In Görlitz gehen die Uhren richtig. Denn der 15. Längengrad verläuft mitten durch die sächsische Stadt, deren Ortszeit also akkurat der Mitteleuropäischen Zeit entspricht. Weil das in Deutschland aber nirgendwo sonst so ist, kann man auch sagen: In Görlitz gehen die Uhren anders.
Und das entspricht dann schon viel mehr der gefühlten Wahrheit beim Besuch in dieser Stadt, die sich auf der Deutschlandkarte bislang weder als Autobahnabfahrt noch als Produktherkunftsort eingetragen hat. Man kann in Restdeutschland wunderbar vor sich hin leben, ohne mit Görlitz konfrontiert zu werden. Interessanterweise funktioniert das auch andersherum: Kaum ist man in Görlitz und nähert sich der historischen Innenstadt und der Neiße, kommt einem der Rest des Landes undeutlicher und gestaltloser vor.
Zwischen phantastisch restaurierten Renaissance- und Barockgebäuden, Jugendstilhäusern und ganzen Straßenzügen aus der Gründerzeit bewegt man sich wie in einem Manufactum-Katalog zur deutschen Geschichte (Es gibt sie noch, die guten Zeiten!) und fragt sich, ob wenigstens hier, in dieser im Zweiten Weltkrieg nicht zerstörten Stadt, noch ein Leben im Richtigen möglich sein könnte. Im Sinne von: im vormodern Überschaubaren und gesellschaftlich Eindeutigen. Ein schwärmerischer und ahistorischer Gedanke. Aber: Können fast 4000 denkmalgeschützte Gebäude lügen?
Zumindest performen lässt sich in diesem Ambiente gut. Der Schmuckladen am östlichen Ende des Untermarkts nennt sich "Handwerkerey" und bietet neben den üblichen Uhren und Eheringen auch selbst Geschmiedetes. Sonnenuhr-Anhänger, Armreifen mit keltischen Mustern. Im hinteren Teil der Ladenwohnung wird im historischen Kleid getöpfert, die Holzbänke von Fellen gewärmt. "Lustig, dass Sie fragen", wird Kulturbürgermeister Michael Wieler später beim Spaziergang durch die Gassen sagen. "Wir haben tatsächlich schon daran gedacht, die Mittelalter- und Gothic-Szene stärker in die Stadt zu holen."
Der internationale Film hat das Retro-Ambiente schon für sich entdeckt. Die Heidelberg-Szenen in Stephen Daldrys Schlink-Verfilmung "Der Vorleser" wurden hier gedreht, und auch Quentin Tarantino nutzte den historischen Untermarkt für eine Schießszene in "Inglourious Basterds": Görlitz mit seinen 58 000 Einwohnern als das von den Nazis besetzte Paris.
Tatsächlich liegt Görlitz an der Neiße und hat zwei Stadtbrücken nach Polen, hinüber zur Schwesterstadt Zgorzelec, die vor 1945 einfach ein jüngerer Ortsteil von Görlitz war - Europa findet hier sozusagen im eigenen Hause statt. Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands, und ein paar Kilometer südlich ist dann gleich die Grenze zu Tschechien. Auch die Rand- und Zipfellage ist natürlich ein Grund für die gefühlte Zeitlosigkeit. Die Tatsache, dass es hierher von fast überall ein weiter Weg ist.
Selbst für die Dresdner liegt Görlitz hinterm Berg, und von Berlin aus bummelt man mit dem Zug erst bis Cottbus. Dann geht es mit der ODEG, der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft, weiter nach Südost und mitten durch die Muskauer Heide, wo seit einigen Jahren wieder Wölfe jagen. Erst die Wildnis also und dann Görlitz. Im Spätmittelalter lag die Stadt an der wichtigsten west-ost-europäischen Handelsstraße, der Via Regia zwischen Santiago de Compostela und Kiew, daher der Reichtum. Hier lebten Tuchmacher.
Gemeinsam mit Zgorzelec hat sich Görlitz vor ein paar Jahren um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 beworben. Neben dem Tourismus ist die - diesen ja fördernde - Kultur die wichtigste Zukunftsbranche der Region. Denn wirtschaftlich laufen die Dinge inmitten der schönsten Bauhistorie keineswegs gut. Der Schienenfahrzeughersteller Bombardier produziert hier zwar, es gibt die Landskron Brauerei und auch Call Center suchen die Nähe der polnischen Muttersprachler. Aber der Zusammenbruch des Braunkohleabbaus und der realsozialistischen Textilproduktion konnte dadurch nicht aufgefangen werden. Die Arbeitslosigkeit beträgt derzeit über 22 Prozent, und auch in der Liste der Städte mit der prozentual höchsten Kinderarmut ist Görlitz mit führend.
Als Bürgermeister für Kultur, Jugend, Schule, Sport und Soziales, ist Michael Wieler für beides zuständig: für das, was in Görlitz blinkt, und für das, was brennt. Wobei ersteres sein eigentliches Metier ist. Denn der Parteilose ist erst seit August 2008 im Amt und leitete zuvor neun Jahre lang das Görlitzer Musiktheater. Doch das Quereinsteigen gehört fest zur Biografie des 1964 in Mönchengladbach geborenen Wieler, der ein Lehramtsstudium in Münster absolvierte und zum Thema "Dilettantismus - Wesen und Geschichte am Beispiel von Heinrich und Thomas Mann" promovierte. Als Germanist bewarb er sich 1994 als Geschäftsführer der sächsischen Elbland Philharmonie ("weil ich dachte, dass ich das könnte") - und wurde genommen. Fünf Jahre später ging er nach Görlitz.
Vom äußersten Westen also in den äußersten Osten - eine Erfahrung, die er überraschend gering bewertet. Selbst als es bei der Kulturhauptstadtbewerbung von Görlitz, die er als Vorsitzender des Bewerbungsbeirates maßgeblich vorantrieb, schließlich zum Kopf-an-Kopf-Rennen ausgerechnet mit Essen kam, wo er in die (Waldorf-)Schule gegangen war und wo sein Bruder Peter als Fotograf für die Essen Marketing GmbH arbeitet, schien es ihm "weit hergeholt, dass manche Journalisten damals von einer Konkurrenzsituation unter Brüdern schrieben". Dabei gewannen Essen und das Ruhrgebiet die Wahl in Brüssel sogar noch mit einem ähnlichen Konzept: der Kompensation industrieller Schrumpfung durch Kultur ("Willkommen im Hochofen der Kultur").