Sollte es in Berlin in den letzten Jahrzehnten ein nennenswertes Stiftungswesen oder bürgerschaftliches Engagement gegeben haben, ist es der Autorin dieser Zeilen entgangen. Die großen Projekte und Familien kommen entweder aus Frankfurt oder Hamburg. Kunsthallen oder Restaurierungen bedeutender Kulturstätten wurden stets häufiger aus anderen Gegenden der Republik vermeldet.
Wer jemals im Hamburger Rathaus zu einem Empfang geladen war, weiß, wovon die Rede ist. In Hamburg erweisen die Politiker den Damen und Herren der Hautevolee die Ehre und nicht umgekehrt. Die Gründe sind einleuchtend. In Hamburg oder Frankfurt ist die Politik auf das Geld der Gesellschaft angewiesen. In Berlin ist es anders herum.
Doch vor einiger Zeit, im Jahr 2006, hat sich die "Stiftung Zukunft Berlin" gegründet, die hinter zahlreichen Projekten mit Glanz und Renommee steht. Die temporäre Kunsthalle oder die "Hauptstadt-Reden" sind nur zwei Ideen dieser Stiftung, die über eine Liste von Mitgliedern verfügt, in deren Namen einige "von", und "zu" und "Freiherr" und Prinzen vergnüglich miteinander Konversation treiben. Gelegenheit, sie zu treffen, hatte man am Montag.
Die "Initiative Humboldt Forum" lud am Montag zu einem "Blickwechsel mit Alfred Biolek" ins Pergamonmuseum ein. Menschen zwischen den Kulturen sollten Auskunft geben, wie es sich als Zugereister in Deutschland lebt.
Leben in der mongolischen "Gurte"
So lauschte Gräfin Isa von Hardenberg (in pinkfarbenem Filz und bunten Glas-Ohrringen) gemeinsam mit Rita Süssmuth (einfacher Baumwollblazer in Crème), wie das mit der verflixten "mongolischen Gurte" ist.
Wie lebt man denn nun darin? Das fragte Biolek immer wieder den Schriftsteller und Schamanen Galsan Tschinag (langes Kleid mit Hut und Bommel, alles in Lila), der aber nicht darüber reden wollte. Später variierte Biolek und machte aus Tschinags Behausung noch die "Hurte" und die "Tschurte". Galsan Tschinag wollte lieber phantasieren, wofür er Biolek in der Mongolei einsetzen könne.
Zum Beispiel zum Beschlagen der Pferdehufe. Denn, so Tschinag, der Mensch stehe im Vordergrund und nicht der Beruf. Biolek schaute etwas irritiert und erholte sich erst wieder, als Tschinag ihm versicherte, dass neben gebuttertem Tee auch Alkohol auf dem Ernährungsplan stehe.
"Wenn es Riesling wäre, würde ich glatt zu Ihnen ziehen", versprach Biolek mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Kaputtlachen, dessen Lautstärke stets in merkwürdigem Verhältnis zur Pointe steht, und Räuspern in mehreren Anläufen.
Von der Ethnologin Christiane Millian Escobar, die aus Guatemala stammt und die demnächst heiratet, wollte er wissen, ob sie sich nach der Hochzeit Einrichtungsgegenstände aus Guatemala besorgen werde. Biolek beugte sich vor und präzisierte: "Vielleicht etwas Dekoratives?"
Hingerissen war das Publikum von der Schriftstellerin und Schaupielerin Emine Sevgi Özdamar, die vor 40 Jahren aus der Türkei nach Berlin kam und die Stadt nach einem Jahr wieder verließ, weil sie ihre Mission, ein Abenteuer zu erleben, erfolgreich abgeschlossen hatte: "Ich hatte mein Jungfernhäutchen verloren", sagte sie.
"Wie gehen wir miteinander um?" ist die Leitfrage der Initiative, die Abende sollen fortgeführt werden. Emine Sevgi Özdamar warf schon einmal diese Idee in den Ring.