Den glücklichsten Mann der Welt habe ich 2004 in Sri Lanka kennen gelernt. Der Waffenstillstand war seit einigen Monaten in Kraft, und man konnte zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder sicher durch das Land reisen.
Mein Fotograf Salvadore und ich hatten beschlossen, in das weit nördlich gelegene Jaffna zu fahren. Salvadore war so aufgeregt, dass er mich die ganze Nacht, die wir vor unserer Abreise in seinem Haus in Colombo verbrachten, wach hielt. Er war über 30 Jahre nicht mehr in Jaffna gewesen. Aus seinen Kindertagen erinnerte er sich an große Hindutempel, christliche Kathedralen und Mangos, wie er sie seitdem nie wieder gegessen hat.
Aravind Adiga, geboren 1974, wuchs im südindischen Mangalore auf. 1990 emigrierte er nach Sydney. Als Journalist arbeitete er für die Financial Times, das Wall Street Journal und für Money. Adiga lebt in Mumbai. Für seinen Roman "The White Tiger" ("Der weiße Tiger", C.H. Beck) erhielt er im vergangenen Jahr den Booker Prize.
Sri Lankas Armee hat den Kampf gegen die Tamilischen Rebellen inzwischen wieder aufgenommen. Sie versucht die eingekesselten Tamilischen Rebellen im Nordosten des Landes entgültig zu besiegen. Mndestens 25.000 Zivilisten sind auf der Flucht.
BBC-Video von der aktuellen Lage in Sri Lanka: 'Thousands flee' Sri Lanka combat.
BBC-Video von Tamilischen Demonstranten in London Tamil demonstrators block streets.
Salvadore hat sich als Fotograf einen Namen gemacht; seine Aufnahmen des Schriftstellers Michael Ondaatje und des Architekten Geoffrey Bawa sind weltweit veröffentlicht worden. Auf unserer Reise lernte ich eine weitere Eigenschaft von ihm kennen: Sein Großvater war ein bekannter Intellektueller gewesen, der vor der Gefahr eines Bürgerkrieges gewarnt hatte, falls man die Tamilen schlecht behandeln sollte. Wenn Salvadore seinen Namen nannte, sahen die Leute in ihm sofort einen Mann, der dem Bürgerkrieg unparteiisch gegenüberstand und dem sie sich anvertrauen konnten. Ich für meinen Teil hörte aufmerksam zu.
Ein muslimischer Mann erzählte uns von seinem kleinen Sohn, der beim Spielen an einem elektrischen Militär-Zaun zu Tode kam; drei singhalesische Schwestern zeigten uns Fotos von ihrem Bruder, der von einer Tretmine zerfetzt worden war. Salvadore stützte das Kinn auf einen Finger und hörte zu. In unserem Ford Explorer schlugen wir uns langsam nach Norden durch, und überall, wo wir anhielten, machten Salvadores Anteilnahme und Ruhm ihn zu einem Schwamm, der die Tränen von 20 Jahren Bürgerkrieg in sich aufnahm.
Wir hatten in Dambulla übernachtet und fuhren früh morgens weiter in der Hoffnung, Jaffna bis zum Abend zu erreichen. Wir durchquerten schnell die von terroristischen Anschlägen bedrohten Gebiete - eine Bombenexplosion, ein nächtlicher Anschlag - und kamen in die Region Vanni, in der seit langer Zeit fast ständig Bürgerkrieg herrschte. Hier lieferten sich Regierungstruppen und Rebellen die heftigsten Kämpfe. Dahinter lag Kilinochchi, der Hauptsitz der Rebellen.
Interview mit dem frisch gebackenen Booker-Preis-Gewinner Aravind Adiga im Oktober 2008
Wir kamen in ein Dorf namens Mannkulam. Dorf ist vielleicht zu viel gesagt: fünf Geschäfte an der Hauptstraße und davor ein paar schweigsame Männer auf Plastikstühlen. Salvadore kannte den Namen des Dorfes, weil es in dem Krieg heiß umkämpft wurde und wie ein Spielzeug, um das sich zwei verwöhnte Kinder streiten, mal in die Hände der Regierungstruppen, mal in die der tamilischen Rebellen fiel.
Er ging in eines der Geschäfte, um Fotos zu machen. Drinnen war es dunkel, so als ob man möglichst unbemerkt bleiben wollte. Über der Ladentheke hingen Shampoofläschchen, als wären es Hochzeitsgirlanden; dahinter waren blaue und rote Flaschen mit Kerosin und Speiseöl aufgestapelt.
Eine Weile kümmerte sich niemand um uns. Dann stand ein kleiner dunkelhäutiger Mann in schmutzigem Hemd von seinem Stuhl auf, und Salvadore sprach mit ihm an der Eingangstür, während ich mich weiter hinten umsah. Die Wände hatten Löcher, in denen Spatzen saßen. Die großen Löcher stammten von Granateinschlägen, während die Gewehrkugellöcher kleiner waren, wie das Staccato eines kurzen Trommelwirbels.
"Der Mann hier kommt aus Colombo!", rief Salvadore freudig aus. "Und er hat ganz in der Nähe von mir gewohnt. Ist das zu fassen?"
Der kleine Ladenbesitzer, der Michael hieß, lächelte uns strahlend an. Sein Gesicht war hager mit einer vorspringenden Nase. Er hatte etwas von einem Reptil, von dessen Zähigkeit und Unverletzbarkeit. Dominic fing an, ihn mit Fragen zu bombardieren. Ab und an drehte er sich um und übersetzte. Der Mann war zunächst schüchtern, kam dann aber immer flüssiger ins Erzählen.
"Ich bin der glücklichste Mann der Welt."
"Ich bin in Colombo geboren, habe in Colombo geheiratet, und wir haben dort zwei Söhne bekommen. Wir hatten ein Geschäft, und es ging uns gut. Ich hatte treue Kunden, meine Kinder waren gesund, und meine Frau hatte immer genug Kokosnussöl für ihr dichtes schwarzes Haar. Ich musste nicht schwer arbeiten. Nachmittags hielt ich ein Schläfchen, und wenn ich um vier Uhr aufwachte, fühlte ich mich wie der König der Welt."
"Eines Abends wachte ich auf und es brannte. Männer hämmerten von draußen an meine geschlossene Ladentür und brüllten. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich meinen Nachbarn und rief: Hey, was ist denn los?' Er hatte ein riesiges Messer in der Hand. Als er mich sah, stürzte er sich auf mich. Ich hob den Arm über den Kopf, und er stach mit dem Messer nach meiner Hand. Da wusste ich, was vor sich ging: Er war Singhalese und ich war Tamile. Daran hatte ich seit 16 Jahren nicht mehr gedacht. Solange waren wir schon Nachbarn gewesen."
Das waren die berühmten Ausschreitungen von 1983, mit denen alles begann, erklärte Salvadore. Die Tamilen wurden in ganz Colombo überfallen, zuhause und in ihren Geschäften. Oft waren die Mörder ihre Nachbarn. Männer wurden teilweise sogar bei lebendigem Leib verbrannt.