kalaydo.de Anzeigen

Türkei: Deutsche Gesellschaft unter Beobachtung

Auch die Germanistik verändert sich durch die Globalisierung. Das zeigen die Aktivitäten des 2003 gegründeten türkischen Germanistenverbands GERDER. Von Kirsten Prinz

Auf der Fahrt nach Ephesus unterhalte ich mich mit meiner Busnachbarin, die in Germanistik promoviert und derzeit Deutsch im Tourismus in Izmir unterrichtet. "Ein Freund von mir betreute eine Kindergruppe und rief ,Tempo, Tempo!', um die Kinder in Bewegung zu bringen", erzählt sie. "Dann bekam er aber überraschend von einem Kind ein Papiertaschentuch in die Hand gedrückt. Da brauche ich schon gute Sprach- und Kulturkenntnisse um eine solche Situation einordnen zu können."

Nicht nur in Alltagssituationen zeigt sich, wie wichtig interkulturelle Kenntnisse sind. Auch die Germanistik verändert sich durch die Globalisierung. Das zeigen die Aktivitäten des 2003 gegründeten türkischen Germanistenverbands GERDER (www.gerder.org.tr), der durch Publikationen und Tagungen nicht nur die Vernetzung türkischer Germanisten stärkt, sondern auch Kontakte zu deutschen Hochschulen pflegt.

Unter dem Motto "Globalisierte Germanistik: Sprache - Literatur - Kultur" fand in Zusammenarbeit mit GERDER und mit Unterstützung des DAAD, des Goethe-Instituts Izmir und des österreichischen Kulturforums Istanbul in der vergangenen Woche der elfte Germanistik- Kongress an der Ege Üniversitesi (Ägäis Universität) in Izmir statt. Die über 70 Vorträge bezogen sich nicht nur auf die Sprach- und Literaturwissenschaft, sondern auch auf die Bereiche Übersetzungswissenschaft und Deutsch als Fremdsprache - auf Themenbereiche also, die nur in einem transkulturellen Rahmen jenseits nationaler Kategorien zu fassen sind.

Ernst Appeltauer (Universität Flensburg) bezog sich in seinem Eröffnungsvortrag dementsprechend auf eine globalisierte bundesrepublikanische Gesellschaft, in der Mehrsprachigkeit zum Alltag in Kindergärten und Schulen gehört. Er betonte, dass Fehler in alltäglichen Sprechsituationen auch Teil eines sinnvollen Lernprozesses darstellen können. Dass der Kongress mit Plenarvorträgen aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache und aus der Übersetzungswissenschaft eröffnet wurde, zeigt bereits einen deutlichen Unterschied zur Germanistik in Deutschland, deren Schwerpunkt im Bereich der Literatur- und Sprachwissenschaft liegt.

Aber warum bringt gerade das Deutsche solche Schwierigkeiten bei der Übersetzung mit sich? "Das Deutsche ist eine Sprache, die genaue kulturelle Kenntnisse bei der Übersetzung verlangt", erklärt Nilgin Tanis Polat, Mitarbeiterin am Institut für Germanistik an der Ege Universität Izmir. "So ist ein Begriff wie ,Wald' im Deutschen und im Türkischen unterschiedlich besetzt. Im Deutschen ist der ,Wald' eher positiv-romantisch, im Türkischen eher ein düsterer und gefährlicher Ort. Das muss man bei der Übersetzung berücksichtigen." Auch Titel wie "Die Blechtrommel" von Günter Grass würden bei türkischen Lesern andere Assoziationen hervorrufen, weil er zum Beispiel häufig mit einer Passage aus Yasar Kemals Roman "Anatolischer Reis" verbunden werde, in der Blechtrommeln eine besondere Rolle spielen.

Überhaupt waren es auf der Tagung die ungewohnten Zusammenhänge, in denen Texte türkischer und deutscher Autoren miteinander verbunden wurden und die dadurch Wahrnehmungsweisen eröffneten, die allein im deutschen Kontext nicht möglich sind. So wurden Texte von Thomas Bernhard mit denen türkischer Schriftsteller verglichen; die Orient- und Türkeirezeption von Autoren wie Bertold Brecht, Ernst Bloch, aber auch bei Goethe und seinem Zeitgenossen Friedrich Rückert wurde untersucht. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die interkulturelle Germanistik, die sich beispielsweise mit aktuellen Romanen wie Yadé Karas "Selam Berlin" beschäftigt. Schließlich zeigte sich in vielen Beiträgen der beobachtende Blick auf die deutsche Gesellschaft.

Was aber wird außerhalb eines solchen Kongresses an deutscher Literatur in der Türkei wahrgenommen? Neben den Klassikern sind das insbesondere Stefan Zweig und Hermann Hesse, aber auch Heinrich Heine, Thomas Mann, Joseph Roth, Günter Grass und Uwe Timm. An den Universitäten wird jedoch verstärkt auch Gegenwartsliteratur wie zum Beispiel Andreas Maiers "Wäldchestag" oder Feridun Zaimoglus "Liebesbrand" gelesen.

Der Kongress in Izmir zeigte, welche Impulse gerade von der Germanistik in der Türkei ausgehen können, in der die interkulturelle Germanistik sich bereits in den 80er Jahren an der Universität Istanbul etablierte. Die Globalisierung eröffnet nun neue Fragestellungen, die in einer primär national orientierten Philologie nicht mehr behandelt werden können. Zunehmend werden Texte deutschsprachiger Autoren wie Uwe Timm, Juli Zeh, Feridun Zaimoglu oder Urs Widmer unter transnationalen und transkulturellen Gesichtspunkten diskutiert. Hier trägt die türkische Germanistik wesentlich zur Öffnung des Faches bei.

Das Goethe-Institut Istanbul zeigt bereits, dass Transnationalität in der Literatur längst Realität ist: Im Mai startete eine Literaturtournee, die zwischen der Türkei und verschiedenen EU-Ländern stattfindet und noch bis nächstes Jahr andauert (www.goethe.de/yollarda).

Autor:  KIRSTEN PRINZ
Datum:  29 | 5 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.