Opfern des Naziregimes und ihren amerikanischen Anwälten, welche die nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken wieder haben wollten. Die Rede ging von "Nazigold", und das in der wehrhaften Schweiz. Ein Schweizer Regierungsmitglied sollte sich noch Mitte der neunziger Jahre entschuldigen für den Judenstempel in deutschen Pässen, den die Schweiz von den Nazis verlangt hatte, um die Flüchtlinge an der Grenze schneller abschieben zu können.
Nationaler Kannibalismus
Der eidgenössische Abwehrreflex wurde allerdings erheblich geschwächt, als die Schweizer Festung von innen her angegriffen wurde, als eine Art nationaler Kannibalismus die eine heilige Kuh die andere fressen ließ, als etwa die Banken der Swissair den Geldhahn zudrehten und die Flugzeuge am Boden blieben. Dass die Nachfolgefirma Swiss letztlich in deutsche Hände überging, muss als Glücksfall nationaler Projektion angesehen werden. Denn nichts lieber hasst der Schweizer als den Deutschen, der nicht mehr nur als Tourist anreist, sondern plötzlich auch als Chef. Ein Polterer wie der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück kam da gerade recht
Die Schweiz ging also gründlich geschwächt in diesen Sommer. Schauspieler und Diktatoren wie der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi spüren so etwas sofort. Als Gaddafis Sohn in der Schweiz das Hotelpersonal verprügelte, wurde er verhaftet, doch sein Vater nahm darauf hin ein paar Schweizer in Libyen fest. In der Geiselaffäre kann man der schweizer Politik, außer nun wohl berechtigter Angst, kaum etwas vorwerfen. Doch genau dieses neben der Schweinegrippe hartnäckigste Medienthema hat in der Schweiz die Stimmung abermals angeheizt.
Wenn die Geschichte keine Ironie kennt, dann sicher das böse Gelächter: Ausgerechnet jener Staat muss nun ein demokratisch erwirktes, in der Sache aber undemokratische Abstimmungsresultat dulden, der sich als Wiege der europäischen Verfassungsdemokratien begreift. In Libyen stehen ja auch keine katholischen Kirchtürme. Oder?