Die texanische Hauptstadt Austin ist eine der am raschesten wachsenden Städte der USA. Seit 1990 hat sich die Bevölkerung beinahe verdoppelt. Darüber freuen sich die Stadtväter selbstverständlich, bis vor kurzem hatten sie mit diesem Boom aber dennoch ein großes Problem: Sie konnten ihn sich nicht erklären.
Keines der gängigen sozio-ökonomischen Modelle schien das Wachstum befriedigend erläutern zu können, bis der Soziologe Robert Cushing in der lokalen Zeitung eine neue, obskure Theorie ins Spiel brachte. Es war die Theorie des "kreativen Kapitals" von Richard Florida, einem Professor für Stadtentwicklung in Pittsburgh und Kolumnisten in den Intellektuellen-Zeitschriften Atlantic und New Yorker. Städte, die einer Bohème von Schriftstellern, Künstlern, Musikern ein Biotop bieten, so Floridas These, werden über kurz oder lang auch wirtschaftlichen Erfolg haben.
Die These passte perfekt auf Austin. Schon immer war diese Stadt mitten im konservativen Texas eine liberale Oase. Die lebendige Musikszene aus alternativem Country und Blues gepaart mit einem intensiven intellektuellen Ambiente rund um die durch Öldollars wohlausgestattete Universität zog schon lange im ganzen Süden der USA alle diejenigen an, die einen weiteren Horizont hatten, als das Rancherleben und das nächste Football-Spiel bieten.
Es folgten Halbleiter- und Softwarefirmen von der Westküste, die in Austin eine ähnliche Lebensqualität für ihre Mitarbeiter sahen wie im Silicon Valley, und das bei niedrigeren Steuern und Lebenshaltungskosten. Und so gilt Austin für die Klasse der jungen smarten "BoBos" (Bourgeois Bohemian) mittlerweile als die zweitattraktivste Stadt der USA - direkt hinter San Francisco und noch weit vor New York.
Die Relevanz von Richard Floridas Theorie geht freilich weit über Austin hinaus. Florida versucht eine massive Umstrukturierung der US-amerikanischen Soziogeographie zu erklären, die längst in vollem Gang ist und die, wie er jüngst in einem großen Essay im Atlantic darlegte, durch die Wirtschaftskrise noch deutlich beschleunigt wird. Nur wenn amerikanische Städte die Bedeutung der "kreativen Klasse" erkennen, glaubt Florida, können sie im 21. Jahrhundert bestehen.
Amerikas Städte teilen sich laut Florida in drei Kategorien. Da sind zum einen die alten Industriestädte wie Detroit, die sich meist auf nur einen Fabrikationszweig stützen. Diese Städte sind schon seit den Siebzigern dem Tod geweiht. Entweder haben sie - wie Pittsburgh - die Umstellung auf Hochtechnologiebranchen geschafft, oder die jetzige Krise versetzt ihnen - wie in Detroit zu befürchten - den Todesstoß.
Die zweite Kategorie sind die Städte des so genannten Sonnengürtels, wie Phoenix, Las Vegas oder Santa Fe. Städte, die in den vergangenen 20 Jahren wegen des guten Klimas und der billigen Grundstückspreise einen Boom erfahren haben. Die Lebensqualität war hoch, Bauen als Kapitalanlage versprach grenzenlose Gewinne, und so zogen bestimmte Branchen ihren leitenden Angestellten hinterher. Diese Städte seien gegenwärtig jedoch durch den Immobilienkollaps genau wie Detroit oder Cleveland dabei, wieder in sich zusammenzusacken. "Die meisten von ihnen sind selbst reine Blasen", so Florida.
Die dritte Kategorie sind differenzierte, diversifizierte Megaregionen wie die Korridore Boston-NewYork-Washington, Portland-Vancouver-Seattle, Süd- und Nordkalifornien oder auch das texanische Dreieck Houston-Dallas-Austin. Wie den entsprechenden Regionen anderswo - etwa Amsterdam-Brüssel-Antwerpen, die Region London oder der Schanghai-Peking-Korridor - gehört ihnen laut Florida die Zukunft. Das ist zunächst einmal nicht überraschend. Interessant ist allerdings Floridas Begründung dafür, warum das so ist. In Floridas Ranking der US-Städte ist etwa New York auf Platz Neun gerutscht, weil es in den vergangenen 15 Jahren viel zu sehr auf die Finanzbranche gesetzt hat. Die Dominanz der Finanzleute hat die Lebenshaltungskosten in die Höhe getrieben und somit die Vielfalt der Lebensstile in der Stadt gefährdet. Künstler und Bohemiens sind aus Manhattan getrieben worden, was die Insel wiederum für andere kreative Branchen unattraktiv gemacht hat: Modedesigner, Filmemacher, Medienarbeiter, Softwaredesigner, Internet-Unternehmer. Diese jedoch machen in jeder Hinsicht die Vitalität der Städte der Zukunft aus - und das nicht nur in Amerika.
Insofern sieht Florida für Orte wie London und New York die Finanzkrise als Chance. Die 20000 Arbeitsplätze, die der Finanzbranche in New York verloren gingen, könnten durch Kreativberufe ersetzt werden. Die Dichte an intelligenten Menschen und vor allem die Geschwindigkeit, mit der Ideen produziert und umgesetzt werden, würde steigen. Das sei es, was die Städte brauchten.
Florida behauptet nicht zu wissen, wie die Weltwirtschaft in der Ära nach den Finanz- und Immobilienblasen genau aussieht. Sicher ist er sich nur über eines: Die kreativen Großstädter werden am Besten dafür gerüstet sein, sich den Notwendigkeiten anzupassen und schnell Ideen zu entwickeln. Und deshalb tut jede Regierung und jede Region gut daran, den BoBos das Umfeld zu bieten, das sie sich wünschen. Die Ära, in der Yuppies, Hasardeure und Spekulanten herrschten, glaubt er, ist vorbei. Man kann sich nur wünschen, dass er damit Recht behält.