Die sicherste Methode, eine Debatte zu verlängern, erwächst aus dem Bestreben, sie kurzerhand abzublasen. Nachdem der Frankfurter Philosoph Axel Honneth in dem überwiegend in der ZEIT und FAZ geführten Streit einen Generalangriff auf Peter Sloterdijks dubiose Fantasie führte, den Staat nicht länger durch Steuern, sondern Spenden der Reichen finanzieren zu wollen, wurde wortreich abgewiegelt.
Während Hans Ulrich Gumbrecht im fernen Kalifornien Honneths Text als illegitimen Versuch betrachtete, den schwindenden Einfluss der Kritischen Theorie zu retten, leitete Jürgen Kaube daraus eine krachende Bankrotterklärung der Frankfurter Schule ab. Deutsche Akademiker sammeln sich erneut in längst obsolet geglaubten Schulen und Lagern.
Ein spätes, gewiss nicht letztes Wort hat nun der Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer erhoben. Er richtet seinen "intellektuellen Widerwillen" gegen die Versuche Honneths und Christoph Menkes, Sloterdijks Affekte gegen den Sozialstaat und die Politiken der Gleichheit an die sozialpolitische Realität zurückzubinden.
Der eben von Berlin nach Frankfurt gewechselte Philosoph Menke war Honneth beigesprungen und hatte dessen analytische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Anerkennung bekräftigt. "Soziale Mitgliedschaft", schreibt Menke, "verwirklicht sich nur als gleiche Mitgliedschaft; wer nicht als Gleicher anerkannt ist, ist nicht anerkannt."
Staatliche Kleptokratie
Gegen die Grundlegung solch fundamentaler Anerkennungssätze mobilisieren Peter Sloterdijk und Karl Heinz Bohrer ein furioses Theater der Affekte. Steuern hatte Sloterdijk als staatliche Kleptokratie bezeichnet, und Bohrer kann sich über einen "allmählich verkommenden Sozialstaat" erzürnen, der ihn "und viele andere um die Pfründe wohlverdienten finanziellen Zugewinns bringt, sei es, dass er die Hälfte der beträchtlichen Summen für akademische Auszeichnungen oder für Kulturpreise wieder abnimmt - die gezielte Bestrafung von Individuen."
Auch wer keine Kulturpreise erhält, mag in den entsprechen Runden in eine sich steigernde Steuerklage einstimmen. Mittelständische Unternehmer haben oft noch mehr Grund dazu als die Empfänger von Preisen und Vortragshonoraren, die ja in der Regel erst durch staatliche Institutionen in Aussicht gestellt werden. So kleinlich und fiskalisch möchten Sloterdijk und Bohrer aber wohl nicht argumentieren.
Ihre nie ohne Leidenschaft vorgetragene Rhetorik ist angereichert durch zahlreiche philosophische Referenzen. Bohrer bietet Gehlen, Nietzsche und St. Just auf, um dann doch polemisch abzuholzen: "In einem Land, das seit Jahren durch das Schwinden des Freiheitsmotivs zugunsten des Gleichheitsprinzips an geistiger und politischer Attraktivität verliert, in einem Land, in dem seit Bismarcks Sozialgesetzen und der Nazis sowie der DDR-Kommunisten Zerstörung bürgerlicher Denk- und Verhaltensformen das Gleichheitsprinzip als das Selbstverständliche immer mehr vorherrscht, entblöden sich die beiden Philosophieprofessoren nicht, ihrer plebsfreundlichen Entrüstung den Anschein von längst erwiesenen Prinzipien zu geben."
Sieht man einmal davon ab, dass sich hier beachtlicher emotionaler Überdruck Luft macht, geht es um einen Begriff von sozialer Gerechtigkeit, der Chancengleichheit nicht nach Belieben gegen Chancengerechtigkeit ausspielt. Gewiss hat Bohrer Recht, wenn er von der Notwendigkeit sozialer Ungleichheit spricht. Sie ist Voraussetzung leistungsfähiger Gesellschaften. Diesbezüglich sind die Sozialwissenschaften übrigens um einiges weiter, als es Thilo Sarrazin mit seiner Sicht auf die Berliner Ökonomie zuletzt auf fatale Weise zum Ausdruck brachte.
Sloterdijk, Bohrer und Sarrazin brüllen Elitenbewusstsein herbei
Anstatt eine Debatte bereits an ihrem Beginn abzublasen, müsste sie hier wohl unter Berücksichtigung einer globalisierten Ökonomie und deren Vernetzungslogik geführt werden. Christoph Menke hat die entsprechenden Hinweise gegeben. "Indem er (Sloterdijk) den Einzelnen zur permanenten kreativen Selbstmobilisierung verpflichtet (...), produziert er notwendig die Gegen- oder Unterklasse der Immobilen, Nichtkreativen, Unfähigen, denen ihr Scheitern als Versagen vorgehalten werden kann."
Sloterdijk, Bohrer und Sarrazin brüllen, auf zugegeben sehr unterschiedliche Weise, ein Elitenbewusstsein herbei, das jene Ressourcen verkennt, die aus abgebrochenen Laufbahnen, Umwegen und Verschwendungen hervorgehen. Man muss kein linker Sozialromantiker sein, um einen flexiblen, von sozialer Differenz gesättigten Gleichheitsbegriff zu entfalten.
Bohrers Nachtisch für Sloterdijk ist allerdings vergiftet. Er nimmt Sloterdijks "Revolution der gebenden Hand" nicht ernst. "Ich las Sloterdijks Einfall als das, was er nur sein konnte: eine leider nie zu realisierende Utopie, sozusagen als eine (...) Allegorie auf den transzendentalen Realismus, sprich den Dreiklassenstaat."
In Bohrers Augen ist Sloterdijk ein freier Geist, "ein Phantast", der nur mit dem Sozialstaat spielen wollte. Das hatte Sloterdijk in seiner Replik bereits auf ähnliche Weise gesagt. Weil es, wie die akuten Koalitionsverhandlungen zeigen, schwer geworden ist, kein Sozialdemokrat zu sein, geht die Debatte wohl noch etwas weiter. Es könnte lohnend sein, sie noch einmal ganz neu anzufangen.