Nicht einmal einen Kilometer von Ground Zero ist in New York das alte Hauptgebäude der Cooper Union Universität entfernt. Früher hatte man von hier aus einen Blick den Broadway hinunter auf die Zwillingstürme. Die Wall Street ist auch nur einen Spaziergang weit weg, und zu den Vereinten Nationen kann man ebenfalls laufen. Die Cooper Union liegt am Puls des Weltgeschehens und deshalb wird sie auch gerne dazu benutzt, über große Themen nachzudenken. Vor nicht mal anderthalb Jahren hielt Barack Obama dort seine Grundsatzrede zur Wirtschaftspolitik.
Am Donnerstag waren nun vier der profiliertesten zeitgenössischen Intellektuellen in die Säulenhalle geladen, um sich über fundamentale Probleme der Weltgesellschaft auszutauschen. Säkularisierung und die Rolle der Religion im öffentlichen Raum war das Thema, und die Redner waren Jürgen Habermas, Charles Taylor, sowie zwei der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen, der schwarze Theologe Cornel West sowie die Feministin Judith Butler. Was hält in einer säkularisierten Welt unsere pluralistischen Gesellschaften zusammen, wurden die vier gefragt und vor allem: Ist der Rückfall in Fundamentalismen vermeidbar?
Der Bedarf an Orientierung bei diesen Fragen war groß - schon Stunden vor der Debatte wand sich eine Menschenschlange um den Block. Gut sechs Stunden später kamen die 1500, die einen Platz ergattern konnten, nicht unbedingt mit klaren Antworten wieder auf die Straße. Aber sie hatten zumindest einen Eindruck von der Breite an Möglichkeiten bekommen, das Problem der zentrifugalen Pluralisierung und der Rolle der Religion anzusprechen.
Zumindest deutsche Zuhörer überraschte Jürgen Habermas wenig, indem er sich an der politischen Theologie von Carl Schmitt abarbeitete. Aber möglicherweise war es ja für sein amerikanisches Publikum interessant, wie sehr Schmitts faschistoider Begriff des "Politischen" für Habermas selbst eine der Triebkräfte war, in seinem politischen Denken über jegliche ontologische Machtlegitimierung hinweg zu gelangen. Seine Abscheu für die Wiedereinführung quasi-theologischer Legitimierungen in die Politik Bushs folgt daraus selbstverständlich.
Über eine mögliche positive Rolle der Religion im öffentlichen Raum hatte Habermas freilich nicht viel zu sagen. Er billigte nicht-fundamentalistischen Glaubensbekenntnissen zwar eine gewisse positive soziale Funktion zu, erneuerte aber sein Argument, dass der politische Diskurs unter allen Umständen von solchen Sinnsystem zu abstrahieren habe. Ohne neutralen Raum des vernünftigen Austausches seien moderne Gesellschaften zum Scheitern verurteilt.
Der Multikulturalismus-Theoretiker Charles Taylor, der Habermas folgte, teilte indes nicht dessen Hoffnung, dass eine solche Verständigung auf der Basis der Ratio in einer pluralistischen Gesellschaft möglich ist. Die Idee der Zivilreligion hat für Taylor ausgedient, das höchste, was man in unseren Gesellschaften erhoffen kann, sei eine Zivildoktrin, wie er es ausdrückte. Eine tiefere Verständigung, basierend auf einem gemeinsamen Sinnsystem, kann für ihn nur noch in privaten Gemeinschaften stattfinden.
Letztlich beschäftigten sich jedoch Habermas und Taylor in sozialwissenschaftlicher Tradition mit dem Problem, wie säkularisierte Gesellschaften funktionieren können. Ihre jüngeren Kollegen interessierten sich mehr dafür, was moderne pluralistische Gesellschaften von der Religion lernen können.
Judith Butler etwa berief sich auf die intellektuelle Tradition von Hannah Arendt und Walter Benjamin, um einen "messianischen Säkularismus" zu entwerfen. Für diese Tradition sei die Diaspora-Erfahrung, die Erfahrung der Fremdheit zentral und auf keinen Fall etwas, das es aufzulösen oder zu beenden gelte. Zionismus, so Butlers provokante These, sei etwas zutiefst Unjüdisches. Vielmehr sei Jüdisch-Sein eine Verpflichtung zur "Ko-Habitation", wie sie es nannte.
Cornel West trieb die undogmatische theologische Begründung säkularer pluralistischer Gesellschaften noch einen Schritt weiter. Für den schwarzen Theologen ist das Gebot der Nächstenliebe universell, aber er weigert sich gleichzeitig, eine zusammenhängende Sozialtheorie daraus zu entwickeln. West versteht sich als eine Art Befreiungstheologe - verpflichtet, unermüdlich gegen Unrecht und Ungerechtigkeit anzugehen, auch wenn sie nie abzuschaffen sind.
West hat eine predigthafte Form des Vortrags entwickelt, so schmetterte er eine bebende Anklage des Kapitalismus in den Saal. "Ich fühle mich ein wenig in einem Dilemma", sagte darauf Habermas: "Man hat das Gefühl, dass jeglicher akademische Diskurs albern ist und man sofort auf die Straße gehen sollte."
So hatte es Cornel West wohl gemeint.