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Terror-Debatte: Zornige junge Männer

Die "Achse des Bösen" gegen die Achse des Guten - des Westens, der damit den Gegner bestätigt. Eine Essener Tagung untersuchte das Verhältnis zwischen Terror und Religion. Von Christian Schlüter

Martialisch, aber mit frommem Spruch auf dre Fahne.
Martialisch, aber mit frommem Spruch auf dre Fahne.
Foto: Reuters

Auch unsere Wertschätzung der Religion ist Konjunkturen unterworfen. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt sie als Inbegriff der Friedfertigkeit. Kein Kirchentag, an dem nicht Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet wurden. Das hat sich seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geändert. Seitdem warnt man uns nicht nur vor den Gefahren des Islams, des Islamismus, sondern wurde der "Krieg gegen den Terror" zur Schicksalsfrage des säkularen Westens, die sich vornehmlich in religiösem Vokabular artikuliert, als Kampf des Guten gegen das Böse, der christlich-abendländischen Wertegemeinschaft gegen muslimisch-vor-aufgeklärte Invasoren.

Der "Achse des Bösen" stand somit eine Achse des Guten gegenüber, ein manichäisches Weltbild erneuerte sich, mit dem in der Nachfolge des Kalten Krieges die zuvor quasireligiös befeuerte Systemopposition zwischen Kapitalismus und Kommunismus ihr sinnstiftendes Äquivalent fand: Religiös motivierter Terrorismus avancierte zum Feind schlechthin und zur größten Herausforderung der Zeit. Diese ideologische Neuausrichtung des Westens darf als wichtigster Sieg El Kaidas verbucht werden, so der Bremer Religionswissenschaftler Hans Kippenberg auf der Essener Tagung über "Terror und Religion".

Auf der Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts rekonstruierte Kippenberg die Karriere des Terrorbegriffs, der schon kurz nach dem 11. September zu einer Art Passepartout in einer global geführten Abwehrschlacht wurde. Wer heute von Terroristen spricht, bringt bei seinen Zuhörern die Bereitschaft zum Verschwinden, etwas über die Gründe des Terrorismus und die eigene Beteiligung an der Entstehung terroristischer Gruppierungen erfahren zu wollen. Nicht nur die Kriege in Afghanistan und Irak wurden so rechtfertigbar.

In Essen herrschte Einigkeit, Terrorismus nicht als Widerstandsbewegung mit territorialen Zielen zu verstehen. Terror dient vielmehr der Verbreitung von Furcht und Schrecken und stellt damit eine äußerst gewalttätige Kommunikationsstrategie da. Die "Propaganda der Tat" hofft auf eine "Entlarvung" des Gegners - möge er sich in seiner Reaktion auf den Terror als das erweisen, was er "in Wahrheit" ist. Der Sieg von El Kaida besteht darin, durch den proklamierten "Krieg gegen den Terror" als Kriegsgegner anerkannt worden zu sein und den Westen von Guantánamo Bay bis zum Kundus als terroristische Invasionsmacht vorgeführt zu haben.

Marginale Rolle der Religionen?

Diese Einsicht erweiterte der Friedens- und Konfliktforscher Ulrich Schneckener (Osnabrück) um die Frage nach der Bedeutung "religiöser Semantiken" für die Herausbildung terroristischer Gruppierungen. Im globalen Vergleich, so lautete sein empirischer Befund, spielen Religionen eher eine marginale Rolle. Gewalthemmungen lassen sich auch mit Hilfe anderer Ideologien abbauen, sozialrevolutionären, nationalistischen, ethnischen oder rassistischen. Sie dienen ebenfalls der Schaffung mythisch-symbolischer Komplexe, etwa der kultischen Märtyrerverehrung, der Motivation und Legitimation. Demgegenüber erweisen sich religiöse Programme häufig sogar als Hindernis bei der Rekrutierung.

Schneckener nannte als Beispiel die palästinensische Hamas. Als islamistische und paramilitärische Terrororganisation verfügt sie offenkundig über eine religiöse Perspektive: die Einrichtung eines Gottesstaates. Doch betätigt sie sich auch als administrative Kraft: Von der Müllabfuhr über die Gesundheitsversorgung bis zu Bildungseinrichtungen werden verschiedene säkulare Politikfelder bearbeitet. Und dass der "Märtyrertod" für hinterbliebene Angehörige des Selbstmordattentäters mit erheblichen Geldsummen "vergütet" wird, bedeutet in einer wirtschaftlich unterentwickelten Region einen ökonomischen Anreiz. Jenseitsverheißungen erscheinen da sekundär.

Der Terror stellt vielmehr ein kosteneffizientes Mittel dar, einem politischen Anliegen Geltung zu verschaffen. Der Essener Soziologe Harald Welzer verwies in diesem Zusammenhang auf die 500000 Dollar, die 9/11 "nur" gekostet hat, für einen Terroranschlag wird im Schnitt 150 Dollar veranschlagt. Aus der Deckung der zivilen Gesellschaft möglichst wirksam und billig zu operieren: Der Bochumer Literaturwissenschaftler Manfred Schneider übertrug diese Überlegung auf die Schulmassaker im amerikanischen Columbine (1999) und an der Virginia Tech University (2007), die, so schränkte er ein, keine Terroranschläge im herkömmlich Sinne waren.

Die Attentäter, Eric Harris, Dylan Klebold und Seung-hui Cho haben allerdings umfangreiche literarische Zeugnisse hinterlassen. Sie ähneln, so Schneider, in auffälliger Weise den Pamphleten terroristischer Gruppen: Von ihrer "Argumentation" her sind sie zirkulär und bezeichnen den Mord als "gottähnliches" Tun, sie stellen eine Genealogie zu vorangegangen "Märtyrern" her, sprechen im Namen der Menschheit und stellen sich in Fundamentalopposition zu ihr. Zudem zeugen sie von "jungen, zornigen Männern", die souverän über die Kommunikationsmittel der modernen Popkultur verfügen. Schließlich kündet der "literarische Nachlass" der Attentäter von moralisch gerechtfertigter Gewalt und prophetischer Verkündigungspose.

Auch hier also, ohne religiösen oder politischen Hintergrund, findet sich eine Tendenz zur "Ver-diesseitigung von Absolutheitsformeln". Offenbar stellt unsere säkulare Kultur, so das beunruhigende Resümee der Essener Tagung, nicht nur die technischen Mittel, sondern auch die für den Terror geeignete Sprecherrollen und Rolemodels zur Verfügung.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  1 | 3 | 2010
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