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Suhrkamp-Umzug: Unter dem blauen Bogen

Ulla Unseld-Berkéwicz hat gerufen, und alle kamen, die in der deutschen Literatur Rang und Namen haben; zudem noch Prominenz aus der Politik: Suhrkamp öffnet seine Verlagsräume in Berlin. Von Harry Nutt

Seid umschlungen, Millionen...
Seid umschlungen, Millionen...
Foto: dpa

Die Regale sind noch nicht vollständig eingeräumt, aber beinahe jeder Winkel und jede Bücherkiste sind in den vergangenen Wochen sorgsam auf ihre symbolische Bedeutung hin abgeklopft worden. Der Umzug des legendären Suhrkamp Verlages von Frankfurt nach Berlin ist längst zu einem Stück deutscher Geistesgeschichte geworden, in der der bundesrepublikanische Föderalismus einmal mehr der Anziehungskraft der Metropole nachgegeben hat.

So kann man den Transfer von der Frankfurter Lindenstraße in die Berliner Pappelallee in Prenzlauer Berg wohl auch botanisch verstehen. Der sprichwörtlich alte Lindenbaum wird abgelöst von der rauen Borke der Pappel, die nun die vorübergehende Adresse des in Berlin gegründeten, aber über fünfzig Jahre in Frankfurt am Main angesiedelten Suhrkamp Verlages zieren wird.

Mehr als 450 Gäste waren am Dienstagnachmittag der Einladung von Ulla Unseld-Berkéwicz gefolgt, die gerade erst bezogenen Räume zu besichtigen. Bei bitterer Kälte feierte Suhrkamp seine Ankunft in Berlin bereits in der Hofeinfahrt mit Sommerzelt-Charme und Heizpilz-Grandezza. Ein großer aufgesetzter blauer Torbogen wirbt in der eher unscheinbaren Pappelallee schon von weitem um Aufmerksamkeit.

Wohl kaum ein Ereignis hat in der jüngsten Vergangenheit eine solche Anziehungskraft auf die kulturelle und politische Prominenz ausgeübt wie der Vollzug des heftig diskutierten Umzugs vom Main an die Spree. Ökonomische Gründe waren immer wieder als Begründung ins Feld geführt worden. Die juristischen Kämpfe um den Verlag füllen Zeitungsarchive und Aktenregale. Nur gut zwei Drittel der Frankfurter Verlagsmitarbeiter haben den Wechsel nach Berlin mitgemacht. Suhrkamp sei nunmehr ein ganz normaler Verlag, unkten die Kulturskeptiker.

Schwer zu sagen, was ein normaler Verlag heute ist und wie er sich nach außen zu geben hat. Kein anderer deutscher Verlag jedenfalls kann auf eine solche Gefolgschaft verweisen. Das ehemalige Finanzamt in der Pappelallee 78-79 beherbergte am Dienstagnachmittag einen Großteil des literarischen und politischen Lebens der Republik. Allein das Spalier der Autoren, die Ulla Unseld-Berkéwicz in alphabetischer Reihenfolge weihevoll aufzählte, war respekteinflößend. In ihrer kurzen Begrüßung verwies die Verlegerin noch einmal auf den Ideengeber für den Umzug des Frankfurter Traditionshauses. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hatte am 23. Februar 2006 im Rahmen der Eröffnung der Suhrkamp-Repräsentanz in Berlin den Verlagstransfer angeregt. Aus der "bürgermeisterlichen Vision" sei nun Wirklichkeit geworden.

Fast klang es nach einer Entschuldigung, als Klaus Wowereit mit angekratzter Stimme auf seine Amtskollegin Petra Roth verwies, die den Weggang Suhrkamps gewiss bedauere.Wowereit führte den Aderlass des jüdischen und geistigen Lebens an, den Berlin infolge des Nazi-Regimes hinzunehmen hatte. Die Rückkehr Suhrkamps an seinen Gründungsort bedeute für ihn auch eine Wiedererlangung von Normalität. Die Stadt der Autoren werde so auch wieder zu einer Stadt der Verlage.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann merkte an, dass kein anderer Verlag in den letzten 60 Jahren die Gesellschaft von innen geprägt habe wie Suhrkamp. Neumann nutzte die Gelegenheit im Zelt aber auch dazu, kulturpolitische Bemerkungen zur Verteidigung des deutschen Urheberrechts zu machen. Es sei nicht die Aufgabe der Politik, Verlage zu unterstützen. Den Schutz des geistigen Eigentums betrachte er jedoch als eine der größten Herausforderungen der Zeit, der er sich zu widmen gedenke.

Beim Rundgang durchs Haus wurde rasch klar, woraus die von Wowereit angesprochene Normalität auch besteht. Der bürokratische Geist des Finanzamts weht noch durch die Büros, in raumgestalterischer Hinsicht kann nachgebessert werden. Suhrkamp in der Pappelallee ist eben auch ein Provisorium, ehe es dann in einigen Jahren in das Nicolai-Haus in Berlin-Mitte gehen soll.

Innerbetrieblich ist es aber auch so etwas wie ein Neustart. 25 Mitarbeiter sind neu eingestellt worden. Man muss sich kennenlernen, und alte Routinen werden nicht zwangsläufig aus den Umzugskartons geholt.

Als der Suhrkamp Verlag vor knapp zehn Jahren seinen 50. Gründungstag im Frankfurter Schauspiel feierte, lasen Suhrkamp-Autoren in sakraler Ehrfurcht aus den Werken ihrer toten Kollegen. Die Veranstaltung glich einem Hochamt in Zentralperspektive. Bei der Berliner Eröffnung ging es wuselig zu, und Staatsminister und Bürgermeister mussten wie alle anderen im Zelt-Provisorium auf den Veranstaltungsbeginn warten. Es scheint, als habe Suhrkamp die Berliner Egalität bereits angenommen. Eine Egalität, die in ihrer Volksnähe anrührend, mitunter aber auch schroff abweisend sein kann. Suhrkamp ist ein besonderer Verlag, der sich seine Normalität neu erarbeiten muss.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  27 | 1 | 2010
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