"Uns kam es jahrelang nie in den Sinn, Lizenzen in Europa zu verkaufen. Wir kamen zum Kaufen", sagt Müge Gürsoy Sökmen, Verlegerin des Metis-Verlages in Istanbul. Gemeinsam mit der ersten Riege der türkischen Schriftsteller ist sie zu Gast auf einem Symposium in Bamberg zur zeitgenössischen türkischen Literatur.
Es ist der Tag, als sämtliche deutschsprachigen Zeitungen das Minarettverbot in der Schweiz auf die Titelseiten gehoben haben. In der Villa Concordia diskutieren auf Einladung des Goethe-Instituts und der Robert-Bosch-Stiftung, Verleger türkischer Literatur, Übersetzer und Autoren den Stand der türkischen Literatur.
Cem Erciyes, Kulturjournalist der Tageszeitung Radikal aus Istanbul, erzählt, dass junge Menschen in der Türkei davon träumen, einen Roman zu verfassen, der ein Bestseller wird. Aus dem Heiligtum Buch wurde der Konsumartikel, und der Star löst den leidenden Schriftsteller ab.
1994 löste Orhan Pamuk durch seinen Verlagswechsel einen Wendepunkt im Verlagswesen aus. Bis dahin war die Übersetzung eines türkischsprachigen Buches in eine andere Sprache eine Zeitungsmeldung wert. Bis auf Yasar Kemal und Orhan Pamuk gab es im deutschsprachigen Raum keine türkische Literatur. In der Türkei selbst indes gab es kaum türkische Literatur. Die Nachwehen des letzten türkischen Putsches verursachten eine fast zehnjährige "September-Ruhe", bis die Literatur erwachte. Dreiviertel aller Neuerscheinungen sind Debüts.
Und obwohl die meisten türkischsprachigen Migranten in Deutschland leben, startet die Türkische Bibliothek im Zürcher Unionsverlag. Verlagsgründer Lucien Leitess mag deshalb aber keine türkische Literatur verordnen. Kritikern, die auf dem Symposium anmerken, dass die türkische Literatur nicht in den Lehrkanon der deutschen Schulen aufgenommen wird, antwortet er: "Jeder Leser hat das Recht, sich seine relevanten Bücher selber wählen zu dürfen."
Dass zur Türkischen Bibliothek allerdings auch scheußlich gemachte Lehrerhefte dazu gehören ("Erklären Sie den Begriff der Arbeitswelt und zeigen Sie ihn im Werk des Autors"), die einen auf Jahrzehnte für Literatur impotent machen können, verschweigt er. Die Bosch-Stiftung finanziert die gesamte Reihe und initiierte die Bibliothek als gesellschaftspolitisches Anliegen.
Thomas Friedmann, Leiter des Literaturhauses Salzburg, merkt an, dass Literatur einzig durch literarische Kriterien bestehen kann. Auch würde er niemals türkische Autoren in seinem Literaturhaus Salzburg in der "türkischen Community" bewerben, weil er einen kanadischen Autor, auch niemals für die "kanadische Community" einlade.
Müge Sökmen findet, dass die Hälfte der türkischen Literatur, die bleibend sein wird, bereits ins Deutsche übersetzt ist. Als Verlegerin von Juli Zehs Werk in der Türkei äußert sie einen ganz anderen Wunsch. "Wo finde ich den Raum, Juli Zeh in Deutschland über Fragen der Globalisierung, Freiheit und Sicherheit mit einer gleichaltrigen türkischen Autorin diskutieren zu lassen?"
Weder Bernd Goldmann, Direktor des internationalen Künstlerhauses Concordia, noch Lucien Leitess, Thomas Friedmann oder Jürgen Jakob Becker, Programmmacher im Literarischen Colloquium Berlin, meldeten sich.
Ja, auch das brachte die Veranstaltung zu Tage, nämlich dass es nicht ein einziges Buch eines Türken ins Deutsche übersetzt gibt, in dem auf all jene Fragen Bezug genommen wird, von denen die deutschsprachige Öffentlichkeit meint, genügend zu wissen, etwa über das Verhältnis der Türkei zu sich und zur Welt. Sachbücher, Essays und Ansichten aus der Türkei gibt es lediglich von ausländischen Berichterstattern, von denen kaum einer Türkisch spricht.
Die Übersetzerin Monika Carbe gibt eine Anekdote über Klischees und Verkaufbarkeit von türkischen Büchern zum Besten. Sie brachte Nedim Gürsel ins Deutsche. Sein Buch handelt von Museen in Venedig und Istanbul und wurde ein gefeierter Erfolg in der Türkei. "Bilderwelt" wäre die wörtliche Übersetzung für "Resimli Dünya" - so der Titel im Original. Der Schweizer Amman Verlag titelte "Turbane in Venedig".
Die Schreibimpulse der Schriftsteller verlaufen entlang der unaufgearbeiteten Kapitel der türkischen Geschichte. Es sind die Vertreibung der Armenier, das Dersim-Massaker, Sivas, der letzte Putsch 1980 und der Krieg gegen die Kurden im Osten. Müge Iplikci, Sebnem Isigüzel, Sema Kaygusuz, Mario Levi, Murat Uyurkulak und Ayfer Tunc lesen an den Abenden und bestehen darauf, weder historisieren zu wollen noch politische, linke, revolutionäre oder feministische Autoren genannt zu werde.
Und dann kommt es anders. Es beginnt mit Zafer Senocak. Er ist der Erste, der das Wort "Schweigen" in den Mund nimmt. Uyurkulak ("Zorn", Unionsverlag) klärt das Publikum auf, "mein Buch ist ein Gruß an die Kurden". Und Kaygusuz ("Wein und Gold", Suhrkamp) sagt: "Die Quelle meines Schreibens ist das Nicht-Erzählen-Können und die Scham der Opfer."
So scheint es, dass bleiernes Schweigen, das sich über ein Land gelegt hat, eine Voraussetzung fürs Erzählen ist. Die Stunde Null der türkischen Literatur geht mit diesen Autoren auf ihr offizielles Ende zu.