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Sri Lanka: Der glücklichste Mann der Welt

Michael zeigte uns die große Narbe an seinem Unterarm, die aussah wie von einem Haiangriff. Zu seinem Glück waren seine Söhne damals in der Nähe. Sie hatten das Geschrei gehört, kamen in den Laden und stießen den Nachbarn von ihm weg. Im Krankenhaus musste der Arm mit unzähligen Stichen genäht werden. Trotz seiner Verletzung quetschte er sich mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in einen überfüllten Bus nach Norden. Dort waren die Tamilen in der Überzahl, und sie wähnten sich in Sicherheit vor weiteren Übergriffen.

"Aber der Krieg folgte uns nach Norden", sagte er lächelnd.

"Die Rebellen griffen die Regierungstruppen an, und die Truppen kamen hier in den Norden, um sie zu bekämpfen. Wären wir in Colombo geblieben, hätte ich meinen Laden noch, meine Söhne würden studieren und als Ingenieure arbeiten, und meine Frau wäre fett und glücklich und hätte Kokosnussöl im Haar."

"Ich bin der glücklichste Mann der Welt. Durch andere tamilische Flüchtlinge aus Colombo fanden wir hier in Mannkulam ein Plätzchen und eröffneten das Lebensmittelgeschäft. Dann kamen die Panzer und mit ihnen die Kämpfe. Eshwaran, mein älterer Sohn, war ein sehr gut aussehender Junge. Eines Morgens wurde er von Soldaten mitgenommen, die versprachen, ihn am Nachmittag wieder zurückzubringen. Wir warteten tagelang vergeblich auf ihn. Schließlich sagte meine Frau: ‚Er kommt nicht wieder zurück. Aber wir müssen unsere anderen Söhne retten.' Wir hatten nicht mal Zeit zum Weinen. Wir schlossen den Laden ab und flüchteten uns in die Wälder, wo wir wie die Tiere lebten. Monatelang ging das so; wir hatten nichts zu essen und schon gar kein Kokosnussöl."

"Als die Kämpfe aufhörten, kehrten wir nach Mannkulam zurück. In unserem Laden war Feuer gelegt worden und die Wände waren voller Löcher. Meine Frau kniete sich hin und machte die Böden sauber; meine Söhne strichen die Wände neu. Wir lebten wieder wie Menschen. Ich bin der glücklichste Mann der Welt."

"Jetzt trafen die Kugeln den Laden aus der anderen Richtung. Die Rebellen hatten gut gekämpft; die Soldaten liefen davon. Ich hielt Mittagsschlaf, als eines Tages die Rebellen kamen und nach mir fragten. James, mein Zweitgeborener, hütete gerade den Laden; er war der beste Sohn, den ich hatte. ‚Ich weiß nicht, wo mein Vater ist, aber Sie können mir Ihre Fragen stellen', sagte er zu ihnen. Sie nahmen ihn mit, und auch ihn haben wir nie wieder gesehen."

"Wir waren erfolgreich. Die Leute kauften bei uns. Manchmal machten sie Schulden, aber manchmal wurde auch bar bezahlt. Nach ein paar Jahren kaufte ich einen alten Schwarzweißfernseher, so einen riesigen altmodischen Kasten. Abends schauten wir fern. Ramesh, mein dritter Sohn, war ganz verrückt danach und saß immer dicht vor dem Fernseher auf dem Boden. Eines Abends schauten wir wieder fern, als die Bomben einschlugen und der Fernseher umfiel und Ramesh am Kopf traf."

"Sein Tod war für uns am schwersten. Ein Mann kann mit dem Wissen leben, dass sein Sohn getötet wurde, aber wenn man den Tod seines Kindes mit ansehen muss - und dann noch auf so eine Art! - dann kommt man ins Grübeln: Warum ich? Bin ich denn verflucht? Aber das Leben ging weiter, und dann wurde der Waffenstillstand ausgerufen - das war wie ein Zeichen von Gott: Ich habe dich nicht vergessen."

Ein Jugendlicher war an die Türschwelle des Ladens getreten und hörte zu. Michael rief ihn herein.

"Ein Sohn ist mir geblieben, mein Herr. Das beweist doch, dass es einen Gott gibt! Wer sonst hat all die Jahre über das Leben dieses Jungen gewacht? Warum sonst hat er mir und meiner Frau damals in Colombo noch ein viertes Kind geschenkt, wenn nicht, damit es uns bis zum Ende erhalten bleibt? Zwar nicht der klügste meiner Söhne, nicht der hübscheste meiner Söhne, nicht der beste meiner Söhne, aber doch ein Sohn, mein Herr." Und er legte einen Arm um den Jungen, der verlegen zu Boden schaute.

Karuna, der 16-jährige vierte und einzig überlebende Sohn von Michael, dem Ladenbesitzer, war klein und etwas schwerfällig und schien der lebende Beweis für die Behauptung seines Vaters zu sein: ein Zeugnis für die Existenz einer blinden göttlichen Vorsehung.

Salvadore machte ein gemeinsames Foto von Vater und Sohn. Dann verabschiedeten wir uns von dem alten Abraham und seinem Isaak, stiegen ins Auto und fuhren weiter.

Nach einigen Stunden Fahrt, während der wir sowohl Militär- als auch Rebellen-Kontrollen passiert hatten, kamen wir endlich an einen Fahrdamm. Hinter der Lagune, hinter noch mehr Kontrollpunkten, lag Jaffna, jene legendäre kriegsverwüstete Stadt. Salvadore war vor Aufregung ganz aus dem Häuschen; ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen bei dem Gedanken an die herrlichen Mangos, die er das letzte Mal vor 30 Jahren gekostet hatte. "Schau nach rechts", sagte er zu mir. "Und auch auf die andere Seite."

Wir waren die einzigen Menschen auf dem Fahrdamm. Die Sonne war hervorgekommen und brachte rechts und links das Wasser zum Glitzern. Es schien, als ob die Nachricht vom Waffenstillstand endlich den Himmel erreicht und Gott wieder seine launenhafte Herrschaft über das nördliche Sri Lanka übernommen hätte.

Übersetzung von Andrian Widmann

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Autor:  ARAVIND ADIGA
Datum:  20 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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