In ihrem Buch „Gefühlte Opfer“ haben die Hamburger Historikerin Ulrike Jureit und der Frankfurter Soziologe und Forschungsanalytiker Christian Schneider kürzlich ihr Unbehagen über die verbreitete Tendenz artikuliert, den Holocaust zu sakralisieren. Ihn zum Heiligtum zu erklären, schreiben Schneider und Jureit, „dürfte das stabilste Hindernis dafür sein, das kapitale Verbrechen des 20. Jahrhunderts wenigstens so weit zu bearbeiten, dass es dem Leben einer posttotalitären Zivilgesellschaft mehr ist als ein TV-verwertbares Schreckensszenario oder ein pädagogisches Exempel.“
Der Bogen ist weit gespannt. Zwischen ergriffenem Trauerritual und trivialen Erinnerungsremakes gibt es inzwischen eine ganze Palette diskursiver, künstlerischer und medialer Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. Mal gelten sie als würdig und angemessen, mal wittert man in ihnen Provokation und Tabubruch.
Nicht selten soll es das auch sein. Während der jahrelangen Diskussion um das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas veröffentlichte die Mahnmals-Initiatorin Lea Rosh im Jahr 2001 ein Plakat mit dem Motiv einer idyllischen Berglandschaft mit der Aufschrift: Den Holocaust hat es nie gegeben. Das sollte „wachrütteln“, deutlich machen, wohin man denn käme, wenn das allgemeine Vergessen einsetzte. Jureit und Schneider rufen diese Aktion in ihrem Buch in Erinnerung, um die Grenzen der genuinen Trauermöglichkeit aufzuzeigen. In der Plakataktion habe sich einmal mehr der heimliche Wunsch gezeigt, es möge alles nicht wahr, nicht gewesen sein. Jureits und Schneiders Überlegungen laufen stattdessen auf Modelle einer anderen Affektkultur hinaus, in denen es vor allem darauf ankomme anzuerkennen, dass es so gewesen ist, wie es war – „samt dem Eingeständnis, dass dabei retrospektiv das Wünschen nicht helfen kann.“ Der Holocaust hat stattgefunden, und man wird es aushalten müssen, dass es weder Erlösung noch hinreichende Trauerarbeit geben kann.
Wie strukturell unabgeschlossen die Diskussion um die Erinnerung an den Holocaust ist und sein muss, zeigt nun ein vierminütiges Video, das zum heimlichen Quotenhit auf dem Internet-Portal Youtube avanciert ist. Ein alter Mann tanzt mit jungen Leuten vor den Toren des KZ Auschwitz sowie anderen NS-Gedenkstätten, u.a. im Ghetto Litzmannstadt, dem Ghetto von Lodz. Damit noch nicht genug, die seltsame Besuchergruppe bewegt sich rhythmisch zu Gloria Gaynors Hit aus den Siebzigern: „I will survive“.
Keine Sekunde beschleicht den Betrachter Unbehagen
Auf dem weißen T-Shirt des alten Mannes steht Survivor – und er ist auch einer. Er heißt Adolek „Adam“ Kohn, ist 89 Jahre alt und lebt heute im australischen Melbourne.
Im August 1944 war der gebürtige polnische Jude Kohn nach Auschwitz deportiert worden, seine Mutter kam dort ums Leben. Jetzt kehrte er mit seinen Enkeln in die Gedenkstätte Auschwitz auf eigenwillig triumphale Weise zurück.
Das Video mit dem Titel „Dancing Auschwitz“ hat Kohns Tochter gemacht. Die australische Künstlerin Jane Korman hatte die Idee, ihren Vater mit seinen Enkeln diese schrullige Choreografie eines Überlebenden aufführen zu lassen. Keine Sekunde beschleicht den Betrachter das Unbehagen, hier einem besonders geschmacklosen Tabubruch beizuwohnen. Das liegt wohl auch an der Unbekümmertheit der Tänzer, die sichtlich unbeholfen und amateurhaft ihre Schritte setzen, aber sehr rasch ein Gefühl für die distanzierte Ironie und den verhaltenen Ernst ihres Unterfangens gewinnen. Viereinhalb Minuten sind kein ganz kurzer Clip. Wäre das Video bloß ein alberner Gag, würde man es wohl keine 30 Sekunden ertragen. Tatsächlich aber kann man sich des Anblicks des lebensfrohen Mannes und seiner Enkel nicht entziehen.
Jane Korman hat einer provisorischen Choreographie zur Geltung verholfen, in der Schicksal und Leid ebenso aufgehoben sind wie der Übermut eines Mannes, der aus Auschwitz entkommen konnte. Der Film endet mit einer Sequenz Schwarzbild, in die hinein Adolek Kohn aus dem Off spricht. Es war nicht einfach nur ein Scherz. Wenn ihm das jemand gesagt hätte, dass er 63 Jahre später mit seinen Enkeln herkommen würde, hätte er geantwortet: „Worüber redest Du? Und da sind wir. Das ist ein historischer Moment.“
Das wollten andere nicht gleich erkennen. Das Holocaust-Museum in Melbourne lehnte es ab, den Film zu zeigen. Es spiele die Bedeutung von Auschwitz herunter. Auf den ersten Blick, schreibt Henryk M. Broder, der im Spiegel auf das Video aufmerksam gemacht hat, „ist Dancing Auschwitz ein Tabubruch, auf den zweiten eine Provokation, auf den dritten aber eine kluge Antwort auf die Frage, wie man an etwas erinnern kann, das im Steinbruch der Erinnerungskultur längst zu historischem Schotter verarbeitet wurde: auf Konferenzen und Seminaren, in Filmen und TV-Serien, bei Demos und Gedenkfeiern, auf denen mit jahrzehntelanger Verspätung dazu aufgerufen wird, den Anfängen zu wehren.“
Jane Kormans Video über die Performance ihres Vaters in Auschwitz ist ein lehrreiches Beispiel dafür, was mit einer anderen Affektkultur, die Jureit und Schneider in ihrem Buch über „Gefühlte Opfer“ ansprechen, gemeint sein könnte. Die Klickerfolge und die meist anerkennenden Kommentare bei Youtube sind ein Indiz dafür, dass sich neben dem ritualisierten Holocaustgedenken vielfältige Ausdrucksformen künftiger Generationen etablieren, über den Holocaust zu sprechen.