Der 15. Oktober 1981, es ist Buchmesse in Frankfurt. Die wichtigste Nachricht ist dabei zumeist die Bekanntgabe jenes Autors, der als Nächster mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet werden soll. Diesmal ist es Elias Canetti. Der Neuigkeitswert dieser Nachricht wird jedoch von dem einer rätselhaften Werbeaktion überboten, die Aussteller und Besucher tagelang in Atem hält. Unbekannte haben eine Broschüre an zahlreichen Verlagsständen ausgelegt, mit der angeblich für eine neue Buchreihe geworben werden soll. Titel: „edition sual“ – eine geradezu sensationell anmutende Kooperation zwischen dem Suhrkamp Verlag und dem Lebensmittel-Discounter Aldi.
Verlagschef Siegfried Unseld stellt im Vorwort der Broschüre das Projekt vor: „Seit Peter Suhrkamps Zeiten ist es erklärtes Ziel des Verlages, in Wort, Schrift und verlegerischer Tat gegen nivellierende und zum Teil dem Geiste in der Tat feindlich gegenüberstehende Tendenzen der Moderne anzugehen – das Programm unseres Verlages spricht, so hoffe ich, für sich. Gleichwohl kann ein Verlag, der im geistigen Leben Deutschlands eine solch nicht unbedeutende Rolle spielt wie der unsere, es sich nicht leisten, geradezu elitär im Elfenbeinturm zu verharren.“ Und der Kooperationspartner Theo Albrecht fügt hinzu: „Ich bin sicher, unser neues Projekt wird vollinhaltlich klarmachen, daß Geist und Geschäft keine Gegensätze bleiben.“
Chance für Raddatz
Insgesamt sind es 25 Bände, die in einem für den Suhrkamp Verlag eigentümlichen Sprachgestus vorgestellt werden. Sie reichen von Bertolt Brecht bis Peter Handke, von Theodor W. Adorno bis Hans Blumenberg, von Noam Chomsky bis Michel Foucault – einige der wichtigsten Suhrkamp-Autoren. Dabei ist auch Klaus Theweleit, der nach seinen „Männerphantasien“ nun einen „Aldi-Ödipus“ verfasst haben soll.
Auch einem hanseatischen Kritiker und Autor wird erstmals die Chance geboten, bei Suhrkamp vertreten zu sein. Von Fritz J. Raddatz, dem für seine Umtriebigkeit bekannten Zeit-Feuilletonchef, wird angekündigt: „Praktisch überall. Eine Selbstvergewisserung an Walter Scheel“, Leinenimitation, 256 Seiten, zum selbst für einen Discounter kaum zu schlagenden Preis von 4,80 DM. Dazu heißt es, nicht ohne sich auf eine besonders hervorstechende Beziehung des Autors zum Ex-Bundespräsidenten zu kaprizieren: „Dem Band sind Protokolle der von Fritz J. Raddatz ausnahmslos verlorenen Golf-Partien mit Walter Scheel beigegeben, die Horst Tappert (Derrick) für die edition sual aus dem Gedächtnis aufgezeichnet hat.“
Von dem Psychoanalytiker Tilman Moser, der mit seinen Büchern zu einer Popularisierung der Freudschen Analyse beigetragen hat, wird angekündigt: „Die Syntax der Bohrung. Zur Psychoanalyse des Heimwerkers“ (102 S., Engl. brosch., DM 5,98). Fehlen darf mit Theodor W. Adorno natürlich auch nicht der richtungsweisende Theoretiker der Frankfurter Schule, der spätestens seit den 1951 bei Suhrkamp erschienenen „Minima Moralia“ so etwas wie den philosophischen Ton angibt. Annonciert werden aus seinem Nachlass „Temperaturen. Studien zur Physiognomik der Feinbackkunst“, 276 Seiten, Leinen, 11,20 DM. Im Waschzettel dazu heißt es: „Im Feinbackwerk verdampft der Tauschwert zum Ornament dessen, worüber er zu herrschen sich einst anheischig gemacht hatte. Wer der Patisserie sich nicht stellt, weil er dem zerrütteten Begriff des Niveaus sich beugt, verfehlt das an der Kunst Wesentliche: ihre Verfallsgeschichte.“
Mit dem Namen „edition sual“ soll offensichtlich eine Parallele zu der renommierten Taschenbuchreihe edition suhrkamp assoziiert werden. Angesichts der satirischen Form des Prospekts ist die Frage, die Journalisten wie Besucher am meisten beschäftigt, naheliegenderweise die nach dem oder den Verfassern. Der Spiegel vermutet, der Fake stamme „von einem Suhrkamp-Experten aus dem Dunstkreis der Berliner ,Tageszeitung‘“. So lautet insgesamt auch der Tenor der in der Öffentlichkeit angestellten Vermutungen.
Doch es war anders – letztlich vergehen nicht weniger als drei Jahrzehnte, bis sich die beiden wirklichen Verfasser outen. Das Autorengespann gehörte nicht ins Umfeld der taz, sondern zum Verlagsgewerbe. Es handelte sich um zwei Mitarbeiter des Berliner Verlags Klaus Wagenbach, den damaligen Lektor Thomas Schmid, der bereits mit der Gründung der linksradikalen Zeitschrift Autonomie Zeichen gesetzt hatte, und den Verlagsassistenten Thomas Platt, ein Unternehmersohn aus dem Badischen, der in Berlin Germanistik studiert und bereits frühzeitig Lust an der Provokation entwickelt hatte.
Der aus der linken Frankfurter Szene stammende Schmid und der eher unpolitisch eingestellte Platt beschreiben im Gespräch, wie sie die Idee zu der satirischen Werbeaktion entwickelten und relativ kurzfristig umsetzten. Die Persiflagen – die eine Hälfte hatte Schmid, die andere Platt beigesteuert – seien an drei Abenden in zwei verschiedenen Berliner Kneipen ausgebrütet worden, dem „Terzo Mondo“, einem bereits zu APO-Zeiten angesagten griechischen Restaurant, und dem traditionsreichen „Diener“.
Um die gefakte Broschüre, Auflage ungefähr 2000 Exemplare, unter die Leute zu bringen, habe man sich des alten „Sponti-Netzes“ bedient. Ein Stapel sei sogar unbemerkt am Stand der eigentlichen Zielscheibe der Aktion – dem Suhrkamp Verlag – unter den Augen der dort Verantwortlichen abgelegt worden.
Unseld tobte
Verlagschef Unseld, schildert Schmid seinen Eindruck, habe regelrecht getobt. Der Suhrkamp-Chef ging sogar zur Messeleitung und erkundigte sich bei verschiedenen Verlegern, die sich selbst als links verstanden und mit den potenziellen Akteuren hätten in Verbindung stehen können. So etwa bei Klaus Wagenbach, dem Leiter des gleichnamigen Verlages. Obwohl der Verleger eingeweiht war, hielt er still und verriet nicht, dass zwei seiner eigenen Mitarbeiter dahintersteckten.
Der Anstoß zu der Aktion ging übrigens sogar aus dem Suhrkamp Verlag selbst hervor. Denn dort zirkulierten schon einige Monate vor der Buchmesse fiktive Klappentexte. Zwei der gelungensten Glossen übernahmen Schmid und Platt nur unwesentlich verändert: Tilman Mosers „Syntax der Bohrung“ und Adornos „Studien zur Physiognomik der Feinbackkunst“.
Ihre Aktion, der man einen „pennälerhaften Touch“ nicht absprechen könne, sei für das seinerzeit im linksintellektuellen Milieu vorherrschende Unbehagen gegenüber dem Suhrkamp Verlag sicherlich auch ein Ventil gewesen, so Schmid. Über Jahre hinweg hatte man sich am imperialen Gestus des Hauses gerieben.
Die Wege der beiden Akteure sind unterschiedlich verlaufen. Während der Ex-68er-Aktivist Schmid eine damals für unvorstellbar gehaltene Karriere machte und inzwischen Herausgeber der Welt-Gruppe im Axel Springer Verlag ist, machte sich sein Kompagnon als Autor auf ganz unterschiedlichen Terrains einen Namen. Thomas Platt hat Stadtführer, Restaurantkritiken, Kinder-, Koch-, Hör- und Drehbücher (etwa für „Benjamin Blümchen“, einige der „Werner“-Comicfilme sowie die Sat.1-Serie „Hausmeister Krause“) verfasst.
Der Kontakt zwischen den beiden ist jedoch nie ganz abgebrochen. Hin und wieder wird Platt von Schmid darum gebeten, einen Artikel für eines der von ihm geleiteten Blätter zu schreiben. So zuletzt im Dezember 2010, als er unter dem Titel „Urlaub vom Schicksal“ für die Welt den Versuch einer Ehrenrettung des Trivialromans aufgesetzt hat.
Dieser Text ist ein Teilvorabdruck aus der neuen Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36, die ab morgen erhältlich ist.