Was Peter Sloterdijk wohl zur Demontage von Opel sagen würde? Wir wissen es nicht, wollen allerdings wetten, dass er den Kampf tausender Menschen um ihre Arbeitsplätze als einen aufbrausenden Neidreflex bezeichnen würde. Das klingt vielleicht etwas überraschend, doch hat der Karlsruher Philosoph durchaus seine Gründe, er hat sie vor einiger Zeit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und kürzlich noch einmal in einigen anderen Blättern formuliert.
Sloterdijks Einwürfe kommen zur rechten Zeit, denn unübersehbar ist, dass unsere soziale Marktwirtschaft einen Wandel erlebt, und das nicht erst seit der Banken- und Finanzkrise. Es gibt einen Bedarf nach theoretischer Reflexion und praktischer Orientierung. Selbstverständlich herrscht, was die verschiedenen Sinnangebote angeht, keine Einigkeit, weshalb auch nicht verwundert, dass es in Folge von Sloterdijks Ausführungen zu einigen Entgegnungen gekommen ist.
00 Mit der Wahl der schwarz-gelben Regierung ist zuletzt immer wieder auch die Frage nach sozialer Gerechtigkeit gestellt worden. In einer Serie von Essays und Interviews fragt die FR: Brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag?
Ein Gespräch mit Sighard Neckel (29.10.2009) eröffnete die Serie, es folgte ein Beitrag von Franz Sommerfeld (5.11.2009). Ihm antwortet gestern Stephan Hebel. (fr)
Lesen Sie den Sloterdijk-Beitrag Die Revolution der gebenden Hand hier.
Die Replik des Frankfurter Philosophen Axel Honneth Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe erschien in der Zeit.
Betrachtet man allerdings den Verlauf dieser etwas voreilig als Debatte annoncierten Veranstaltung und die Umstände, unter denen sie bislang stattfindet, muss einem eher angst und bange werden. Anders oder wieder neu über das Thema soziale Gerechtigkeit nachzudenken - das war immerhin das Vorhaben Sloterdijks und seines wichtigsten Kontrahenten, des Frankfurter Philosophen Axel Honneth - scheint zur Zeit kaum möglich oder erwünscht zu sein. Ein eigentümlicher Unernst beherrscht die Szenerie.
Sloterdijk hatte uns eigentlich nur sein Konzept einer Ethik der Gabe noch einmal vorstellen wollen. Allerdings angereichert um die folgende Symptomatik: Die Sozialdemokratisierung der Bundesrepublik ist mehr oder weniger vollendet und die damit verbundenen wohlfahrtsstaatlichen Segnungen sind ein Fluch; vor allem die Besserverdienenden oder auch Leistungsträger genannten Bevölkerungsschichten hätten unter einer unerträglich hohen und sie in ihrem für die Gesellschaft segensreichen Tun massiv beeinträchtigenden Steuerlast zu leiden.
Gegen die Ausbeutung der Reichen durch den Staat und dessen, so Sloterdijk, "kleptokratische" Ausrichtung helfe nur eine massive Umwertung aller Werte: So sei an die Großzügigkeit unserer Leistungsträger zu appellieren, die, wenn sie nicht länger gezwungen, sondern nunmehr freiwillig geben würden, nur zu gerne andere Menschen an ihrem Reichtum teilhaben ließen. Denn ihnen schmeichelte ihre eigene Huld, sie würden ihren Adel, ihre Majestät darin entdecken können, spendabel zu sein.
Gegen Sloterdijks Vorschlag, die staatliche Wohlfahrt durch den - dann hoffentlich nicht allzu launischen - Narzissmus reicher Privatpersonen zu ersetzen, hat Axel Honneth in aller Schärfe gesagt, was zu sagen war: In der Zeit befand er das Sloterdijksche Unternehmen für nicht nur unplausibel, sondern auch gefährlich. Dabei verwies Honneth, was für den Verlauf der "Debatte" noch kennzeichnend werden sollte, auf den Wandel des politischen und publizistischen Klimas hin, der Karrieren von akademisch kaum satisfaktionsfähigen und intellektuell eher zu den Leichtgewichten zählenden Zunftvertretern wie Sloterdijk befördere.
Und wie um Honneths Vermutung vom Klimawandel in der deutschen Öffentlichkeit zu bestätigen, traten nun willige Debattenbeiträger auf den Plan. Hans-Ulrich Gumbrecht etwa glaubte, in dem Disput zwischen Sloterdijk und Honneth einen Unterschied der Stile ausgemacht zu haben, die Idee von der Majestät des Gebens sei verspielt und unterhaltsam, der Verweis auf die Solidarität mit den Schwachen sei ernst und auch etwas verklemmt, jedenfalls nicht so lustig.
Ansonsten fiel dem Literaturwissenschaftler nicht viel ein. Wie auch? Das Thema - die Frage der sozialen Gerechtigkeit - steht schließlich nicht auf seiner Agenda. Gumbrecht hat schlicht keine Ahnung, allerdings immer eine Meinung, irgendeine, und das reicht offenbar, um zum Debattenbeiträger promoviert zu werden: Alles easy, alles cool, wir wollen doch alle nur unseren Spaß. Dass er uns dergleichen mal wieder als angelsächsisch inspirierte Lockerungsübung verkauft - eigentlich sagt Gumbrecht immer das Gleiche.
Sein tief empfundenes Desinteresse am Thema bekundete auch Karl Heinz Bohrer. So schwärmte der Herausgeber des Merkurs viel lieber vom stimulierenden, die eigene Erkenntnis befördernden Segen riskanter Denkmodelle, er meinte Sloterdijks Idee, wollte sich darauf allerdings auch nicht weiter einlassen. Vielmehr beschäftigte Bohrer der für ihn gewiss ärgerliche Umstand, dass er sogar für die bei Ehrungen erhaltenen Preisgelder Steuern zu entrichten habe.
Aber auch dieses Niveau konnte noch unterschritten werden, und zwar vom Meister höchstpersönlich. Sloterdijk antwortete auf die Einwände Honneths mit dem Hinweis, dieser habe keinen blassen Schimmer von seinem, Sloterdijks Denken und sei des tausendfachen Lektürerückstands seines, Sloterdijks erlesenen Oeuvres für schuldig zu befinden.
Man hat ihn also gar nicht gelesen, für Gumbrecht und Bohrer, Sloterdijks willige Helfer, trifft das in jeden Fall zu. Abgesehen davon aber gab uns Sloterdijk damit sein entschiedenes Beleidigtsein zu verstehen: Seit jeher sieht er sich - wie er übrigens auch im Gespräch unaufgefordert und elogenlang zu beklagen weiß - als Opfer des akademischen Schweigekartells, das ihm seit jeher die Anerkennung verweigert. Und wo die Anerkennung fehlt, muss man doch wenigstens für etwas Aufmerksamkeit sorgen, für Trubel, Jubel, Heiterkeit