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Welt im Wandel (2): Sicher ist nur die Ungewissheit

Die Finanzmärkte steuern sich, indem sie komplexe Entwicklungen einfach als Risiken klassifizieren. Diese Risiken übernimmt dann die Politik, statt sich zu wehren.

 Die Unordnung der Welt: Welt im Wandel.
Die Unordnung der Welt: Welt im Wandel.

Auf den Finanzmärkten wird deutlicher als irgendwo sonst , dass die Unordnung der Dinge nur die Kehrseite ihrer Ordnung ist. Nehmen wir die einfachste Operation, die auf einem Finanzmarkt möglich ist: einen Kredit aufnehmen. Was könnte ordentlicher sein als die Frage danach, wer kreditfähig und kreditwürdig genug ist, um von einer Bank, die kein Geld zu verschenken hat, einen Kredit eingeräumt zu bekommen? Man prüft die finanzielle Lage des Kreditnehmers, sein bisheriges Verhalten im Umgang mit früheren Krediten, also vor allem die Pünktlichkeit der Zahlung der Zinsen und Raten, und man prüft, wie verlässlich die Aussichten der finanziellen Entwicklung des Kreditnehmers und wie zuverlässig die Sicherheiten sind, die er seinem Kredit hinterlegt.

Auf den zweiten Blick jedoch erkennt man, welche Unordnung diese Ordnung nicht nur auf Abstand hält, sondern auch zugänglich macht. Immerhin ist und bleibt es ungewiss, ob der Kreditnehmer nicht mit seinem Geld das Weite sucht und nie wieder gesehen wird. Es bleibt ungewiss, ob Entwicklungen eintreten, Krankheit, Raub, Todesfall, die es dem Kreditnehmer unmöglich machen, den Kredit zurückzuzahlen und vielleicht auch die Sicherheiten zerstören, die er hinterlegt hat. Und es bleibt ungewiss, ob die Investition, für die der Kreditnehmer den Kredit möglicherweise verwendet, aufgeht und die geschäftlichen Erwartungen erfüllt werden, die mit ihr verbunden sind.

Wir haben es also mit einer Ordnung zu tun, die mit der Unordnung rechnet. Und mehr als das: Wir haben es auch mit einer Ordnung zu tun, die eine bestimmte Unordnung überhaupt erst möglich macht. Denn möglicherweise geht der Kreditnehmer erst auf der Basis des Kredits, den ihm die Bank einräumt, jene Risiken ein, die die Zurückzahlung des Kredits gefährden.

Wenn Ordnung und Unordnung jedoch die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind, stellt sich die Frage, wie alle Beteiligten mit diesen beiden Seiten umgehen. Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Der Kreditnehmer rechnet und hofft; die Bank prüft und sichert sich ab; und die Wirtschaft überrascht. Der Kreditnehmer rechnet mit seinen bisherigen Erfahrungen und hofft, dass sie sich in die Zukunft verlängern lassen. Die Bank prüft die Solidität des Kreditnehmers und verlangt von ihm, wenn sie kann, so hohe Zinsen, dass sie aus ihren Erträgen die Verluste auffangen kann, die ihr aus den relativ wenigen Krediten entstehen, die nicht zurückgezahlt werden. Und die Wirtschaft überrascht und lässt sich überraschen und entwickelt aus beidem neue Ansatzpunkte für lukrative Geschäfte.

Mit anderen Worten, sowohl die Ordnung als auch die Unordnung rechnen mit drei und nur drei Variablen: Die Leute können sich als zuverlässig oder unzuverlässig erweisen, die Sache kann klappen oder schief gehen, die Zukunft kann sich wie erwartet herausstellen oder mit Unerwartetem überraschen.

Das sind die einfachen Voraussetzungen der Ordnung und Unordnung auf den Finanzmärkten. In der Kombination dieser einfachen Voraussetzungen haben wir es jedoch bereits mit Komplexität zu tun, denn die Sache lässt sich nicht auf die Personen, und die Personen lassen sich nicht auf die zeitlichen Entwicklungen reduzieren oder umgekehrt. Jede Variable behält gegenüber den beiden anderen Variablen ihre Unabhängigkeit; und keine der Variablen kann aus der Einschätzung des Kredits ausgeschlossen werden. Diese Unabhängigkeit aufeinander nicht reduzierbarer, aber aufeinander angewiesener Variablen nennen Mathematiker „Komplexität“.

Die Finanzmärkte steuern sich, indem sie diese soziale, sachliche und zeitliche Komplexität in die trügerisch einfache Kategorie des Risikos übersetzen. Da Risiken eintreten können, jedoch nicht eintreten müssen, wird ihre Unsicherheit in die Unsicherheit ihrer Unsicherheit übersetzt und somit reflexiv. Daraus entsteht keine Sicherheit, wie es das Prinzip der doppelten Negation gerne hätte, aber man kann dann Risiken abstufen und mit Hilfe von weiteren riskanten Krediten versuchen, riskante Kredite abzusichern. Daraus entstehen die berühmten Kreditpyramiden und Marktblasen, die nur mit Hilfe von Krisen wieder abgebaut werden können. Krisen sind aber ihrerseits nichts anderes als unsichere Formen der Bewältigung von Unsicherheit. Die einzige Sicherheit, die dieses System trägt und dafür sorgt, dass es immer und überall bei der Zweiseitenmedaille von Ordnung und Unordnung bleibt, ist die Sicherheit, dass die Zukunft ungewiss ist. Man kann gewinnen, man kann aber auch verlieren.

Eines allerdings ist entscheidend: Da die Risiken der Wirtschaft in der Wirtschaft produziert werden, müssen sie auch dort getragen werden. Dazu braucht man die Politik: Sie muss verhindern, dass die Risiken auf die Politik abgewälzt werden.

Dirk Baecker lehrt Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin University in Friedrichshafen.

Sein Beitrag ist der zweite Teil der Essay-Reihe von Frankfurter Rundschau und Nordwestradio (ein Programm von Radio Bremen und NDR).

Autor:  Dirk Baecker
Datum:  22 | 8 | 2011
Kommentare:  6
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