Heute nun das letzte Lied, das ich in Istanbul singe und sende. Ich will mich vor Melancholie am liebsten in den Bosporus werfen, ins Goldene Horn, in der Hoffnung, dass mich die Strömung in zwei Teile reißt, von denen die eine Hälfte nach Asien und die andere nach Europa schwimmt.
Gestern Abend habe ich kurz dem Berliner Bürgermeister die Ehre erwiesen. Ich nahm einen Holzspieß, steckte ganz viele Käsewürfel drauf und hielt sie in die Runde. Jeder nahm sich artig ein Stückchen ab, weil die Berliner wohl dachten, andere Länder, andere Sitten, und um die arme türkische Frau (mich) nicht zu brüskieren. Als ich gefragt wurde, wer ich sei, stellte ich mich als Berliner Journalistin vor und den Spieß, den ich anschließend in die Runde hielt (dieses Mal Oliven), zog ich unberührt wieder zurück.
Unsere Autorin ist derzeit in Istanbul, wo diese Woche mit einem Festivalprogramm die 20 Jahre alte Städtefreundschaft mit Berlin gefeiert wurde. Mely Kiyak berichtete für die FR jeden Tag.
Danach ging ich mit meinem Kollegen Jan Fleischhauer vom Spiegel, der gestern mit dem Bürgermeister angereist kam, in ein Tanztheaterstück. Kadir Amigo und Yavuz Risk One tanzten Zeybreak. Das ist eine Mischung aus dem traditionellen ägäischen Zeybek und Break Dance. Einer der besten Saz-Virtuosen Deutschlands, Nevzat Akpinar, hat die Musik komponiert und gespielt.
Niemals zuvor habe ich zwei so starke und stolze Männer schöner miteinander tanzen sehen. Yavuz nähert sich seinem Freund, lässt Kürbiskerne aus seiner Mütze rieseln, und Kadir tanzt mit den Kernen, greift hinein, erzeugt einen Takt, den Nevzat aufnimmt, zieht mit seinen Händen Kreise in die Hügel aus Kernen, verteilt sie über die Bühne. Gemeinsam mit Yavuz tanzen sie Zeybek zu Breakdance- Rhythmus und umgekehrt, doch dann tanzen sie etwas dazwischen, etwas Neues ohne Namen, etwas unbeschreiblich Schönes und Schmerzvolles zugleich. Dann umarmen sie sich und das Licht geht aus. Der letzte Ton aus Nevzats Saz schwebt noch über den Bühnenrand hinaus, dann explodiert der überfüllte Saal. Nicht nur Istanbul und Berlin hatten das noch nicht gesehen, sondern die Welt. Verdammte Witwe, der Saal hatte eine gefühlte Luftfeuchtigkeit in subtropischem Ausmaß.
Im Laufe des Abends wurden aus Frau Kiyak und Herrn Fleischhauer zwei Freunde, die beim Blick über den Bosporus und einem Glas Raki Jan und Mely wurden. Vielleicht werden bis Sonntag aus Wowereit und Topbas auch noch Klaus und Kadir. "Die Erinnerung an eine Tasse Mokka währt 40 Jahre lang", so ein türkisches Sprichwort. Das heißt, dass man die Freundlichkeit, die man erfahren hat, nicht vergessen soll. Nein, das werde ich ganz sicher nicht. Bye Bye Istanbul.