Gleich neben der P 3 waren wir auf die Vandalen gefasst. Entlang der Landstraße, die durch Sbeitla führt, sahen wir ihren Spuren entgegen, verstreut zwischen römischem Kapitol und Forum, Thermen, Tempeln und christlicher Basilika, gegenüber vom Parkplatz, auf dem die Busse haltmachen. So geschehen, wie gesagt, an der P 3, tief in Tunesien. Wir nutzten, kein Thema, den Zebrastreifen.Sbeitla ist unter den Städtchen des nordafrikanischen Landes ein besonders gut erhaltener Erinnerungsort, der die einst strategische, politische und wirtschaftliche Bedeutung des römischen Sufetula anschaulich macht. Nach Sufetula, das Ende des 4., Anfang des 5. Jahrhunderts längst christlich (und noch nicht islamisch) war, kamen auch die Vandalen. Hier fanden die Invasoren Reichtümer aus Marmor und Kalkstein vor, Bilderbuch-Kapitelle, Bilderbuch-Mosaike. Und die Barbaren bewahrten das Erbe, dort, wo heute auf Beeten gezupft und gerupft wird, vor allem aber von Ortsansässigen der Rücken krumm gemacht werden muss.
Nicht dass die Spuren, die die Vandalen in Sufetula hinterließen, deutliche Spuren wären. Nicht dass man mit dem Finger regelrecht darauf zeigen und, vervollständigt Harald Siebenmorgen seinen Satz, sagen könnte, das ist jetzt vandalisch. Der Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe erklärt ein Taufbecken. Jetzt kommen wir zum Eigentlichen, hatte Siebenmorgen zuvor angekündigt.
Die Ausstellung im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, ist bis zum 21. Februar 2010 zu sehen. Der vortreffliche Katalog ist im Verlag Philipp von Zabern erschienen, 448 S., 24,90 Euro.
Helmut Castritius liefert eine ebenfalls detaillierte Analyse in seinem soeben erschienenen Buch "Die Vandalen", Urban-Taschenbuch 605, 190 S., 17 Euro.
Kleeblattartig ist das Becken, aus Mosaiken gefertigt das christliche Kreuz, die Arbeit stammt aus der Ära der Vandalen in der römischen Provinz Africa. Doch stammt das Becken auch, bei aller Kunstfertigkeit, bei aller Raffinesse, von Barbarenhand?
Was nun, so stellt auch der Vandalenforscher Philipp von Rummel die Frage, ist tatsächlich vandalisch. Zur Frage kommt es in dem Katalog zu der Ausstellung "Das Königreich der Vandalen", die von morgen an im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe zu sehen ist. Über 500 Objekte sind konzentriert worden, darunter Leihgaben aus London, Rom, Paris, Tunis, in sieben Abschnitten haben Susanne Erbelding und Astrid Wenzel die von ihnen eingerichtete Ausstellung eingeteilt, angefangen von der Umbruchszeit Ende des 4. Jahrhunderts, als die Völkerwanderung Rom in die Krise stürzte und ein Weltreich destabilisierte. Unmittelbar anschlussfähig erwies sich die Auflösung eines Imperiums.
Waffen und Ausrüstungsgegenstände, aus Königsgräbern in der heutigen Slowakei geborgen, in Vitrinen ausgebreitet, sind Belege für den Auftritt der Neuankömmlinge auf der politischen Landkarte Europas, nicht von ungefähr geschieht der Eintritt der aus dem heutigen Schlesien und Karpartengebiet stammenden Seiteneinsteiger in die Geschichte vor einem weißen Hintergrund. Von den Goten aufgescheucht, vom Hunger geplagt, wurde auch der Verband der Vandalen mit den Völkermassen weiter getrieben. Dabei brachten es die Vandalen nicht zur Supermacht wie die Hunnen, waren alles andere als Europameister des Mittelmaßes wie zur selben Zeit die Franken oder ein Anpasserkollektiv wie die Burgunden.
Wie sehr Rom sich den Barbaren militärisch (und moralisch) überlegen fühlte, beweist, nicht einmal handtellergroß, eine Gemme, darauf der Triumph des Licinius, und wie der Adoptivsohn des Diokletian auf seiner Quadriga frontal über die am Boden liegenden Barbaren hinwegprescht. Man betrachtet eine Arbeit aus dem 4. Jahrhundert - da haben auch die Vandalen längst gelernt, sich für ihre militärische Schlagkraft und Mobilität die römische Infrastruktur zunutze zu machen.
Das Verkehrsnetz unterstützte die strategischen Ziele einer gewaltigen Germanenkoalition. Im Jahr 401 erreichten die beiden Vandalenstämme, Hasdingen und Silingen, den Rhein, 406 überschritten sie den Strom, inzwischen Christen. Einen verheißungsvollen Vorgeschmack auf die römische Provinz Africa gewannen die Vandalen unter der Sonne Andalusiens, für Intimkenntnisse vom "Gelobten Land" sorgten gezielte Raubzüge.
Voraus ging dem Sprung über die Meerenge von Gibraltar eine ungeheure logistische Leistung, 80000 Menschen mussten auf die Schiffe gebracht und verteilt werden. Africa muss schon deshalb anziehend gewesen sein, weil es, im Gegensatz zu der ruhelosen Wanderung, die Gelegenheit zur Selbstversorgung versprach. Diese materiellen Motive korrigieren eine Vielzahl christlicher Legenden, heilsgeschichtlicher Mutmaßungen, wie sie von katholischen Autoren in die Welt gesetzt wurden, wonach der Vandale ein liederlich gewordenes Christentum bestrafe, stellvertretend für Gott. Von hier, abstrusen Rachefantasien, bis hin zu ebenfalls religiös aufgeladenen Mutmaßungen über einen "Heiligen Krieg", war nur ein kleiner Schritt unter christlichen Zeitgenossen.
Römische Infrastruktur, von der Verwaltung bis zu den Verkehrswegen, machten sich die Vandalen in Africa zunutze, vor allem ihr König Geiserich muss einer der ganz großen Strategen der Spätantike gewesen sein. Er verstand es, die Interessen einer Elite den Gewohnheiten einer erdrückend großen Mehrheit aufzuzwingen. Zum Zwang gehörte, dass er 455 Rom eroberte und plünderte, wobei die Bewohner wie auch die Kunstwerke, nicht nur zu barbarischen Zeiten eine Ausnahme, verschont wurden.